Römisches Totenritual

Urne in Spanien bewahrt seit 2.000 Jahren flüssigen Wein

 Dennis Lenz

Urne in Spanien bewahrt seit 2.000 Jahren flüssigen Wein
Die römische Glasurne aus dem Grab von Carmona steckt in einer schützenden Bleihülle und enthält bis heute rund fünf Liter Flüssigkeit. Chemische Analysen zeigten, dass es sich um Wein aus dem ersten Jahrhundert handelt, der damit als ältester flüssig erhaltener Wein gilt. (Foto: © Daniel Cosano, Juan Manuel Román, Dolores Esquivel, Fernando Lafont, José Rafael Ruiz Arrebola, Wikimedia Commons / Journal of Archaeological Science: Reports)

Eine römische Urne aus Spanien hat rund 2.000 Jahre lang flüssigen Wein bewahrt, der inzwischen eine rötliche Farbe angenommen hat. Zwischen den Knochenresten eines Verstorbenen steckten darin auch wertvolle Grabbeigaben. Chemische Spuren verraten, was die Angehörigen einst hineingossen, während das Gefäß selbst einen entscheidenden Teil des Rätsels erklärt.

In einer Glasurne aus Carmona haben sich etwa fünf Liter Flüssigkeit aus dem frühen ersten Jahrhundert nach Christus erhalten. Entdeckt wurde das Gefäß 2019 bei Arbeiten an einem Wohnhaus, unter dem eine unberaubte römische Grabkammer lag. Stadtarchäologe Juan Manuel Román untersuchte den Fund gemeinsam mit Chemikern, die selbst kleinste Reste des ursprünglichen Inhalts nachweisen konnten. Das Team um José Rafael Ruiz Arrebola von der Universität Córdoba identifizierte die Probe als den ältesten bislang bekannten flüssig erhaltenen Wein.

Unter der Flüssigkeit lagen verbrannte Knochen eines Mannes und ein goldener Ring mit einer Darstellung des doppelgesichtigen Gottes Janus. Für die Archäologen passt dieser Inhalt zu einer Bestattung, bei der Angehörige dem Toten Kostbares auf seinen Weg ins Jenseits mitgaben. Nach ihrer Deutung wurde der Wein über die bereits eingefüllten Überreste gegossen und gehörte damit unmittelbar zum Begräbnisritual. Weitere Speise- und Trankgefäße standen in der Kammer, darunter eine auffällig gut erhaltene Schale aus Mosaikglas.

Die Urne von Carmona steckt in einer schützenden Bleihülle

Am bauchigen Gefäß sitzen Henkel, deren geschwungene Form an ein M erinnert; der kräftige Glasrand schimmert auf den Fundaufnahmen blaugrün. Über dem gläsernen Deckel lag ein weiterer Verschluss aus Metall, der den eiförmigen äußeren Behälter oben abschloss. So war das empfindliche Stück von mehreren Materialschichten umgeben, als es in seine Wandnische gestellt wurde. Auf der Außenseite sind raue Altersspuren zu erkennen, während sich die ursprüngliche Form des inneren Gefäßes noch deutlich abzeichnet.

Nebenan stand ein vergleichbares Glasgefäß, dessen Inneres bei der Entdeckung vollständig trocken war, obwohl es denselben Bedingungen ausgesetzt gewesen war. Dieser Unterschied stützt zusammen mit dem ungestörten Grabzustand die Annahme, dass der Inhalt zur ursprünglichen Bestattung gehört. Die Wissenschaftler führen den außergewöhnlichen Erhalt auf den weitgehend abgeschlossenen Raum und seine geschützten Gefäße zurück, die den Inhalt abschirmten. Für die zeitliche Einordnung verglichen sie die Ausstattung und die Bauform des Grabes mit anderen Bestattungen aus der Region.

Córdoba findet sieben chemische Spuren des Weins

Für den Nachweis trennten die Chemiker winzige Proben mit Flüssigchromatografie und bestimmten anschließend mit einem Massenspektrometer, welche Verbindungen darin vorkamen. Pro Messung gelangten lediglich zwei Mikroliter der vorbereiteten Probe in das Analysegerät, also ein winziger Bruchteil eines gewöhnlichen Tropfens. Nachweisbar waren unter anderem Quercetin, Apigenin und Vanillin, die auch in heutigen Weinen vorkommen und zur untersuchten Gruppe der Polyphenole gehören. Diese Pflanzenstoffe sind einzeln betrachtet auch aus anderen Zusammenhängen bekannt; aussagekräftig wurde ihr gemeinsames Vorkommen zusammen mit dem Mineralprofil und dem archäologischen Fundkontext.

Solche Untersuchungen suchen gewöhnlich nach Substanzen, die sich an Gefäßwänden festgesetzt haben oder in poröse Keramik eingedrungen sind. Bei der Weinproduktion auf Sizilien ließ sich beispielsweise über Rückstände in Amphoren nachvollziehen, welche Handelsware die Behälter einst transportierten. In Carmona konnte das Labor dagegen direkt eine erhaltene Flüssigkeit beproben und verschiedene chemische Nachweise an demselben Material zusammenführen.

Montilla-Moriles liefert passende Vergleichsweine

Als Referenz dienten moderne Weine aus Montilla-Moriles, Jerez und Sanlúcar de Barrameda, also aus südspanischen Gebieten mit langer Weinbautradition. Die Untersuchung verglich dabei sowohl Pflanzenstoffe als auch gelöste Elemente, die ursprünglich über Boden und Trauben in das Getränk gelangt sein können. Das gefundene Muster passt zu einer Herkunft aus der damaligen römischen Provinz Baetica, in der auch der Fundort lag. Ein bestimmter Weinberg lässt sich daraus jedoch nicht bestimmen, weil gleich alte Vergleichsproben fehlen und das Material zusätzliche Stoffe aufgenommen hat.

