Aquiry

Laserscan enthüllt 396 unbekannte Erdwerke im Amazonas

 Dennis Lenz

Laserscan enthüllt 396 unbekannte Erdwerke im Amazonas
(Symbolbild). Im Südwesten Amazoniens liegen unter dichtem Kronendach geometrische Erdwerke, die vom Boden aus kaum zu erkennen sind. Eine Lidar-Befliegung hat dort hunderte bislang unbekannte Anlagen erfasst. Die Bauwerke stammen überwiegend aus der Zeit zwischen 600 vor und 850 nach Christus. Sie verändern die Vorstellung davon, wie stark Menschen den Amazonas vor der europäischen Ankunft geprägt haben. (Foto: © Forschung und Wissen)

Unter dem Blätterdach im Südwesten des Amazonas liegt weit mehr verborgen als bislang angenommen. Eine Befliegung mit Lidar erfasste auf rund 4.497 Quadratkilometern insgesamt 432 Erdwerke, von denen 396 in keinem Fundverzeichnis standen. Die geometrischen Anlagen gehören überwiegend zur Aquiry-Kultur, die zwischen 600 vor und 850 nach Christus große Teile der Region prägte. Hochgerechnet auf das gesamte Siedlungsgebiet ergibt sich eine Zahl, die das Bild vom unberührten Urwald nicht mehr zulässt.

Erdwerke sind künstlich angelegte Geländeformen aus aufgeschütteten Wällen und ausgehobenen Gräben. Im Amazonas bestehen sie fast nie aus Stein, sondern aus verdichteter Erde, weshalb sie nach Jahrhunderten unter Wurzeln, Laub und nachwachsendem Wald praktisch verschwinden. Besonders auffällig sind die sogenannten Geoglyphen, also geometrisch exakte Kreise, Quadrate und Vielecke, deren Außenkanten häufig mehr als hundert Meter messen. Lange galten solche Anlagen als Randerscheinung, weil sie fast ausschließlich dort dokumentiert wurden, wo Rodung den Boden bereits freigelegt hatte. Aus dieser Verzerrung entstand ein schiefes Bild der Vergangenheit, denn wo Wald stand, schien es keine Geschichte zu geben. Tropische Böden zersetzen organisches Material zudem rasch, Holz vergeht, Knochen lösen sich auf, und selbst große Siedlungsplätze hinterlassen kaum etwas, das ohne technische Hilfe sichtbar wäre. Genau deshalb ist die Frage nach der Bevölkerungszahl vor der europäischen Ankunft seit Jahrzehnten umstritten.

Abhilfe schafft ein Messverfahren, das den Wald rechnerisch entfernt. Lidar sendet aus dem Flugzeug dichte Laserimpulse nach unten und misst deren Laufzeit bis zur Rückkehr. Ein Teil der Impulse wird bereits von Blättern zurückgeworfen, ein anderer findet Lücken im Kronendach und erreicht den Boden. Aus diesen letzten Rückläufen entsteht ein Geländemodell ohne Vegetation, in dem Höhenunterschiede von wenigen Dezimetern deutlich hervortreten. Sichtbar werden dadurch Wälle, Gräben, Plattformen und Wegverbindungen, die am Boden selbst für erfahrene Fachleute unauffällig bleiben. Für Amazonien ist das besonders wertvoll, weil archäologische Landschaften hier vor allem aus subtilen Geländeformen bestehen und nicht aus aufragender Architektur. Wie eng einzelne Fundplätze dabei in größere räumliche Systeme eingebunden waren, zeigt sich auch andernorts in der Region, etwa bei den Funden rund um das Amazonas Stonehenge in Amapá, wo Gräber, Keramik und mögliche Verbindungswege zusammen betrachtet werden.

Wie Lidar die Erdwerke im Amazonas sichtbar macht

Für die neue Erhebung flog ein Team um Martti Pärssinen von der Universität Helsinki sechs parallele Linien über den brasilianischen Bundesstaat Acre und angrenzende Gebiete, zusammen etwa 4.430 Kilometer Fluglinie. Die in Nature vorgelegte Auswertung verzeichnet 432 Erdwerke, von denen 396 zuvor in keiner Datenbank standen, was die dokumentierte Fundmenge in dieser Zone um ein Vielfaches erhöht. Innerhalb der Fluglinien ließen sich 334 Anlagen genauer einordnen, darunter 120 grabenumschlossene Geoglyphen und 115 von Wällen gerahmte Vier- und Vieleckanlagen. Die mittlere Außenfläche dieser Strukturen beträgt 2,98 Hektar, der größte bislang bekannte Platz misst 50 Hektar und übertrifft damit die Grundfläche vieler mittelalterlicher Stadtkerne. Pärssinen spricht von etwa zehnmal mehr Geoglyphen, als das Team überhaupt erwartet hatte.

Millionen Menschen hinter den Zeremonialzentren der Aquiry

Das Siedlungsgebiet der Aquiry umfasst rund 183.000 Quadratkilometer und damit weniger als drei Prozent des gesamten Amazonasbeckens. Rechnet man die Funddichte der beflogenen Streifen vorsichtig auf diese Fläche hoch, ergeben sich mehr als 20.000 Zeremonialzentren, während frühere Schätzungen für ganz Amazonien bei etwa 10.000 Erdwerken lagen. Die Mitteilung der Universität Helsinki beziffert die Bevölkerung dieses einen Kulturraums zu Beginn des ersten Jahrtausends auf 1,25 bis 3 Millionen Menschen, mit einem Höhepunkt um das Jahr 200. Radiokarbondaten ordnen die Bauphasen überwiegend der Zeit zwischen 600 vor und 850 nach Christus zu. Für ganz Amazonien folgt daraus eine Einwohnerzahl im zweistelligen Millionenbereich, deutlich über den Annahmen, die lange als Konsens galten.

Was der Befund für den Regenwald bedeutet

Die Bauten setzen eine dauerhafte Landschaftsgestaltung voraus, denn Gräben, Wälle und Wege mussten geplant, ausgehoben und über Generationen offengehalten werden. Damit rückt der Regenwald von der Wildnis zum Kulturraum, dessen heutige Artenzusammensetzung teilweise auf frühere Nutzung zurückgeht. Diese Perspektive hat praktische Folgen, weil Schutzkonzepte bislang meist auf den Erhalt eines vermeintlichen Naturzustands zielen, während der anhaltende Verlust von Waldfläche zugleich archäologische Archive zerstört, die noch niemand gelesen hat. Offen bleiben mehrere Punkte. Die Hochrechnung überträgt die Funddichte schmaler Streifen auf ein sehr großes Gebiet, und die Datierung stützt sich auf eine begrenzte Zahl von Proben. Auch die Funktion der Anlagen ist ungeklärt, weil Siedlungsabfall in vielen Geoglyphen fehlt und ein ritueller oder festlicher Gebrauch bislang plausibel, aber nicht bewiesen ist.

Nature, Over 20,000 precolonial earthworks in the Southwest Amazonia; doi:10.1038/s41586-026-10835-7

Spannend & Interessant
VGWortpixel