Messapische Priesterin

Felsgrab in Manduria trägt 2 Inschriften und blaue Malereien

 Dennis Lenz

Felsgrab in Manduria trägt 2 Inschriften und blaue Malereien
(Symbolbild, KI-generiert) Das Felsgrab von Manduria verbindet bemalte Grabarchitektur mit messapischer Schrift und kultischen Zeichen. Erhaltene rote und blaue Pigmente machen den religiösen Kontext besonders anschaulich. Ein schlüsselartiges Motiv und ein Räuchergefäß stützen die Deutung einer kultischen Funktion. Ob die bestattete Frau tatsächlich dem Demeter-Kult angehörte, sollen weitere Analysen klären. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Im archäologischen Park von Manduria ist ein bemaltes Felsgrab mit zwei messapischen Inschriften freigelegt worden. Blau-rote Ornamente, ein schlüsselartiges Kultsymbol und die Darstellung eines Räuchergefäßes machen die Kammer ungewöhnlich anschaulich. Erste Lesungen deuten auf eine hochrangige Frau mit priesterlicher Funktion und einen Bezug zum Demeter-Kult, doch diese Zuordnung muss noch überprüft werden. Gerade die Kombination aus Schrift, Farbe und Ritualzeichen eröffnet nun einen seltenen Blick auf religiöse Ämter im vorrömischen Süditalien.

Mitten im süditalienischen Manduria liegt das Felsgrab innerhalb des archäologischen Parks der messapischen Stadtbefestigung, wo neue Grabungen die alte Nekropole und angrenzende Verkehrsflächen untersuchen. Die verantwortliche Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio für Brindisi, Lecce und Taranto ließ die Arbeiten mit Mitteln des italienischen Kulturministeriums durchführen. Besonders auffällig ist die erhaltene Farbfassung: Auf hellem Putz ziehen sich rote und blaue geometrische Muster entlang der Wände, während einzelne Zeichen und Bildmotive tiefer in den religiösen Kontext führen. Eine Zusammenfassung der bekanntgegebenen Grabungsergebnisse beschreibt das Ensemble als den wichtigsten Fund der jüngsten Untersuchungen.

Die Messapier lebten vor der römischen Expansion in Apulien und hinterließen eigene Inschriften, Befestigungen und Bestattungstraditionen. In Manduria treffen diese Spuren auf einen besonders gut lesbaren archäologischen Zusammenhang: Grabarchitektur, bemalte Oberflächen, Schrift und kultische Symbole liegen am selben Ort. Für Archäologen ist das wertvoll, weil sich ein religiöses Amt hier nicht nur aus einem einzelnen Gegenstand ableiten lässt. Mehrere voneinander unabhängige Hinweise greifen ineinander, ohne bereits jede offene Frage zu beantworten.

Manduria legt das Felsgrab direkt im Kalkstein frei

Direkt in den anstehenden Fels arbeiteten die Erbauer die Kammer, die zu einem Gräberfeld am Rand der antiken Siedlung gehört. Ihr Baukörper unterscheidet sich damit von oberirdischen Monumenten, die nach Jahrhunderten leichter zerstört oder umgenutzt werden konnten. Der geschützte Innenraum bewahrte Reste von Putz und Farbe, die heute den stärksten visuellen Eindruck des Fundes liefern. Auf den Wänden laufen meanderartige Bänder, dazwischen erscheinen einzelne figürliche Zeichen, deren religiöse Bedeutung erst durch den Gesamtzusammenhang verständlich wird.

Vincenzo Ria, zuständiger Archäologe für das Gebiet von Manduria, und die Archäologin Stefania Montanaro stellten die Resultate gemeinsam mit der Soprintendenza vor. Ihre Auswertung betrifft nicht nur die auffällige Grabkammer, sondern auch die Entwicklung der antiken Stadt und ihrer Begräbnisplätze. Vergleichbare Farbreste können archäologische Räume zeitlich und funktional stark aufwerten, weil Pigmente häufig viel empfindlicher sind als Stein. Wie eindrucksvoll erhaltene Bemalung einen Grabkontext verändern kann, zeigt auch eine Grabkammer im ägyptischen Saqqara mit erhaltenen Originalfarben, deren Reliefs ebenfalls weit mehr verraten als die nackte Architektur allein.

3 Steinplatten verschlossen die bemalte Kammer

Über dem Zugang lagen ursprünglich drei große Steinplatten, die den Innenraum abschlossen. Gerade an diesen Bauteilen blieb ein wichtiger Teil der Schriftinformation erhalten, denn auf einer Platte steht eine messapische Inschrift. Die Position ist archäologisch entscheidend: Eine Beschriftung auf dem Verschluss eines Grabes gehörte sichtbar zur Inszenierung der Bestattung und war nicht bloß ein zufällig hineingeratenes Objekt. Damit lässt sich untersuchen, ob Name, Herkunft oder Amt der bestatteten Person schon am Zugang markiert wurden.

Innerhalb der Kammer setzt sich das Bildprogramm fort. Zwischen den Ornamenten erscheint ein Motiv, das als Schlüssel eines Heiligtums gedeutet wird, daneben ein thymiaterion, also ein Gefäß zum Verbrennen aromatischer Stoffe bei Ritualen. Solche Zeichen verbinden die Darstellung mit kultischer Praxis und machen den Raum sinnlich vorstellbar: Farbe an den Wänden, der Gedanke an aufsteigenden Rauch und ein Symbol für den Zugang zu einem Heiligtum bilden eine ungewöhnlich dichte religiöse Bildsprache. Ob jedes Motiv tatsächlich dieselbe Funktion besaß, wird die weitere ikonografische Untersuchung klären.

