Mitten in der Innenstadt von Izmir stoßen Archäologen auf Räume aus dem 5. und 6. Jahrhundert, deren Wände noch bemalt sind. Die Agora von Izmir hat bislang Mosaiken, Straßen und Hallen preisgegeben, Wandmalerei jedoch nie. Zwei der drei neu erfassten Räume besitzen Mosaikböden, der dritte einen Boden aus Marmor. Der Grabungsleiter vergleicht die Anlage mit den Hanghäusern von Ephesos. Damit rückt eine Epoche in den Blick, in der sich das Stadtbild grundlegend veränderte.
Smyrna gehörte zu den bedeutendsten Hafenstädten des östlichen Mittelmeers. Nach der Zeit Alexanders des Großen wurde die Stadt nach einem neuen Rasterplan angelegt, wuchs unter römischer Herrschaft weiter und blieb über Jahrhunderte ein Knotenpunkt zwischen Ägäis und anatolischem Hinterland. Ihr Nachfolger ist die heutige Millionenstadt Izmir, die direkt über den antiken Schichten steht. Genau das macht die Arbeit dort schwierig, denn Grabungsflächen sind klein, von moderner Bebauung eingeschlossen und nur abschnittsweise zugänglich. Untersucht werden vor allem die Agora und das antike Theater, wo sich mehrere Nutzungsphasen unmittelbar überlagern und Bauteile späterer Epochen in ältere Strukturen greifen.
Die Spätantike ist dabei die am schlechtesten sichtbare Phase. Nach der Reichsteilung im Jahr 395 und mit der Ausbreitung des Christentums änderte sich, wofür städtische Räume genutzt wurden. Repräsentative Anlagen der Kaiserzeit wurden unterteilt, umgebaut oder mit Werkstätten und Wohnungen belegt, während neue Bauaufgaben hinzukamen. Solche Umbauten hinterlassen im Boden weniger monumentale Spuren als die Errichtung eines Tempels und werden bei älteren Grabungen leicht übersehen oder abgeräumt. Ein geschlossener Befund aus dieser Zeit, der zudem noch Farbe an den Wänden trägt, ist deshalb ungewöhnlich und für die Rekonstruktion des damaligen Alltags besonders aussagekräftig.
Ausgangspunkt war ein Mosaikboden, der im Vorjahr an der Nordstraße der Agora freigelegt worden war und als erstes Mosaik der Anlage seit rund 70 Jahren galt. Bei der Fortsetzung dieser Arbeiten stießen die Ausgräber auf drei angrenzende Räume, von denen zwei ebenfalls Mosaikböden aufweisen, während der dritte mit Marmor ausgelegt ist. Die Datierung führt in das 5. und 6. Jahrhundert nach Christus. Die Bekanntgabe erfolgte Ende August 2026 über die Stadtverwaltung von Izmir, eine Zusammenfassung des Befunds hat auch das Fachmagazin Archaeology zu den Befunden an der Agora veröffentlicht.
Die Grabung läuft im Auftrag der İzmir Katip Çelebi Universität mit Genehmigung des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums und ist Teil eines Programms, das ganzjährige Untersuchungen an Fundplätzen innerhalb dicht bebauter Städte ermöglicht. Grabungsleiter Akın Ersoy verweist auf bauliche Ähnlichkeiten mit den Hanghäusern von Ephesos, jenen mehrgeschossigen Wohneinheiten mit aufwendiger Innenausstattung, die als Musterbeispiel römischer Wohnkultur in Kleinasien gelten. Zugleich hält er eine öffentliche Funktion der Räume für möglich. Beides schließt sich nicht aus, denn Ausstattung und Nutzung lassen sich in der Spätantike häufig nicht scharf trennen.
