Ritueller Brunnen

Nach 2500 Jahren glänzt etruskische Bronze wie am ersten Tag

 Dennis Lenz

Nach 2500 Jahren glänzt etruskische Bronze wie am ersten Tag
(Foto: © Forschung und Wissen)

In der antiken Etruskerstadt Kainua sind Archäologen auf einen rituellen Brunnen gestoßen, an dessen Grund etruskische Bronze über zwei Jahrtausende nahezu unversehrt überdauert hat. Zwei weibliche Statuetten und eine seltene Bronzeplatte kamen zutage, deren metallischer Glanz weitgehend erhalten blieb. Im selben Brunnen fanden sich zudem die Skelette zweier Erwachsener. Der Befund verbindet Weihegaben, Wasser und die Gründung der Stadt zu einem bemerkenswerten Gesamtbild.

Kainua ist eine der am besten erforschten Etruskerstädte und liegt beim heutigen Marzabotto südlich von Bologna im nördlichen Italien. Seit 1988 legt die Universität Bologna hier planmäßig Häuser, Werkstätten, Straßen und Tempel frei und zeichnet so ein ungewöhnlich vollständiges Bild vom Alltag und vom religiösen Leben einer etruskischen Stadt. Die Etrusker prägten vor dem Aufstieg Roms weite Teile Mittelitaliens und hinterließen eine Kultur, deren Schrift und Glaubenswelt bis heute nur teilweise entschlüsselt sind. Umso wertvoller sind gut erhaltene Funde, die einen direkten Zugang zu ihren Ritualen erlauben. Der neue Fund stammt aus der jüngsten Grabungskampagne und fällt selbst in dieser langen Forschungsgeschichte durch seinen außergewöhnlichen Erhaltungszustand auf.

Der Brunnen lag im heiligen Bezirk der Stadt, in einem Bereich, der der Göttin Uni geweiht war, der etruskischen Entsprechung der römischen Juno. In unmittelbarer Nähe standen Tempel, die Uni und dem Göttervater Tinia gewidmet waren. Damit war der Brunnen kein bloßer Teil der Wasserversorgung, sondern eng in das religiöse Zentrum der Stadt eingebunden. Als die Ausgräber den Grund erreichten, stießen sie auf zwei bronzene Frauenfiguren und eine seltene Bronzeplatte, deren Oberflächen noch immer den ursprünglichen Metallglanz zeigten. Getrennt davon barg der Schacht die Überreste zweier erwachsener Menschen. Nach Einschätzung der Grabungsleiterin Elisabetta Govi von der Universität Bologna gehen die Funde auf zwei Zeremonien zurück, die an entgegengesetzten Punkten der Nutzungsgeschichte des Brunnens standen.

Was am Grund des Brunnens lag

Die beiden Statuetten stellen weibliche Figuren dar und zählen zusammen mit der Bronzeplatte zu den Weihegaben, die bewusst niedergelegt und nicht etwa verloren wurden. Ihre Datierung fällt in das späte 6. und die frühen Jahrzehnte des 5. Jahrhunderts vor Christus, also in die Zeit der Gründung Kainuas selbst. Damit deuten die Forscher die Bronzen als Gaben eines feierlichen Gründungsrituals für den Brunnen. Die beiden Skelette hingegen stammen offenbar aus einer späteren Handlung, die den Brunnen am Ende seiner Nutzung abschloss. Ähnlich gut erhaltene Metallobjekte tauchen immer wieder aus Gewässern und Wracks auf, so bargen etwa Taucher eine Bronzekanone aus einem Wrack von 1715 vor Rügen, die jahrhundertelang im Meer lag. Im Fall von Kainua ist es jedoch die Verbindung aus Weihegaben, menschlichen Überresten und sakralem Ort, die den Befund so aussagekräftig macht.