2 Inschriften nennen eine Frau und einen Priestertitel

Auf dem äußeren Schriftträger erkennen die Fachleute einen weiblichen Namen, ein Patronym und das messapische Wort thabara, das mit einer priesterlichen Funktion in Verbindung gebracht wird. Damit rückt erstmals eine konkrete Person hinter der Ausstattung in den Mittelpunkt. Die Deutung gewinnt zusätzlich Gewicht, weil die Schrift nicht isoliert steht, sondern mit Darstellungen aus einem religiösen Umfeld zusammentrifft. Für die soziale Geschichte der Messapier wäre ein solcher Befund besonders wichtig, denn er könnte ein weibliches Amt direkt in einem monumentalen Grabkontext fassbar machen.

Eine weitere Beschriftung befindet sich auf der Innenseite eines der Verschlusssteine und wurde in farbiger Fassung ausgeführt. Dort lesen die Forscher eine Form, die als Damatrioas rekonstruiert wird und sprachlich auf Demeter verweisen könnte. Diese Verbindung ist noch keine abschließende Übersetzung, sondern Teil der laufenden epigrafischen Prüfung. Genau deshalb ist der Fund wissenschaftlich ergiebig: Der mögliche Götterbezug lässt sich künftig mit Schreibweise, Bildsymbolen, Grabbeigaben und regionalen Parallelen gegentesten, statt nur aus einem einzelnen Wort eine sichere Identität abzuleiten.

24 Gräber zeigen die Nekropole zwischen Stadt und Straße

Die jüngsten Untersuchungen erfassten insgesamt vierundzwanzig Bestattungen in zwei Bereichen des archäologischen Parks. Neben der Nekropole wurde dabei auch ein alter Verkehrsweg dokumentiert, der neue Hinweise auf die räumliche Trennung und Verbindung von Siedlung, Befestigung und Totenstadt liefert. Für die Rekonstruktion des antiken Manduria ist diese Lage mindestens so wichtig wie einzelne Grabbeigaben, denn sie zeigt, wie Bewohner ihre Wege, Mauern und Begräbnisplätze aufeinander bezogen.

Datieren lassen sich die untersuchten Bestattungen in die Zeit zwischen dem vierten und dritten Jahrhundert vor Christus, als die messapische Kultur in Apulien noch eigenständig war und zugleich in engem Austausch mit griechischen Städten und anderen Gemeinschaften des Mittelmeerraums stand. Das erklärt, warum religiöse Bilder und lokale Sprache nebeneinander auftreten können, ohne dass sich daraus eine einfache kulturelle Zuordnung ergibt. Inschriften bleiben dabei besonders wertvoll, weil sie Namen und Funktionen unmittelbar überliefern können, während Gegenstände allein meist mehrere Deutungen zulassen.

Einige Gräber der Anlage waren bereits durch illegale Eingriffe beschädigt worden. Dadurch fehlen Teile des ursprünglichen Fundzusammenhangs, und besonders empfindliche Materialien können verloren gegangen sein. Die bemalte Kammer hebt sich gerade deshalb ab, weil Wandflächen und beschriftete Steine noch genügend Informationen tragen, um eine zusammenhängende Analyse zu ermöglichen. Bei antiken Bestattungen entscheidet diese räumliche Verbindung darüber, ob ein Objekt nur interessant aussieht oder tatsächlich etwas über die Person, ihr Amt und das Ritual aussagt.

Manduria plant Restaurierung und neue Analysen

Als nächster Schritt sollen Spezialisten die bemalten Flächen restaurieren, die Konstruktion sichern und die Inschriften genauer untersuchen. Zusätzlich sind archäobotanische Analysen von während der Grabung entnommenen Proben vorgesehen. Solche Untersuchungen können winzige Pflanzenreste oder andere organische Spuren erfassen und damit Hinweise darauf liefern, welche Stoffe bei Bestattung und Kult verwendet wurden. Besonders beim dargestellten Räuchergefäß wäre ein tatsächlicher botanischer Befund eine wichtige Ergänzung zur Bildinterpretation.

Die zuständige Denkmalbehörde erwägt außerdem, Teile des Fundes im archäologischen Museum von Manduria zu zeigen. Für die Grabkammer selbst steht eine Erhaltung am Fundort im Raum, während beschriftete oder bemalte Platten separat gesichert und präsentiert werden könnten. Diese Trennung verlangt sorgfältige Dokumentation, weil die wissenschaftliche Aussage der Stücke stark von ihrer ursprünglichen Position abhängt. Ein vergleichbares Problem kennt die Archäologie von symbolisch aufgeladenen Grabelementen wie der Scheintür aus einem ägyptischen Grab, deren Bedeutung ebenfalls erst aus ihrem Platz im Ritualraum verständlich wird.

Noch offen bleibt, ob die Frau tatsächlich als Priesterin des Demeter-Kults identifiziert werden kann und wie ihr Amt innerhalb der messapischen Gemeinschaft organisiert war. Die Antwort hängt nun von der Lesung der Namen, dem Vergleich regionaler Inschriften und der Untersuchung der erhaltenen Pigmente sowie organischen Proben ab. Damit verschiebt sich die Arbeit vom Freilegen zum Entziffern: Aus einem auffälligen, farbigen Grab soll ein möglichst präzises Bild einer Person und ihrer religiösen Rolle entstehen.

Soprintendenza Archeologia, Belle Arti e Paesaggio per le province di Brindisi, Lecce e Taranto, Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen im Parco archeologico delle Mura Messapiche di Manduria

Finestre sull’Arte, Manduria: A painted tomb with inscriptions in the Messapian language has been discovered; it may have belonged to a priestess of Demeter

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