Vergessenes Claudivium

Römerstadt an der Donau hatte eine Arena für 8.000 Zuschauer

 Dennis Lenz

Römerstadt an der Donau hatte eine Arena für 8.000 Zuschauer
(Symbolbild) Bei St. Pantaleon-Erla in Niederösterreich haben Geophysiker die Grundrisse einer römischen Stadt mit Straßenraster, Gräberfeldern und Amphitheater kartiert. Die Siedlung entstand um 80 nach Christus neben einem Kastell für rund 500 Soldaten. Um 180 wurde sie geordnet aufgegeben, viele Bewohner zogen offenbar ins nahe Lauriacum. Ob es sich um das bei Ptolemäus genannte Claudivium handelt, ist noch offen. (Foto: © GeoSphere Austria / 7Reasons)

Eine Römerstadt an der Donau hat fast 2.000 Jahre lang unter Äckern in Niederösterreich überdauert, ohne dass jemand ihre wahre Größe kannte. Geophysikalische Messungen bei St. Pantaleon-Erla zeigen nun ein planmäßig angelegtes Stadtgebiet von 25 bis 30 Hektar mit regelmäßigem Straßenraster, großen Gräberfeldern und einem Amphitheater für rund 8.000 Menschen. Gegründet wurde die Siedlung um 80 nach Christus, rund hundert Jahre später war sie bereits wieder verlassen. Die beteiligten Archäologen halten es für möglich, dass hier das seit der Antike verschollene Claudivium liegt.

Der Fundort liegt im Weiler Stein, der heute zur Gemeinde St. Pantaleon-Erla im Bezirk Amstetten gehört, nur wenige Kilometer östlich der Stadt Enns an der Grenze zwischen Nieder- und Oberösterreich. In römischer Zeit verlief hier die Nordgrenze der Provinz Noricum, gesichert durch Kastelle, Wachtürme und Straßen entlang des Flusses. Dieser Donaulimes gehört heute zum UNESCO-Welterbe. Seit 2015 untersucht ein interdisziplinäres Team einen rund zehn Kilometer langen Abschnitt zwischen Enns und St. Pantaleon-Erla. Beteiligt sind die Universität Innsbruck, das Forum Donaulimes, die staatliche Geoforschungsanstalt GeoSphere Austria, das Forschungsunternehmen Research Archaeology sowie die Landesarchäologien von Ober- und Niederösterreich. Der Innsbrucker Archäologe Gerald Grabherr ordnet die Entdeckung als Sensationsfund ein, weil eine Stadt dieses Zuschnitts an dieser Stelle schlicht nicht erwartet wurde und sich nun ein ganzes Netzwerk römischer Anlagen beiderseits der Enns abzeichnet.

Ganz unbekannt war der Platz allerdings nicht. Laut dem Fachaufsatz des Teams wurden auf den Feldern rund um Stein seit den 1970er Jahren etwa 2.000 Metallobjekte und rund 150 Scherben der feinen römischen Tafelkeramik Terra Sigillata aufgesammelt. Was unter der Ackerkrume tatsächlich lag, blieb jedoch unklar. Den Wendepunkt brachte das Jahr 2017, als Grabherr über Bewuchsmerkmale ein bis dahin unbekanntes Steinkastell aus dem 2. Jahrhundert nach Christus entdeckte, samt einer Ecke der Umfassungsmauer und einem Turm. Später kam bei geophysikalischen Messungen noch ein älteres Lager aus Holz und Erde aus dem 1. Jahrhundert hinzu. Erst die systematische Suche nach dem zugehörigen Lagerdorf offenbarte dann, dass die Siedlung neben den beiden Militäranlagen um ein Vielfaches größer war, als es für eine gewöhnliche Versorgungssiedlung zu erwarten gewesen wäre. Damit rückte eine Frage in den Mittelpunkt, die bis heute nicht vollständig beantwortet ist.

Magnetometer und Radar lesen den Stadtplan aus dem Boden

Gegraben wurde dafür zunächst kaum. Seit 2021 haben die Forscher laut ihrer Veröffentlichung rund 100 Hektar mit motorisierten Magnetometern befahren, die kleinste Unterschiede im Erdmagnetfeld registrieren, wie sie verfüllte Gräben, Mauerreste oder gebrannter Lehm hinterlassen. Auf etwa 50 Hektar kam zusätzlich Bodenradar zum Einsatz, das Strukturen bis in eine berechnete Tiefe von 2,5 bis 3 Metern sichtbar macht. Die Kombination war nötig, weil sich im Untergrund Schichten aus Kies und Sand abwechseln, die jede Methode für sich allein an ihre Grenzen bringen. Wie das Team in einem Beitrag in der Fachzeitschrift ArcheoSciences beschreibt, zeichnete sich in den Messbildern schließlich ein regelmäßiges Netz aus Straßen ab, das die Fläche in einzelne Häuserblöcke gliedert. Diese sogenannten Insulae folgen exakt der Ausrichtung des benachbarten Kastells. Die Stadt entstand also nicht nach und nach, sondern wurde am Reißbrett geplant und ähnelt im Grundriss den autonomen Römerstädten der Provinz Noricum.

