Denkmalpflege

Mittelalterliches Schiff taucht in einem Keller in Konstanz auf

 Dennis Lenz

Mittelalterliches Schiff taucht in einem Keller in Konstanz auf
(Symbolbild) Ausgediente Boote wurden im Mittelalter häufig als Bauholz weiterverwendet, doch ein nahezu vollständig zusammenhängender Rumpf ist ein außergewöhnlicher Fund. (Foto: © Forschung und Wissen)

Was in einer Konstanzer Kellerdecke steckte, hielten die Fachleute zunächst für schlichte Bohlen. Tatsächlich handelt es sich um ein fast vollständig zusammenhängendes mittelalterliches Schiff, das einst als Bauholz weiterverwendet wurde. Die Trägerbalken darüber sind auf das Jahr 1244 datiert. Der Fund gilt als bedeutendes Zeugnis der Schiffbautechnik am Bodensee und könnte den mittelalterlichen Schiffsbau der Region neu erhellen.

Entdeckt wurde das Schiff bei der bauhistorischen Untersuchung eines Hauses in der Konstanzer Konradigasse. Ein interdisziplinäres Team aus Bauforschung und Archäologie des Landesamts für Denkmalpflege dokumentierte dort eine Decke, die mehr als 25 Quadratmeter überspannt und aus mindestens 19 Bohlen besteht. Was von unten wie eine gewöhnliche Holzdecke aussah, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als etwas ganz anderes.

Charakteristische Holznägel, typische Nagelreihen und die Form der Planken verrieten, dass das Holz ursprünglich zu einem Schiff gehörte. Um den Befund exakt festzuhalten, fotografierten die Fachleute die Decke systematisch und erzeugten daraus per Software ein dreidimensionales Modell der Planken. So lässt sich die ursprüngliche Anordnung rekonstruieren, ohne die Decke auseinanderzunehmen.

Ein Schiff, das im Keller weiterlebte

Erste Analysen deuten auf ein flachbodiges Lastsegelschiff hin. Dass man ausgediente Schiffe im Mittelalter als Baumaterial nutzte, ist bekannt und war eine kluge Wiederverwertung eines wertvollen Rohstoffs. Das Besondere in Konstanz liegt darin, dass hier kein bloßes Fragment, sondern ein weitgehend zusammenhängender Rumpf verbaut wurde. Das betont Alexandra Ulisch vom Projekt Wracks und Tiefsee, die den ungewöhnlichen Befund mit untersucht hat. Wie oft bedeutende Funde erst durch Zufall ans Licht kommen, zeigte kürzlich der Fall, in dem ein römischer Altar bei Niedrigwasser aus der Donau auftauchte.

Vergleichbare Funde am Bodensee

Der Bautyp fügt sich in bekannte Funde des Bodenseeraums ein, etwa das Wrack am Kippenhorn bei Immenstaad aus dem 14. Jahrhundert. Auch das älteste bekannte Schiffswrack des Bodensees, 1991 aus dem Wasser gehoben, gehört einem ähnlichen Typ an. Damit reiht sich der Konstanzer Fund in eine kleine, aber aussagekräftige Serie erhaltener Zeugnisse ein. Sollten sich Teile der Seitenbeplankung erhalten haben, wären neue Erkenntnisse zur Konstruktion mittelalterlicher Schiffe und zum Übergang zwischen Boden- und Seitenplanken möglich.

Reparaturspuren und eine rätselhafte Einlage

An den Hölzern fanden sich mehrere Reparaturstellen, die vom langen Einsatz des Schiffs erzählen und Einblicke in die damalige Instandhaltung geben. Darunter ist eine schwalbenschwanzförmige Einlage, für die den Fachleuten bislang jede Parallele fehlt. An einigen Stellen ist sogar noch die ursprüngliche Abdichtmasse zwischen den Planken erhalten, die einst das Wasser draußen halten sollte. Solche Details sind selten, weil die wenigen bekannten Bodensee-Wracks meist unter Wasser liegen. Wie viel moderne Untersuchungen aus alten Schiffsfunden herausholen, zeigte zuletzt die Bergung, bei der Taucher eine Bronzekanone aus einem Wrack von 1715 vor Rügen holten.

Warum der Fund so gut zugänglich ist

Ein entscheidender Vorteil liegt in der ungewöhnlichen Lage. Während die ohnehin seltenen Bodensee-Wracks unter Wasser nur mit erheblichem Aufwand zu untersuchen sind, liegen die Hölzer in der Konradigasse in einer trockenen, gut erreichbaren Umgebung. Das schafft ideale Voraussetzungen für weitere Analysen. Der Fund geht damit weit über einen zufälligen Nebenbefund hinaus, ordnet das Team ein, und ist ein wertvolles Zeugnis mittelalterlicher Schiffbautechnik von besonderer Bedeutung für die Schiffsarchäologie des Bodenseeraums, wie das Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart mitteilt.

Was die Datierung noch offenlässt

Die Balken, auf denen die Schiffsplanken aufliegen, stammen aus dem Jahr 1244, gehörten aber zur Deckenkonstruktion und nicht zum Schiff. Für die Schiffshölzer selbst wurden bereits Proben entnommen und über die Jahrringe datiert. Die Fachleute vermuten, dass diese Hölzer älter sind als die Trägerbalken, sicher belegt ist das aber noch nicht. Die Ergebnisse der laufenden Analysen werden in den kommenden Wochen erwartet und sollen klären, wie alt das Schiff wirklich ist und woher sein Holz stammt.

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