Ein Erdwall, ein vorgelagerter Graben und Reste einer frühen Mauer machen Oued Beht im nordwestlichen Marokko zu einem außergewöhnlichen Fundplatz. Radiokarbondaten datieren die Anlage in das frühe bis mittlere zweite Jahrtausend vor Christus und damit bis zu rund 4.000 Jahre zurück. Nach heutigem Forschungsstand handelt es sich um die älteste großräumige Befestigung dieser Zeit in Nordafrika außerhalb des Niltals. Besonders überraschend ist, dass die weithin sichtbare Steinmauer auf dem Bergrücken viel jünger ist und einen prähistorischen Kern überdeckt.
Auf dem schmalen Rücken über dem Fluss Oued Beht legten Archäologen eine komplizierte Abfolge aus Erdschichten, Gräben, Pfostenlöchern und Mauerresten frei. Die Anlage war seit den 1930er-Jahren bekannt, ihr Alter blieb jedoch ungeklärt, weil spätere Bewohner den Platz immer wieder umbauten. Erst die neuen Grabungsschnitte des internationalen Oued Beht Archaeological Project trennten die einzelnen Bauphasen voneinander. Das Team um Giulio Lucarini, Youssef Bokbot und Toby Wilkinson beschreibt die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Libyan Studies. Zwischen hellbrauner Erde, Kalksteinbrocken und verkohlten Samen zeigte sich dabei, dass unter der jüngeren Steinbefestigung ein wesentlich älterer Erdwall mit vorgelagertem Graben lag.
Oued Beht befindet sich in der Provinz Khémisset in einer mediterran geprägten Landschaft. Der Fundplatz liegt erhöht über einem ganzjährig wasserführenden Fluss und besitzt im Süden einen schmaleren, natürlich besser geschützten Geländerücken. Genau dort konzentrierte sich die Bautätigkeit der späteren Vorgeschichte. Die Lage unterscheidet sich von der älteren neolithischen Nutzung weiter nördlich, wo Menschen auf einer offeneren Fläche siedelten, Vorräte lagerten und Landwirtschaft betrieben.
Die entscheidenden Hinweise stammen aus den Grabungsschnitten 3 und 3.1, die quer durch den bisher als Wall B1 bezeichneten Komplex geführt wurden. Dort entnahmen die Archäologen verkohlte Samen und Holzkohle aus klar getrennten Schichten. Diese Datierungsserie lieferte eine zeitliche Abfolge, in der sich prähistorische, mittelalterliche und jüngere Eingriffe voneinander unterscheiden lassen. Besonders aussagekräftig waren Pflanzenreste aus geschlossenen Kontexten, weil sie direkt mit den Bau- und Verfüllschichten verbunden waren.
Unterhalb der späteren Steinmauer lag eine ältere Konstruktion aus verdichtetem Erdmaterial, verbranntem und unverbranntem Lehm sowie Kies. Diese frühe Phase gehörte zu einem Wall, der auf beiden Seiten durch aufgeschüttete Böschungen verstärkt wurde. Nördlich davon fanden die Ausgräber einen Graben, dessen Füllschichten ebenfalls in die Bronzezeit datieren. Ein schräg gesetztes Pfostenloch enthielt einen verkohlten Hülsenfruchtsamen, dessen Datierung in die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus fällt. Solche kleinen Reste sind für die Chronologie wertvoller als viele lose Keramikscherben, weil spätere Umbauten das Fundmaterial im Boden stark vermischten.
Der Vergleich mit anderen Fundplätzen zeigt, wie ungewöhnlich die Anlage ist. In Europa sind befestigte bronzezeitliche Siedlungen gut dokumentiert, etwa auf Zypern, wo ein 7,4 Meter breiter Wehrturm aus einer monumentalen Stadtbefestigung untersucht wurde. Für den nordwestlichen Maghreb fehlten dagegen lange vergleichbar sicher datierte Großbauten aus dieser Epoche. Oued Beht füllt damit eine Lücke, die nicht durch ein einzelnes spektakuläres Objekt, sondern durch die räumliche Organisation des gesamten Geländes sichtbar wird.
Die heute erkennbare Struktur täuscht auf den ersten Blick über ihr Alter hinweg. Das obere Mauerwerk besteht aus Kalksteinblöcken und Geröll, erreicht an der Oberfläche eine beträchtliche Breite und gehört überwiegend in eine spätere Nutzungsphase. Darunter fanden die Forscher jedoch die ältere Konstruktion, die aus Lehm, aschigem Sediment, Kies und vermutlich einzelnen Steinen aufgebaut war. Brandspuren in mehreren Schichten sprechen dafür, dass Teile der frühen Befestigung beschädigt, aufgegeben oder erneuert wurden.
Der vorgelagerte Graben verstärkt den Eindruck einer Verteidigungsanlage, doch die Autoren formulieren die Funktion bewusst vorsichtig. Ein Graben mit Erdwall kann Bewegungen kontrollieren, einen Siedlungsbereich abgrenzen oder einen strategischen Geländepunkt schützen. Welche konkrete Bedrohung die Bewohner erwarteten, lässt sich aus den erhaltenen Schichten nicht ablesen. Die Anlage zeigt jedoch, dass eine Gemeinschaft Arbeitskräfte koordinieren, Material bewegen und über längere Zeit an einem großen Bauwerk arbeiten konnte.
Diese Organisation passt zu einem breiteren Bild des Fundplatzes. Frühere Untersuchungen hatten im nördlichen Bereich zahlreiche glockenförmige Vorratsgruben, Tierknochen, Getreidereste, Steinwerkzeuge und Keramik nachgewiesen. Oued Beht war damit schon im späten Neolithikum kein kleiner saisonaler Lagerplatz, sondern ein großer Schwerpunkt landwirtschaftlicher Aktivität. Während dieser älteren Phase lag das Zentrum weiter nördlich; später verlagerte sich der Schwerpunkt offenbar auf den schmaleren südlichen Rücken, wo Graben und Erdwall die natürliche Topografie ausnutzten.
