Eine bislang unbekannte Bronzezeit-Siedlung an den Dardanellen ist wissenschaftlich erstmals beschrieben worden. 54 Keramikfragmente aus Yaylatepe zeigen ungewöhnliche Oberflächen und Verbindungen zum westlichen Anatolien. Besonders auffällig sind drei Scherben mit dunklen, welligen Linien, die in der Region bislang nicht dokumentiert waren. Ob die Gefäße importiert wurden oder lokale Töpfer fremde Vorbilder aufgriffen, bleibt offen.
54 diagnostische Keramikfragmente aus Yaylatepe bilden die Grundlage für die erste wissenschaftliche Beschreibung eines bislang unbekannten bronzezeitlichen Küstenorts an den Dardanellen. Ihre Formen, Tonmischungen und Oberflächen geben Hinweise auf die zeitliche Einordnung und die Kontakte der Siedlung.
Die Archäologin Meral Başaran stellt Yaylatepe in einer neuen Untersuchung vor, die im Fachjournal Arkeoloji Dergisi erschienen ist. Das Team hatte den Platz während einer Geländekampagne 2024 des Çanakkale Strait Bronze Age Harbours Research Project identifiziert und die Oberflächenfunde anschließend mit Keramik aus Troja, Kumtepe und Maydos verglichen. Die wissenschaftliche Originalarbeit zu Yaylatepe beschreibt damit erstmals einen Fundplatz, der bislang in der archäologischen Karte der Dardanellen fehlte.
Besonders aufschlussreich ist die Entdeckung auch, weil die Fundstelle nicht isoliert betrachtet wird. Eine digitale Sichtfeldanalyse prüfte, ob Yaylatepe mit einer zeitgleichen Siedlung auf der gegenüberliegenden Küste in direkter Sichtverbindung lag. Das Ergebnis verbindet die Keramikfunde mit einer größeren Frage: Wie waren die Siedlungen an der Meerenge räumlich angeordnet, und welche Rolle spielten Küstenplätze für die Bewegung von Menschen und Waren?
Der Fundplatz befindet sich auf der anatolischen Seite der Dardanellen auf der Biga-Halbinsel im Nordwesten der heutigen Türkei. Das Gelände liegt nordöstlich des Dorfes Kangırlı und nimmt eine erhöhte Position über der Küstenlandschaft ein. Eine natürliche Bucht liegt westlich des Siedlungshügels, während ein kleiner Wasserlauf an seiner Ostseite verläuft. Diese Kombination aus höherem Gelände, Zugang zur Küste und Nähe zu einem Fließgewässer macht den Standort für eine vorgeschichtliche Siedlung nachvollziehbar.
Die Umgebung hat sich seit der Bronzezeit verändert. Ablagerungen des Umurbey-Flusses schoben die Küstenlinie im Laufe der Zeit weiter hinaus, sodass der Siedlungshügel früher wahrscheinlich näher am Wasser lag; eine Beschreibung des Fundorts und seiner Küstenlage erläutert diesen Landschaftswandel. Eine heutige Karte kann deshalb den damaligen Zugang zum Meer nur unvollständig wiedergeben. Für die Bewertung des Fundplatzes ist entscheidend, wie sich die alte Uferzone, natürliche Anlandestellen und die Sicht über die Meerenge zueinander verhielten.
Der Bericht beschreibt einen Siedlungshügel mit einer Ausdehnung von ungefähr 200 mal 160 Metern. Oberflächenfunde verteilen sich über verschiedene Hangbereiche und den erhöhten Teil des Geländes. Landwirtschaftliche Nutzung kann solche Fundstreuungen verändern, weil Pflügen und Bodenbewegungen Keramik aus älteren Schichten an die Oberfläche bringen. Die Forschenden mussten deshalb jedes Stück zunächst als Oberflächenfund behandeln und konnten daraus keine ungestörte Abfolge von Siedlungsschichten ableiten.
Sämtliche ausgewerteten Keramikfragmente erlauben durch Form, Tonbeschaffenheit und Herstellungsspuren eine zeitliche und kulturelle Einordnung. Die meisten Stücke bestehen aus hell orangebraunem Ton, andere zeigen rötliche Überzüge oder sorgfältig geglättete Oberflächen. An den Bruchkanten lässt sich erkennen, wie dick die Gefäßwände waren und wie gleichmäßig die Tonmasse verarbeitet wurde. Solche Details sind wichtig, weil Keramik im Gelände oft nur in kleinen Teilen erhalten bleibt.
Besonders ins Auge fallen drei Fragmente einer Keramikgruppe, die als Bone-Burnished Ware bezeichnet wird. Ihre Oberfläche wurde poliert und trägt dunkle, geschwungene Linien, die beim Glätten mit einem Werkzeug entstanden. Vergleichbare Stücke kennt die Forschung aus Beycesultan im westlichen Anatolien. In bronzezeitlichen Fundkomplexen der Çanakkale-Region waren diese Keramikformen bislang nicht dokumentiert, auch nicht aus den bekannten Fundorten Troja und Maydos.
Die Ähnlichkeit mit Beycesultan eröffnet eine Verbindung in das Hinterland, beweist aber keinen direkten Import. Gefäße können über Handelswege an einen Ort gelangen, vor Ort nach fremden Vorbildern entstehen oder eine gemeinsame handwerkliche Tradition widerspiegeln. Ohne Tonanalysen und eine genaue Untersuchung der Rohstoffquellen lässt sich nicht entscheiden, welche Erklärung zutrifft. Die ungewöhnlichen Oberflächen liefern daher einen Hinweis auf kulturelle Kontakte, aber noch keinen eindeutigen Herkunftsnachweis.
