Robert Klatt
Neandertaler haben im heutigen Sachsen-Anhalt schon vor 125.000 Jahren eine Knochenfabrik betrieben, mit der sie systematisch Lebensmittel für den Winter produziert haben. Bisher ist man davon ausgegangen, dass Menschen erst deutlich später solche Ernährungsstrategien hatten.
Mainz (Deutschland). Das etwa 30 Hektar große Fundgebiet Neumark-Nord im Geiseltal in Sachsen-Anhalt wurde bereits in den 1980er-Jahren entdeckt und hat der Archäologie seitdem viele Erkenntnisse über das einstige Leben der Neandertaler (Homo neanderthalensis) erbracht. 2023 haben Forscher dort unter anderem Belege dafür gefunden, dass die Verwandten des modernen Menschen (Homo sapiens) Waldelefanten gejagt und zerlegt haben. Eines der bis zu 13 Tonnen schweren Tiere hat ausgereicht, um über 2.000 Tagesrationen für Erwachsene zu liefern.
Nun haben Forscher des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) entdeckt, dass Neandertaler im Fundgebiet Neumark-Nord 2 bei Halle (an der Saale) eine prähistorische „Fettfabrik“ betrieben haben. In der Archäologie ging man zuvor davon aus, dass Fabriken erst deutlich später entstanden sind.
Laut der Publikation im Fachmagazin Science Advances wurde die Fettfabrik vor rund 125.000 Jahren errichtet. Die damals lebenden Neandertaler haben die Fabrik genutzt, um Knochen von großen Säugetieren in kleine Stücke zu zerlegen, um anschließend mit kochendem Wasser das energiereiche Knochenfett aus ihnen zu lösen. Das Knochenfett diente den Neandertalern als Lebensmittel für die entbehrungsreichen Wintermonate.
„Diese Entdeckung verändert unser Verständnis von den Ernährungsstrategien der Neandertaler grundlegend und verschiebt den Beginn solch komplexer und arbeitsintensiver Ressourcenverwertung um Zehntausende von Jahren weiter zurück in die Vergangenheit.“
In den Überresten der Knochenfabrik haben die Forscher Knochen von mindestens 172 großen Tieren, darunter Hirsche, Pferde und Auerochse, entdeckt. Die Lage an einem Seeufer deutet zudem darauf hin, dass die Fabrik systematisch und mit hohem Planungs- und Organisationsaufwand betrieben wurde.
„Solche komplexe Praktiken galten bislang als typisch für deutlich spätere Menschengruppen – nun ist klar, dass sie bereits vor 125.000 Jahren zum Repertoire der Neandertaler gehörten.“
Wie die Forscher erklären, ist die Produktion von Knochenfett ein komplexer Prozess, der sich nur lohnt, wenn ausreichend Material vorhanden ist.
„Die Produktion von Knochenfett ist sehr arbeitsintensiv und lohnt sich nur, wenn ausreichend Material vorhanden. Je mehr Knochen gesammelt wurden, desto ergiebiger und lohnenswerter war der Prozess.“
Die gefundenen Überreste deuten darauf hin, dass die Neandertaler planvoll vorgegangen sind, um die Knochenfabrik effizient betreiben zu können. Dafür spricht auch, dass die Forscher in einem nur 50 Quadratmeter großen Areal über 120.000 Knochenfragmente und mehr als 16.000 Feuersteinwerkzeuge entdeckt haben.
„Das war intensiv, organisiert und strategisch. Die Neandertaler gingen äußerst planvoll vor – von der Jagd über den Transport der Kadaver bis hin zur Fettgewinnung an einem speziell dafür genutzten Ort.“
Laut der Forscher waren die Vorratsdepots aus Knochenfett essenziell dafür, das Überleben der Jäger in schweren Zeiten zu sichern. Sie konnten so überschüssige Teile von Tieren nutzen, um Nahrung für den Winter und andere Abschnitte mit unzureichenden Beutetieren zu gewinnen.
Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.adv1257