Die Geländewahl ist für die Interpretation besonders wichtig. Zwei Einschnitte im Gelände nähern sich im Süden aneinander und bilden einen natürlich begrenzten Sporn. Wer dort eine Querbefestigung errichtete, musste nicht die gesamte Siedlung mit einer Mauer umgeben, sondern konnte einen bereits durch Hänge geschützten Abschnitt zusätzlich sperren. Diese Kombination aus Gelände und Bauwerk erklärt, weshalb die Forscher von einer wahrscheinlich defensiven Funktion sprechen.
Im westlichen Mittelmeer war das zweite Jahrtausend vor Christus eine Zeit intensiver Kontakte. In Südiberien bestanden zeitgleich befestigte Siedlungen und komplexe Gesellschaften, deren Handelsnetze Metall, Keramik und andere Güter bewegten. Auch eine kürzlich beschriebene Bronzezeit-Siedlung an den Dardanellen verdeutlicht, wie stark Küstenlage, Sichtachsen und Verkehrswege die Wahl vorgeschichtlicher Siedlungsplätze prägen konnten. Für Oued Beht sind direkte Verbindungen zu einzelnen mediterranen Zentren noch nicht belegt, doch der Fundplatz liegt in einer Region, die keineswegs isoliert war.
Keramik, Steingeräte und Rohstoffanalysen sollen künftig genauer zeigen, welche Waren vor Ort entstanden und welche von außerhalb kamen. Geologische Untersuchungen fanden in der Umgebung tonreiche Ablagerungen, die sich grundsätzlich für die Keramikproduktion eignen. Gleichzeitig passen manche Scherben offenbar nicht gut zu lokalen Rohstoffen. Damit öffnet sich eine zweite Spur neben der Befestigung: Die Bewohner könnten in regionale und überregionale Austauschbeziehungen eingebunden gewesen sein, deren Reichweite erst noch rekonstruiert werden muss.
Viele Jahrhunderte nach der prähistorischen Nutzung kehrten Menschen auf den Rücken zurück. In den oberen Schichten erscheinen neue Mauern, Reparaturen und Aufschüttungen, die mit mittelalterlichen Radiokarbondaten zusammenpassen. Auch eine kleine ländliche Siedlung in der Umgebung und ein Gräberfeld gehören offenbar in diese spätere Phase. Die sichtbare Steinmauer, die den Platz lange prägte, ist deshalb kein unveränderter Rest der Bronzezeit, sondern das Ergebnis mehrerer Bauperioden.
Diese Überlagerung erklärt, warum die Anlage so lange falsch oder nur unsicher eingeordnet werden konnte. Oberflächlich sahen Archäologen vor allem die jüngeren Steine, während der prähistorische Wall in den Erdschichten darunter verborgen blieb. Lokale Bewohner berichteten zudem, dass Teile des Mauerwerks früher höher gewesen seien und zeitweise als Tierstall genutzt wurden. Der Platz blieb damit über sehr lange Zeit ein funktionaler Bestandteil der Landschaft, auch wenn sich seine Bedeutung mehrfach änderte.
Bei den neuen Grabungen kamen außerdem menschliche Bestattungen zutage. Eine untersuchte Person lag in einem Bereich, der nach den bisherigen Daten ebenfalls in das Mittelalter gehört. Die Orientierung der Gräber entspricht nicht eindeutig der heute üblichen islamischen Bestattungspraxis, weshalb die kulturelle Zuordnung noch offen ist. Weitere Ausgrabungen sollen klären, wie groß das Gräberfeld war und wie es mit den nahegelegenen Siedlungsspuren zusammenhing.
Die nächsten Arbeiten müssen vor allem die räumliche Gestalt der frühen Anlage bestimmen. Bislang ist klar, dass Wall, Böschung und Graben gemeinsam einen bedeutenden Baukomplex bilden, doch nicht jeder Abschnitt wurde vollständig ausgegraben. Einige Schnitte endeten aus Sicherheitsgründen, andere ließen sich wegen Wurzeln, Tiergängen und späteren Eingriffen nur teilweise lesen. Auch die Frage, ob der Wall durchgehend verlief oder aus mehreren Bauabschnitten bestand, bleibt offen.
Parallel dazu untersucht das Team die Keramik aus den spätprähistorischen Schichten genauer. Gerade dieser Zeitraum ist im nordwestlichen Maghreb noch vergleichsweise schlecht dokumentiert, weil viele Fundplätze entweder älter oder jünger sind. Oued Beht bietet erstmals eine Abfolge, in der ein großer neolithischer Wirtschaftsschwerpunkt, eine bronzezeitliche Befestigung und eine mittelalterliche Wiederbelegung am selben Ort getrennt untersucht werden können.
Für die kommende Feldarbeit ist besonders der südliche Bereich interessant, an dem der frühe Graben und die Aufschüttungen noch nicht überall bis zum natürlichen Untergrund verfolgt wurden. Dort könnten weitere geschlossene Schichten zeigen, wie die Bauarbeiten begannen, ob einzelne Abschnitte gleichzeitig entstanden und welche Nutzungsflächen unmittelbar hinter der Befestigung lagen.
Giulio Lucarini et al., Expanding Oued Beht: Final Neolithic, Bronze Age, medieval and later discoveries from excavation and survey in 2023; doi:10.1017/lis.2026.10037
Consiglio Nazionale delle Ricerche, Scoperta in Marocco la più antica struttura difensiva del Nord Africa al di fuori della Valle del Nilo
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