Dennis L.
Im brasilianischen Bundesstaat Amapá kommen beim Ausbau der BR-156 Funde ans Licht, die den Blick auf die alte Amazonas-Archäologie verändern. Keramikgefäße, Steinwerkzeuge und anthropomorphe Objekte stehen in einer Region, die bereits durch das Amazonas Stonehenge von Rego Grande bekannt ist. Der neue Kontext macht die Funde besonders spannend, weil einzelne Stücke auf weitreichende Verbindungen zwischen Flusslandschaften, Küstenräumen und Siedlungszentren hindeuten. Unter dem Regenwald erscheint damit kein leerer Naturraum, sondern ein historisches Archiv aus Wegen, Ritualorten und materiellen Spuren.
Der Amazonas galt lange als schwer lesbarer Raum der Archäologie, weil tropische Böden organisches Material rasch zersetzen, dichter Bewuchs Sichtachsen verschließt und viele Siedlungen nicht aus Stein, sondern aus Erde, Holz, Keramik und veränderten Landschaften bestanden. Gerade deshalb besitzen Funde aus Amapá eine besondere Bedeutung: Sie verdichten Hinweise auf alte Gemeinschaften, die Flüsse, Anhöhen, Übergänge und saisonale Zyklen gezielt nutzten. Das Amazonas Stonehenge von Rego Grande ist dabei mehr als ein rätselhaftes Monument aus Granit. Es steht in einer größeren archäologischen Landschaft, in der Gräber, Keramik, astronomische Ausrichtungen und mögliche Verbindungswege zusammen betrachtet werden müssen. Moderne Methoden wie Lidar verändern diese Forschung, weil sie unter Vegetation Muster zeigen können, die am Boden nur schwer sichtbar sind. Dadurch entsteht ein präziseres Bild früher Landschaftsplanung.
Beim Ausbau der BR-156 meldete das brasilianische Verkehrsministerium über den DNIT archäologische Funde aus dem Süden von Amapá, darunter verzierte Keramikfragmente, Steinbeile, Abschläge, Spinnwirtel und Objekte mit menschenähnlichen Elementen. Besonders wichtig ist der Fundplatz Quintela I nahe dem Rio Vila Nova, weil dort ganze Keramikgefäße geborgen wurden, die dekorative Bezüge zur marajoarischen Tradition zeigen. Andere Stücke werden mit Gruppen der Jari Tradition in Verbindung gebracht, die vor ungefähr 1.200 Jahren in der Region lebten, während weitere Merkmale zu Koriabo passen, deren Präsenz im Süden von Amapá und in Pará etwa zwischen 1000 und 1700 n. Chr. belegt ist. Diese Mischung ist wissenschaftlich interessant, weil sie nicht nur einzelne Siedlungen, sondern Austausch, Mobilität und längerfristige kulturelle Kontakte sichtbar macht.
Die neuen Funde entlang der BR-156 liefern einen aktuellen Anlass, um die Rolle von Amapá in der Amazonas-Archäologie neu einzuordnen. In vielen älteren Vorstellungen erschien der Regenwald als isolierter Raum kleiner Gruppen, die nur punktuell Spuren hinterließen. Die Kombination aus Straßenbegleitarchäologie, bekannten Monumenten, Keramikstilen und Fernerkundung zeigt ein anderes Bild: Landschaften wurden wiederholt genutzt, Orte wurden über Generationen erinnert und materielle Zeichen verbanden Alltag, Bestattung, Handwerk und rituelle Praxis. Für Leser in Deutschland ist das Thema auch deshalb relevant, weil es ein verbreitetes Bild vom tropischen Regenwald korrigiert. Der Amazonas ist nicht nur ein Naturraum mit hoher Biodiversität, sondern zugleich ein Archiv indigener Geschichte, dessen Spuren häufig erst sichtbar werden, wenn Infrastrukturprojekte streng archäologisch begleitet oder Waldflächen mit hochauflösender Messtechnik untersucht werden.
