Ein ungewöhnlich früher Nordoststurm hat an der Südküste der Insel Nantucket ein Wrackteil aus dem 19. Jahrhundert an den Strand gespült. Die schweren Holzbalken werden einem Küstenschoner zugeordnet, der in einer Dezembernacht des Jahres 1884 vor der Insel strandete. Rund um Nantucket sind etwa 800 Schiffsunglücke bekannt, und viele Wracks liegen bis heute verborgen im Sand. Dass gerade Stürme diese Schiffe wieder ans Licht holen, hat einen handfesten physikalischen Grund.
Nantucket liegt rund 50 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Massachusetts im offenen Atlantik. Die sichelförmige Insel ist heute ein Ziel für Sommerurlauber, doch über Jahrhunderte war sie für Seeleute vor allem eine Gefahr. Flache Sandbänke, wandernde Untiefen, starke Gezeitenströmungen und häufiger Nebel machten die Gewässer zu einem der großen Schiffsfriedhöfe des Atlantiks. Das Egan Maritime Institute, das auf der Insel auch ein Museum für Schiffbruch und Seenotrettung betreibt, schätzt die Zahl der Schiffsunglücke rund um Nantucket auf etwa 800. Die meisten dieser Wracks sind nie geborgen worden. Ihre Reste liegen in der Brandungszone, in den Sandbänken vor der Küste oder direkt unter den Stränden, wo sie über Jahrzehnte von immer neuen Sandschichten bedeckt wurden und ohne Sauerstoff erstaunlich gut erhalten blieben.
Am 26. September 2026 traf ein für die Jahreszeit ungewöhnlich früher Nordoststurm auf den Nordosten der USA. Solche Stürme, im Englischen Nor'easter genannt, treten meist im Herbst und Winter auf und bringen starken Wind aus nordöstlicher Richtung, hohe Wellen und kräftigen Regen. Diesmal erreichten die Böen Geschwindigkeiten von bis zu rund 97 Kilometern pro Stunde. An der Küste von New Jersey kam es zu Überflutungen, Zehntausende Haushalte waren zeitweise ohne Strom. Auf Nantucket hinterließ der Sturm etwas anderes: ein großes hölzernes Fragment eines alten Schiffes, das an der Südküste der Insel aus dem Sand ragte. Nach den ersten Berichten der Lokalzeitung stammt es von einem Küstenschoner aus dem 19. Jahrhundert, dessen Untergang im Jahr 1884 gut dokumentiert ist.
Das Fragment besteht aus massiven Holzbalken, wie sie im 19. Jahrhundert für den Rumpf größerer Frachtsegler verwendet wurden. Nach dem Bericht wird es einem Schoner zugeordnet, der in der Nacht vom 22. auf den 23. Dezember 1884 vor der Südküste strandete. Die Besatzung überlebte damals: Der Kapitän und sieben weitere Männer wurden von den Rettungsmännern der Insel an Land gebracht, ein Teil der Ladung konnte geborgen werden. Die Zuordnung ist eine erste Einschätzung und keine gesicherte Identifizierung. An genau diesem Küstenabschnitt waren allerdings schon 2022 und 2023 große Teile des Dreimastschoners Warren Sawyer aufgetaucht, der in jener Dezembernacht von 1884 an der Südküste verunglückte. Ob das neue Fragment zu diesem Schiff gehört oder zu einem anderen Segler, müssen nun die zuständigen Fachleute klären. Dafür vergleichen sie Bauweise, Holzart, Befestigungen und Fundort mit historischen Unterlagen.
Die Geschichte der Warren Sawyer ist eines der am besten überlieferten Schiffsunglücke von Nantucket. Der Dreimaster war mit einer Ladung aus Baumwolle und Alteisen von New Orleans nach Boston unterwegs, als ihn ein Sturm mit Windstärken eines Orkans vom Kurs abbrachte. Gegen 23 Uhr lief das Schiff vor der Südküste auf Grund. Ein Wachmann der Rettungsstation Surfside sah die Lichter des Schoners in der Brandung und alarmierte seine Kollegen. Die Retter schossen mit einer Leinenkanone ein Seil zum Wrack, doch die Seeleute waren von der Kälte so erschöpft, dass sie es zunächst nicht sichern konnten. Erst als ein Retter in einer ruhigeren Phase bis in die Brandung lief und eine Leine über den Bug warf, gelang die Rettung, wie die Lokalzeitung in ihrem Bericht über die Reste des Schoners von 1884 anhand historischer Quellen nachzeichnet. 2023 fand eine Anwohnerin beim Spaziergang mit ihrem Hund rund 275 Meter westlich der ersten Fundstelle ein noch größeres Teil, das der Chefarchäologe des Bundesstaats als Heck des Schiffes bestimmte.