Die heutige Farbe erlaubt zudem keinen direkten Rückschluss darauf, welche Trauben verwendet wurden oder wie das Getränk ursprünglich aussah. Im Labor fehlte Syringasäure, die bei solchen Analysen als Hinweis auf den Abbau bestimmter roter Traubenfarbstoffe dienen kann. Zusammen mit historischen Angaben zur regionalen Weinbereitung spricht dieser Befund nach Ansicht des Teams für einen ursprünglichen Weißwein. Die Universität weist ausdrücklich darauf hin, dass die gesuchte Verbindung im Lauf der langen Lagerzeit auch abgebaut worden sein könnte.

Ein pH-Wert von 7,5 zeigt den chemischen Umbau

Heutige Fino-Weine liegen beim Säuregrad typischerweise zwischen pH 3,0 und 3,5, während die antike Probe bereits im leicht basischen Bereich lag. Auch der geringe Kohlenstoffanteil von 0,46 Prozent zeigt, wie wenig von den organischen Bestandteilen im untersuchten Material übrig geblieben ist. Ethanol ließ sich nur noch in sehr geringer Konzentration nachweisen, sodass auch der Alkoholgehalt erheblich von einem frisch abgefüllten Wein abweicht.

Besonders auffällig war die hohe Kaliumkonzentration, für die die Autoren eine zusätzliche Quelle innerhalb des Gefäßes in Betracht ziehen. Beim Verbrennen eines menschlichen Körpers bleiben kaliumhaltige Salze in der Asche zurück und können sich später im umgebenden Inhalt lösen. Andere gemessene Elemente, darunter Silizium und Aluminium, könnten über den langen Kontakt teilweise aus dem Glas herausgelöst worden sein. Das Labor musste deshalb sowohl die Herkunft aus Trauben als auch den Einfluss von Behälter und Bestattung auf das Messergebnis berücksichtigen.

Speyer bewahrt einen jüngeren Römerwein unter einem Pfropfen

Zum Vergleich dient eine Flasche aus dem vierten Jahrhundert, die 1867 in einem Männergrab in Speyer gefunden wurde. Das Historische Museum der Pfalz bezeichnet ihren Inhalt als ältesten flüssig erhaltenen Traubenwein nördlich der Alpen. Das Gefäß ist 32,2 Zentimeter hoch und besitzt Henkel in Form von Delfinen, die seitlich vom Hals ausgehen. Über einem klaren flüssigen Bodensatz sitzt ein festes, harziges Gemisch, das mehr als zwei Drittel des Inhalts ausmacht. Nach der Erklärung des Museums könnten zugesetztes Öl und Würzstoffe diesen schützenden Pfropfen gebildet haben; frühe Analysen wiesen auf ursprünglich enthaltenen Wein hin.

Carmona liefert auch einen konservierten Duft und eine Kostprobe

Zur spanischen Grabgemeinschaft gehörten drei Frauen und ebenso viele Männer, deren Überreste auf unterschiedliche Gefäße verteilt worden waren. Auf anderen Urnen stehen die Namen Hispanae und Senicio; der Besitzer des Weinrings lässt sich diesen Inschriften nicht zuordnen. Für den Raum wurden 3,29 Meter Länge und 1,73 Meter Breite gemessen, darüber wölbte sich eine bemalte Steindecke. Rote und ockerfarbene Linien bilden dort ein Gitter, dessen Dekor ebenso wie mehrere Stoffreste die lange Zeit überstanden hat.

Bei einer etwa 30 bis 40 Jahre alten Frau lag zudem ein kleiner, amphorenförmiger Flakon aus Bergkristall mit festen Parfümresten. Ein Dolomitstopfen und Bitumen hatten den Verschluss abgedichtet, sodass sich die Duftstoffe in einer eigenen Untersuchung des römischen Parfüms analysieren ließen. Das gemessene Muster passte zu Patchouli, das mit einer pflanzlichen Fettbasis verarbeitet worden war; Olivenöl kommt dafür infrage, ist aber nicht sicher bestimmt. Zum selben Ensemble gehörten außerdem Bernsteinperlen und die Reste eines Beutels, die auf eine aufwendige persönliche Ausstattung schließen lassen.

Eine Geschmacksprobe gab es nach Angaben der Universität ebenfalls: Ruiz Arrebola berichtete in einem Interview, jemand aus dem Team habe den Inhalt tatsächlich gekostet. Wie die Hochschule in ihrem Bericht über die Kostprobe festhält, wurde der Geschmack als salzig und unangenehm beschrieben.

Daniel Cosano, Juan Manuel Román, Dolores Esquivel, Fernando Lafont und José Rafael Ruiz Arrebola, Journal of Archaeological Science: Reports, New archaeochemical insights into Roman wine from Baetica; doi:10.1016/j.jasrep.2024.104636

Daniel Cosano, Juan Manuel Román, Fernando Lafont und José Rafael Ruiz Arrebola, Heritage, Archaeometric Identification of a Perfume from Roman Times; doi:10.3390/heritage6060236

Historisches Museum der Pfalz Speyer, Römerwein; Museumsdatensatz von Ludger Tekampe im Portal Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz.

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