Rego Grande ist der bekannteste archäologische Fixpunkt dieser Landschaft. Der Fundort liegt bei Calçoene und besteht aus Granitplatten, die in einer sorgfältigen kreisförmigen Anordnung stehen. Nach Angaben des Iphan deuten autorisierte Untersuchungen des NuPArq am Instituto de Pesquisas Científicas e Tecnológicas do Estado do Amapá auf ein monumentales megalithisches Areal hin, das möglicherweise astronomische Beobachtung und zeremonielle Funktionen verband. Zusätzlich wurden ausgegrabene Gruben mit Urnen beschrieben, was den Ort nicht nur als Kalenderlandschaft, sondern auch als möglichen Bestattungs- und Erinnerungsraum erscheinen lässt. Genau diese Verbindung macht das Amazonas Stonehenge wissenschaftlich reizvoll: Die Steine ordnen den Himmel, die Keramik ordnet soziale Beziehungen, und der Ort selbst verankert beides in einer Landschaft aus Flüssen, Anhöhen und Siedlungsspuren.
Die ältere Forschung zu Rego Grande zeigt, dass der Ort keine isolierte Kuriosität ist. In der Region wurden mehrere megalithische Fundplätze beschrieben, außerdem Keramik der Aristé Keramik, Bestattungsgefäße und Hinweise auf wiederholte Nutzung. Nach Berichten aus der archäologischen Forschung wurden am Standort Kohlefragmente aus Grabgruben mit Radiokarbonmethoden datiert, wodurch eine Nutzung um etwa 1.000 Jahre vor heute plausibel wurde. Einzelne Monolithe stehen so, dass sie mit dem Sonnenlauf zur Dezember-Sonnenwende in Verbindung gebracht wurden. Diese Deutung bleibt vorsichtig, weil astronomische Ausrichtungen immer mit Grabungsdaten, Fundkontexten und regionalen Vergleichsplätzen zusammengeführt werden müssen. Trotzdem erklärt sie, warum Rego Grande eine so starke öffentliche Wirkung entfaltet: Hier verbinden sich sichtbare Steine, ein schwer zugänglicher Regenwaldraum und die Frage, wie präzise frühe Gesellschaften im Norden des Amazonas Himmelszyklen, Totenkult und Landschaftsordnung zusammenführten. Auch die regionale Verteilung ähnlicher Plätze bleibt ein wichtiges Forschungsfeld.
Die zweite Ebene dieser Forschung liegt heute nicht mehr nur am Boden. Das Projekt Amazônia Revelada überfliegt Waldgebiete mit Lidar und verbindet diese Messungen mit der Arbeit lokaler Forscher aus indigenen und traditionellen Gemeinschaften. Lidar sendet Laserimpulse aus und berechnet aus deren Rückkehr ein hochauflösendes Geländemodell, bei dem ein Teil der Vegetation digital ausgeblendet werden kann. Dadurch werden Erdwälle, Wege, Gräben, Plattformen oder geometrische Muster sichtbar, die unter Baumkronen verborgen liegen. Für Amapá und andere Teile Amazoniens ist diese Technik besonders wichtig, weil viele archäologische Spuren nicht aus großen Steinbauten bestehen, sondern aus subtilen Geländeformen. Sie ergänzen Funde wie Gefäße, Steinwerkzeuge und Spinnwirtel, weil sie zeigen können, ob einzelne Fundplätze Teil größerer räumlicher Systeme waren.
Eine Studie in Science schätzte bereits, dass im Amazonasgebiet noch mehr als 10.000 präkolumbische Erdwerke verborgen sein könnten, obwohl die bisher ausgewerteten Lidar-Flächen nur einen kleinen Teil des Beckens abdecken. Für die Einordnung der aktuellen Funde bedeutet das: Das Amazonas Stonehenge und die Objekte entlang der BR-156 stehen wahrscheinlich nicht am Rand einer leeren Wildnis, sondern in einem historischen Netz aus Siedlungen, Wegen, Ritualorten und bewirtschafteten Landschaften. Gleichzeitig bleiben wichtige Fragen offen. Nicht jede geometrische Form ist automatisch eine Siedlung, nicht jeder Fund lässt sich sicher einer Gruppe zuordnen und nicht jede Sonnenausrichtung beweist ein Observatorium. Gerade diese Vorsicht macht die neuen Daten wertvoll. Sie verschieben das Bild der Amazonas-Archäologie nicht durch Spekulation, sondern durch Fundkontexte, Datierungen, Fernerkundung und die Zusammenarbeit mit den Menschen, die in diesen Landschaften leben.
Science, More than 10,000 pre-Columbian earthworks are still hidden throughout Amazonia; doi:10.1126/science.ade2541