Warum die Bronze noch glänzt

Dass etruskische Bronze nach rund 2500 Jahren noch schimmert, ist bemerkenswert, aber kein Zufall. Am Grund eines Brunnens herrschen oft stabile, sauerstoffarme Bedingungen, in denen Metall langsamer korrodiert als an der freien Luft oder in wechselnd feuchtem Boden. Die dauerhafte Bedeckung mit Wasser und Sediment kann eine schützende Umgebung schaffen, die den ursprünglichen Oberflächenzustand bewahrt. Solche Fundlagen sind für die Forschung besonders wertvoll, weil sie Details der Herstellung, der Legierung und der Verarbeitung sichtbar lassen, die an stärker korrodierten Stücken verloren gehen. Auch andernorts liefern gut erhaltene Bildwerke wichtige Hinweise, etwa wenn eine 1800 Jahre alte Marmorstatue eines Heilgottes ans Licht kommt, deren Details erhalten blieben. Für die weitere Untersuchung der Kainua-Funde bedeutet der gute Zustand, dass sich Werkstatttechnik und künstlerische Gestaltung besonders genau studieren lassen.

Ein Brunnen für die Göttin Uni

Die räumliche Nähe zu den Tempeln von Uni und Tinia rückt den Brunnen in den Mittelpunkt des religiösen Lebens von Kainua. Wasser besaß in der etruskischen Glaubenswelt eine besondere Bedeutung, und die gezielte Niederlegung wertvoller Bronzen unterstreicht, dass dieser Ort als heilig galt. Nach Darstellung der Grabungsleiterin verweist der Befund auf eine enge Verbindung zwischen der Verehrung des Wassers und der Gründung der Stadt. Der Brunnen wäre damit nicht nur eine praktische Quelle gewesen, sondern ein Bezugspunkt, an dem sich Religion, Gemeinschaft und die Entstehung der Siedlung überlagerten. Diese Deutung fügt sich in ein größeres Bild etruskischer Städte, in denen Kultorte und städtische Ordnung eng verzahnt waren. Der Fund erlaubt damit seltene Einblicke in die Gründungsrituale einer Kultur, deren religiöse Praxis bislang nur in Umrissen bekannt ist.

Wie der Fund gelang

Der Brunnen kam während der 39. Grabungskampagne der Universität Bologna ans Licht, wie ein Bericht des Fachmagazins Archaeology schildert. Möglich wurde die Entdeckung durch eine zeitliche Verlängerung der Grabung, die auf einer Förderung von 140.000 Euro der italienischen Museumsdirektion beruhte und die Untersuchungen um zwei Wochen ausdehnte. Erst in diesem zusätzlichen Zeitfenster erreichte das Team, unterstützt von der örtlichen archäologischen Gruppe aus Ravenna, den Grund des Schachts. Die geborgenen Objekte werden nun konserviert und wissenschaftlich untersucht, bevor über eine dauerhafte Präsentation entschieden wird. Schon jetzt gilt der Fund als eine der bedeutendsten Entdeckungen der langen Forschungsgeschichte am Ort.

Was der Fund über die Etrusker verrät

Nach Abschluss der Analysen sollen die Funde im Nationalen Etruskischen Museum von Marzabotto zu sehen sein, das im Juni 2026 in neuer Gestaltung wiedereröffnet wurde und aktuelle Grabungsergebnisse laufend einbeziehen kann, wie das Kulturmagazin Finestre sull'Arte darlegt. So wird der Fund Teil eines Museums, das sich als lebendiges Archiv einer weitergehenden Ausgrabung versteht. Für die Forschung liegt der Wert des Brunnens dabei weniger im materiellen Wert der Bronzen als in dem, was er über das Denken der Etrusker verrät, die Wasser, Religion und die Gründung ihrer Stadt eng miteinander verbanden. Der Brunnen von Kainua vertieft damit das Verständnis einer Kultur, die am Beginn der italienischen Geschichte stand und deren Rituale die spätere römische Welt mitprägten.

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