Eine Arena im Format von Carnuntum

Das auffälligste Bauwerk im Messbild ist ein ovales Amphitheater. Nach den Berechnungen des Teams bot es Platz für etwa 8.000 Zuschauer und war damit ungefähr so groß wie die Arena der bekannten Militärstadt Carnuntum östlich von Wien, die zu den bedeutendsten Römerorten Österreichs zählt. In solchen Anlagen fanden Gladiatorenkämpfe, Tierhetzen und öffentliche Veranstaltungen statt. Sie waren ein Aushängeschild städtischen Lebens und keine Ausstattung, die man bei einem gewöhnlichen Lagerdorf erwarten würde. Dazu passen die Gräberfelder, die sich entlang der aus der Stadt führenden Straßen erstrecken. Besonders im Nordwesten entdeckten die Forscher einen großen Friedhof mit zahlreichen Gräbern, Grabbauten und Grabhügeln. Manche davon erreichen beachtliche Ausmaße, was auf wohlhabende Bestattete hinweist. Für die Archäologen bestätigen Arena und Nekropole gemeinsam den städtischen Charakter und den besonderen Rang des Ortes, der bislang in keiner Fundkarte als Stadt verzeichnet war.

Viel Stadt für ein kleines Kastell

Rätselhaft ist vor allem das Verhältnis zwischen Militär und Zivilsiedlung. Das Hilfstruppenkastell in Stein war für rund 500 Soldaten ausgelegt. Normalerweise wuchs neben solchen Lagern ein Dorf aus Händlern, Handwerkern und Familien, das die Truppe versorgte. Eine geplante Stadt von 25 bis 30 Hektar mit Straßenraster ist für ein Kastell dieser Größe nach Grabherrs Einschätzung bislang ohne Vergleich im gesamten Römischen Reich. Eine Erklärung könnte die Lage liefern. Der Standort kontrollierte einen Donauübergang an der Mündung der Aist, deren Tal eine der kürzesten Verbindungen zwischen Donau und Moldau bildete und damit für den Handel über die Reichsgrenze hinaus wichtig war. Zudem gab es offenbar Pläne, das Gebiet der Markomannen nördlich der Donau zu erobern. Drei bis vier Römerlager auf der Nordseite des Flusses deuten auf einen Truppenaufmarsch hin. Ähnlich groß dachten die Römer auch an anderen Grenzen, wie das freigelegte Haupttor der Römerfestung Apulum in Rumänien zeigt.

Ein Name aus dem Atlas des Ptolemäus

Wie die Stadt hieß, verrät bislang kein Inschriftenstein. Einen Hinweis liefert jedoch Claudius Ptolemäus, ein griechischer Geograf des 2. Jahrhunderts nach Christus, der in seinem Werk Tausende Orte mit Koordinaten verzeichnete. Er nennt einen Ort namens Claudivium, dessen Lageangaben nach Auskunft des Teams gut zu der Stadt in Stein passen. Mit denselben Koordinaten erwähnt Ptolemäus zudem einen Fluss, der von Norden in die Donau mündet, womit die Aist gemeint sein könnte. Ein weiteres Indiz ist die Überlieferung. In späteren Quellen taucht der Name Claudivium nicht mehr auf, was zu einer Stadt passen würde, die schon Ende des 2. Jahrhunderts aufgegeben wurde. Die Forscher bleiben in ihrer Veröffentlichung dennoch vorsichtig und sprechen ausdrücklich nur von einer Möglichkeit. Bewiesen wäre die Zuordnung erst durch einen Fund, der den Namen selbst trägt, etwa eine Weihinschrift oder einen Meilenstein mit einer eindeutigen Ortsangabe.

Geordneter Abzug statt Zerstörung

Umso deutlicher ist das Ende der Stadt dokumentiert. Die Münzfunde, laut Fachaufsatz rund 643 Stück, brechen um 180 nach Christus abrupt ab, genau zu der Zeit, als Kaiser Mark Aurel starb und sein Sohn Commodus die Macht übernahm. Commodus beendete die seit 166 andauernden Markomannenkriege mit einem Friedensschluss und richtete die Verteidigung am Donaulimes neu aus. Spuren von Brand oder Kampf fanden die Archäologen nicht, wie Barbara Kainrath von Research Archaeology betont. Alles deutet auf einen geplanten Rückzug hin. Nach Angaben der Universität Innsbruck zogen viele Bewohner offenbar ins nahe Legionslager Lauriacum, das heutige Enns. Dort fanden sich Werkzeuge für den Bronzeguss und dieselben Gewandnadeln wie in Stein. Fünfzig Jahre später war Lauriacum etwa dreimal so groß wie die verlassene Stadt, die inzwischen als Steinbruch diente. Drei Darren am Südrand von Stein, Anlagen zum Trocknen von Getreide, gehörten womöglich sogar zu einer römischen Brauerei.

Der Pflug arbeitet gegen die Forschung

Heute liegt das gesamte Areal unter landwirtschaftlich genutzten Flächen. Unmittelbar bedroht sind die Fundstellen in Stein, in Albing und im Norden von Enns zwar nicht, doch jedes Pflügen trägt einen Teil der oberen Schichten ab. Nach Einschätzung der Forscher könnten wichtige Bereiche deshalb in wenigen Jahrzehnten verloren sein, unabhängig vom Denkmalschutz. Dabei birgt die Region noch weitere Rätsel. In Albing, ebenfalls auf dem Gemeindegebiet von St. Pantaleon-Erla, fand das Team die Baustelle eines Legionslagers, an der Fundamentgräben und teils massive Fundamente für Mauer und Stabsgebäude angelegt, aber nie aufgehende Mauern errichtet wurden. Kainrath und Grabherr sehen im Methodenmix aus Luftbildarchäologie, Geophysik und gezielten Grabungen ein enormes Potenzial, bemängeln aber, dass bislang keine mittel- oder langfristige Finanzierung für eine Erforschung nach internationalen Standards gesichert ist. Weitere Entdeckungen aus der Römerzeit und anderen Epochen sammelt die Rubrik Archäologie.

ArcheoSciences, Claudivium? How to discover a new Roman town?; doi:10.4000/14nru

Spannend & Interessant
VGWortpixel