Nun verglichen Forschende Yaylatepe mit Asartepe, einem zeitgleichen Siedlungsplatz am gegenüberliegenden Ufer. Mithilfe eines geografischen Informationssystems berechneten sie, welche Geländebereiche von einem Standort aus sichtbar sind. Das Modell berücksichtigt die Höhenlage und die Topografie zwischen beiden Punkten. Es ergab, dass eine direkte Sichtverbindung zwischen den Siedlungen möglich war.
Eine solche Sichtachse ist für die Archäologie ein räumlicher Befund, kein Beweis für regelmäßige Kontakte. Menschen auf beiden Seiten konnten den jeweils anderen Ort sehen, doch daraus folgt weder ein bestimmtes Kommunikationssystem noch ein nachgewiesener Handelsverkehr. Sichtbarkeit kann dennoch bei der Wahl von Siedlungsplätzen eine Rolle gespielt haben, etwa wenn Bewohner die Küste, Anlandestellen oder Bewegungen auf dem Wasser beobachten wollten.
Die Dardanellen bilden eine schmale Verbindung zwischen Ägäis und Marmarameer. Wer an dieser Küste siedelte, lebte in einer Landschaft, in der Wasserwege und gegenüberliegende Ufer zum Alltag gehörten. Die Lage von Yaylatepe und Asartepe eröffnet deshalb eine konkrete Möglichkeit, die räumliche Organisation vorgeschichtlicher Küstensiedlungen zu untersuchen. Weitere Fundplätze entlang der Meerenge könnten zeigen, ob solche Sichtbeziehungen ein wiederkehrendes Muster bildeten oder eine Besonderheit dieser beiden Orte waren.
Das Keramikmaterial von Yaylatepe umfasst mehrere Zeitabschnitte, die vom Ende der späten Kupferzeit bis zum Beginn der späten Bronzezeit reichen. Frühere Materialien konzentrieren sich vor allem an den westlichen Hängen, während Stücke aus der mittleren Bronzezeit häufiger in höheren Geländebereichen auftreten. Keramik aus späteren Phasen liegt stärker im oberen Bereich des Hügels. Diese Verteilung kann auf unterschiedliche Nutzungsphasen hinweisen, bleibt wegen der fehlenden stratigrafischen Kontrolle aber vorläufig.
Zu den Vergleichsfunden gehört der Fuß eines sogenannten Depas-amphikypellon-Gefäßes, einer zweihenkligen Becherform, die mit der frühen Bronzezeit verbunden ist. Hinzu kommen eine Schale mit rotem Kreuzdekor aus der mittleren Bronzezeit und mehrere rot überzogene Gefäßfragmente. Solche Formen helfen, die Funde mit bekannten Keramiksequenzen der Region zu vergleichen. Troja, Kumtepe und Maydos liefern dafür wichtige Bezugspunkte, weil ihre Fundbestände bereits ausführlicher untersucht wurden.
Auch die Herstellungstechnik unterscheidet die Keramik von Yaylatepe von vielen anderen Oberflächenfundplätzen auf der Gallipoli-Halbinsel. Von den Fragmenten, deren Fertigung sich bestimmen ließ, waren rund 62 Prozent auf einer Töpferscheibe hergestellt. Mindestens zwölf Stücke zeigen Spuren einer schnell laufenden Scheibe, darunter regelmäßige konzentrische Drehmarken. Mehr als die Hälfte der untersuchten Proben war gut gebrannt; einige besitzen feine, homogene Tonmassen, die auf eine sorgfältige Vorbereitung hinweisen.
Die Ergebnisse zeigen, dass der Küstenort verschiedene Keramiktraditionen und handwerkliche Verfahren vereinte. Sie erlauben aber noch keine vollständige Rekonstruktion des täglichen Lebens, der politischen Beziehungen oder der wirtschaftlichen Funktion des Platzes. Die bisherigen Daten stammen aus Oberflächenbegehungen, bei denen Keramik und andere Objekte auf dem Boden erfasst werden. Solche Funde können einen Ort sichtbar machen, liefern aber nicht dieselbe zeitliche Sicherheit wie Gegenstände aus ungestörten archäologischen Schichten.
Unklar bleibt deshalb, ob Yaylatepe dauerhaft bewohnt war, ob sich die Nutzung in einzelnen Phasen konzentrierte oder ob bestimmte Bereiche unterschiedliche Aufgaben erfüllten. Auch die genaue Beziehung zwischen den Keramikgruppen und den möglichen Siedlungsphasen lässt sich erst mit stratigrafischen Untersuchungen klären. Dafür wären gezielte Grabungsschnitte nötig, die Fundschichten, Gebäudereste, Feuerstellen und mögliche Vorratsbereiche im ursprünglichen Zusammenhang erfassen.
Eine weitere offene Frage betrifft die Verbindung zwischen der erhöhten Lage und dem damaligen Uferverlauf. Sedimentanalysen könnten genauer rekonstruieren, wie nah die Küste an den Siedlungshügel heranreichte und welche Buchten als Anlandeplätze geeignet waren. Zusammen mit weiteren Sichtfeldanalysen ließe sich dann prüfen, ob die Standorte entlang der Meerenge ein Netz gegenseitig sichtbarer Plätze bildeten oder ob Yaylatepe eine besondere Position einnahm.
Die nächste Forschungsarbeit muss daher unter der Oberfläche ansetzen. Erst wenn geschlossene Fundschichten und bauliche Reste untersucht sind, lässt sich die zeitliche Abfolge der Besiedlung präzisieren und die Funktion des Platzes genauer bestimmen.
Meral Başaran, Yaylatepe Höyük: Ceramic Evidence and Intervisibility of a Newly Identified Bronze Age Coastal Settlement in the Troad, Arkeoloji Dergisi 37; doi:10.51493/egearkeoloji.1894942
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