Bemalter Wandputz gehört zu den empfindlichsten Befunden überhaupt. Er hält sich nur dort, wo Wände nach der Aufgabe eines Gebäudes rasch verschüttet wurden und anschließend gleichmäßig feucht oder gleichmäßig trocken blieben. Wechselnde Bedingungen sprengen die Putzschichten von der Mauer, Wurzeln und Salze zerstören den Rest. In einer Stadt, die seit der Antike ohne Unterbrechung bewohnt, umgebaut und unterkellert wurde, sind solche Bedingungen selten. Dass an der Agora von Izmir und in der Umgebung des Theaters nun erstmals Malerei auftaucht, deutet darauf hin, dass diese Bereiche zügig verfüllt und danach nicht mehr tief gestört wurden.
Für die Auswertung ist entscheidend, was dargestellt ist. Geometrische Felder, Nachahmungen von Marmorverkleidungen und florale Muster sind in spätantiken Innenräumen weit verbreitet und sagen vor allem etwas über den Anspruch der Ausstattung aus. Figürliche oder christliche Motive würden dagegen unmittelbar auf die Nutzung verweisen. Erst die Freilegung und Sicherung der Flächen wird das klären. Vergleichbar aufschlussreich sind Fundplätze, an denen ungestörte Bauzustände erhalten blieben, etwa dort, wo in Göbekli Tepe rechteckige Bauten auftauchten und ganze Grundrisse dicht unter der Oberfläche lagen.
Die neuen Räume fügen sich in ein Muster, das sich in vielen Städten des östlichen Mittelmeers beobachten lässt. Große öffentliche Plätze verloren ihre ursprüngliche Funktion nicht schlagartig, sondern wurden schrittweise überformt. Portiken wurden zugemauert, Hallen unterteilt, Böden erneuert und Räume mit neuen Zugängen versehen. Was in der älteren Forschung häufig als Verfall gedeutet wurde, gilt heute eher als Anpassung, denn die Bevölkerung nutzte vorhandene Bausubstanz weiter, statt sie zu ersetzen. Genau dieser Umgang mit dem Bestand lässt sich in Smyrna über mehrere Epochen hinweg verfolgen, bis hin zu einem Gebäude des 19. Jahrhunderts, das im Bereich des älteren Mosaikraums über die antiken Böden gesetzt wurde.
Zur Rekonstruktion trägt außerdem bei, dass an derselben Grabung ein römischer Wasserkanal dokumentiert wurde, dessen Verlauf offenbar endet, bevor er eine natürliche Quelle erreicht. Solche Befunde wirken zunächst wie Fehlstellen, liefern aber häufig Hinweise auf spätere Umbauten, Kappungen oder auf eine Versorgung aus Zisternen. In dicht überbauten Innenstädten ist die Wasserführung zudem einer der wenigen Anhaltspunkte, um den Zusammenhang zwischen einzelnen Grabungsflächen zu erschließen, die einander nicht direkt berühren.
Der nächste Schritt ist die Sicherung der Malereien. Freigelegter Putz beginnt sofort zu reagieren, sobald er Luft, Licht und wechselnder Feuchte ausgesetzt ist, weshalb Restauratoren die Flächen üblicherweise zeitnah festigen und teils abnehmen. Parallel dazu wird die Datierung überprüft, sowohl über Keramik aus den Verfüllungen als auch über Bautechnik und Mörtelzusammensetzung. Erst danach lässt sich sagen, ob die drei Räume gleichzeitig entstanden, ob sie zu einer größeren Einheit gehörten und in welchem Verhältnis sie zur Nordstraße der Agora standen.
Die Grabungen sollen in den kommenden Kampagnen ausgeweitet werden, weil weitere angrenzende Räume vermutet werden. Wie weit das gelingt, hängt weniger von archäologischen als von städtebaulichen Bedingungen ab, denn jede zusätzliche Fläche muss der modernen Bebauung abgerungen werden. Die bisherigen Ergebnisse zeigen dabei ein Prinzip, das für die Archäologie in Großstädten typisch ist. Sichtbar wird nicht das größte Bauwerk, sondern das, was zufällig unter einer zugänglichen Fläche liegt, und der wissenschaftliche Wert eines Befunds entscheidet sich oft erst, wenn die Nachbarfläche geöffnet werden kann.