Dass Wracks gerade nach Stürmen auftauchen, liegt an der enormen Energie, die hohe Wellen auf einen Strand übertragen. Bei ruhigem Wetter lagern Wellen und Gezeiten Sand an und bauen den Strand langsam auf. Bei einem Sturm kehrt sich dieser Prozess um. Die brechenden Wellen tragen in kurzer Zeit große Mengen Sand ab und verfrachten ihn auf Sandbänke vor der Küste. Dadurch sinkt der Strand oft um einen Meter oder mehr ab, und Objekte, die jahrzehntelang tief im Sand lagen, liegen plötzlich frei. Gleichzeitig können Wellen und Strömungen lose Wrackteile vom Meeresboden lösen und an Land werfen. Nach dem Sturm füllt sich der Strand meist innerhalb von Tagen oder Wochen wieder auf, und die Funde verschwinden erneut. Für Archäologen entsteht so nur ein kurzes Zeitfenster, in dem sie ein Fragment vermessen, fotografieren und dokumentieren können. Nantucket ist dafür ein Paradebeispiel: Auch ein Wrackteil des Fischereischoners Evelyn M. Thompson von 1918 kam erst nach einem Herbststurm wieder zum Vorschein. Ähnliches geschieht weltweit überall dort, wo Naturkräfte lange verborgene Objekte freigeben, etwa wenn ein schmelzender Gletscher nach Jahrzehnten Wrackteile eines Flugzeugs freigibt.
Ein Wrackteil einem bestimmten Schiff zuzuordnen, ist mühsame Detektivarbeit. Die Fachleute untersuchen, aus welchem Holz Spanten, Planken und Kiel bestehen, ob Eisen, Kupfer oder Bronze für Bolzen und Beschläge verwendet wurde und wie die Bauteile verbunden sind. Daraus lassen sich Bauzeit, Größe und Schiffstyp eingrenzen. Anschließend gleichen sie diese Merkmale mit Schiffsregistern, Zeitungsberichten und Protokollen der Rettungsstationen ab, die für Nantucket bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Das Egan Maritime Institute beschreibt diese Arbeit am Beispiel der Warren Sawyer als Abgleich archäologischer Befunde mit Archiven, historischen Fotos und Literatur. Nach dem Recht von Massachusetts sind Wrackfunde dem staatlichen Board of Underwater Archaeological Resources zu melden. Die Fachleute bitten Strandbesucher deshalb, Fragmente weder zu bewegen noch Teile mitzunehmen, sondern den Fund zu fotografieren und zu melden. Nur so lässt sich die Fundlage dokumentieren, bevor der nächste Sturm oder die nächste Flut das Holz wieder begräbt.
Schoner waren im späten 19. Jahrhundert das wichtigste Transportmittel entlang der amerikanischen Ostküste. Fachleute des Egan Maritime Institute vergleichen sie mit den Sattelschleppern von heute: Die Zwei- oder Dreimaster brachten Holz, Kohle, Zucker, Baumwolle und Vieh zwischen den Häfen hin und her. Weil sie in großer Zahl und oft bei jedem Wetter fuhren, gingen auch viele von ihnen verloren. Die Rümpfe bestanden vollständig aus Holz und brachen in der Brandung schnell auseinander. Was nicht zerschlagen wurde, holten Bergungsleute oder Anwohner als Baumaterial und Brennholz. Die Teile, die im Sand zurückblieben, sind deshalb heute wertvolle Zeugnisse des Schiffbaus jener Zeit. Jedes neue Schiffswrack an der Küste von Nantucket liefert Informationen über Bauweise, Handelswege und die gefährliche Arbeit der Seeleute und Rettungsmannschaften, die bei jedem Wetter ausrückten. Das jetzt angespülte Fragment ist damit mehr als ein Stück Treibholz: Es erzählt von einer Nacht vor 142 Jahren, in der acht Männer dem Atlantik knapp entkamen.