Vor der türkischen Mittelmeerküste haben Unterwasserarchäologen die Überreste eines rund 4.500 Jahre alten Schiffswracks untersucht. Auf dem felsigen Meeresboden bei der Insel Kekova liegen zahlreiche Keramikgefäße und Anker. Das Schiff selbst ist weitgehend vergangen. Der Fund liefert seltene Hinweise auf den Seehandel in einer Zeit, in der in Ägypten die großen Pyramiden entstanden.
Vor der Insel Kekova an der Südküste der Türkei liegt ein archäologischer Fundplatz, der die Geschichte der Seefahrt weit zurückreichen lässt. Ein internationales Team um den Unterwasserarchäologen Hakan Öniz von der Akdeniz-Universität untersucht dort Keramik und Anker, die einem Schiff aus der frühen Bronzezeit zugeordnet werden. Die Datierung auf etwa 4.500 Jahre macht den Fund zu einem außergewöhnlich frühen Zeugnis eines Seeunfalls im Mittelmeer.
An der Auswertung der Keramik ist auch Karin Sowada von der australischen Macquarie University beteiligt. Ihre Untersuchung der Gefäßformen hilft dabei, die Funde zeitlich und kulturell einzuordnen. Wie die australische Berichterstattung über das Ausgrabungsprojekt erläutert, blieben vor allem Keramikgegenstände erhalten, während die hölzerne Schiffskonstruktion nicht mehr nachweisbar ist.
Bei einem antiken Schiffswrack denken viele zunächst an einen Rumpf, der noch auf dem Meeresboden liegt. Vor Kekova ist die Situation anders: Das Holz ist über die Jahrtausende vergangen. Zurückgeblieben sind vor allem Gefäße, die einst an Bord transportiert wurden, und Anker aus dem Umfeld des Fundplatzes. Einzelne Keramikbehälter erreichen eine Höhe von etwa 50 Zentimetern. Ihre Lage auf dem felsigen Grund bildet den Ausgangspunkt der archäologischen Rekonstruktion.
Ein solches Fundensemble kann trotzdem viel über ein Schiff verraten. Gefäßtypen, Herstellungsweisen und die räumliche Verteilung der Objekte erlauben Rückschlüsse auf das ungefähre Alter und die mögliche Herkunft einer Ladung. Entscheidend ist, ob die Stücke tatsächlich zu einem gemeinsamen Untergang gehören. Gerade bei Fundplätzen im flachen Wasser können Strömungen, Wellen und spätere menschliche Aktivitäten die ursprüngliche Anordnung verändern.
Die Datierung führt in die frühe Bronzezeit, eine Epoche weit vor den klassischen griechischen und römischen Handelsflotten. Die Ägäis, Anatolien und der östliche Mittelmeerraum waren damals bereits durch maritime Kontakte verbunden. Waren, Rohstoffe und technische Kenntnisse konnten über Wasserwege größere Entfernungen überwinden, als es allein über Land oft praktikabel gewesen wäre.
Für die zeitliche Einordnung sind Form und Machart der Keramik besonders wichtig. Archäologen vergleichen die Gefäße mit datierten Funden von Siedlungen, Gräbern und anderen Küstenorten. Das Ergebnis ist zunächst eine archäologische Alterszuweisung und kein unmittelbar gemessenes Baujahr des Schiffes. Eine genaue Rekonstruktion von Abfahrtsort, Zielhafen und Ladung setzt zusätzliche Analysen voraus.
Aus der Bronzezeit sind Schiffe und ihre Ladungen nur in Ausnahmefällen erhalten. Holz zersetzt sich im Meer häufig, und Keramik lässt sich nicht immer eindeutig einem bestimmten Schiff zuweisen. Umso bedeutsamer ist ein zusammenhängender Fundplatz mit datierbaren Transportgefäßen und Ankern. Er kann die bislang bekannten materiellen Spuren des frühen Handels um viele Jahrhunderte ergänzen.
Die Bezeichnung als ältestes bekanntes Schiffswrack ist allerdings an die Definition eines Wracks und an den Stand der Forschung gebunden. Aus dem Schwarzen Meer sind beispielsweise hervorragend erhaltene antike Schiffe bekannt. Bei einem außergewöhnlich gut erhaltenen Schiffswrack im Schwarzen Meer ist gerade der intakte Rumpf die Besonderheit. Vor Kekova dagegen liegt der wissenschaftliche Wert in der sehr frühen Datierung der Überreste eines Schiffstransports.
Neben der Keramik wurden auch Anker dokumentiert. Solche Objekte sind wichtig, weil sie zeigen können, welche technischen Mittel Seefahrer zum Festmachen ihrer Schiffe nutzten. Ihre bloße Anwesenheit beweist allerdings weder den genauen Schiffstyp noch den Anlass des Untergangs. Ob ein Sturm, ein Navigationsfehler oder ein anderer Unfall das Schiff an die felsige Küste brachte, lässt sich aus den bislang veröffentlichten Angaben nicht sicher entscheiden.
Der Ort bei Kekova liegt in einer Region mit zahlreichen Buchten und Inseln. Solche Küstenlandschaften konnten Seefahrern Schutz bieten, verlangten aber auch genaue Ortskenntnis. Für die damaligen Besatzungen waren Anlandungen, Küstennavigation und der Zugang zu Trinkwasser wichtige Voraussetzungen langer Reisen. Welche Route das konkrete Schiff zurücklegen sollte, bleibt offen.
Für eine weitergehende Einordnung sind die genaue Fundverteilung, die Datierung der einzelnen Gefäßgruppen und mögliche Materialanalysen entscheidend. Rückstände in Keramik könnten Hinweise auf frühere Inhalte geben, sofern sie erhalten und zuverlässig zu bestimmen sind. Auch die Herkunft der verwendeten Tone kann bei geeigneten Vergleichsdaten helfen, Handelskontakte nachzuvollziehen. Eine solche Untersuchung wäre besonders aufschlussreich, weil nicht jede Ladung an ihrem Herstellungsort an Bord gekommen sein muss.
Der Fund von Kekova macht damit vor allem eines greifbar: Bereits vor rund viereinhalb Jahrtausenden wurden Waren auf Schiffen über das Mittelmeer bewegt, und manche dieser Reisen endeten an gefährlichen Küsten. Während das Holz des Schiffes verschwand, überdauerten Keramik und Anker. Sie sind heute die materiellen Spuren einer Seereise, deren Besatzung und Ziel unbekannt bleiben.
ABC News, World’s oldest known shipwreck revealed off coast of Türkiye with Sydney professor’s help
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