Evolution

Australopithecus lebte mit noch älteren Vormenschen gleichzeitig

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Ein neuer Fossilfund aus Ostafrika rückt die frühe Phase der Menschwerdung zeitlich enger zusammen. Im Fokus steht ein stark beschädigter Unterkiefer, der dennoch wichtige Merkmale von Australopithecus bewahrt. Entscheidend sind Datierung der Sedimente und der Vergleich mit anderen frühen Homininen aus dem Pliözän. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 
Auf den Punkt gebracht
  • Ein Unterkiefer aus Kenia verschiebt den Zeitstrahl der Menschwerdung
  • Zwei Homininen könnten im frühen Pliözän zeitgleich gelebt haben
  • Isotope und Schichtdatierung verbinden Fossilform mit Lebensraum

Ein neuer Fund aus Ostafrika stellt ein heikles Zeitfenster der frühen Menschwerdung neu zur Diskussion. Im Zentrum steht ein fossiler Unterkiefer aus Sedimenten des frühen Pliözäns mit einem Alter von rund 4,3 Millionen Jahren. Für die Einordnung sind Magnetostratigraphie und Tephrostratigraphie ebenso wichtig wie anatomische Details des Kiefers. Genau diese Kombination macht den Befund für die Evolutionsforschung ungewöhnlich relevant.

Die frühe Evolution der Homininen verläuft nicht als einfache Linie, sondern eher als verzweigtes System mit zeitlich überlappenden Populationen und Arten. Genau deshalb sind einzelne Fossilien aus dem Zeitraum zwischen etwa 5 und 3 Millionen Jahren wissenschaftlich so wichtig. In diesem Abschnitt der Erdgeschichte wurden entscheidende Merkmale des aufrechten Gangs, der Kieferanatomie und der Ernährungsanpassung neu kombiniert. Gleichzeitig ist die Fundlage lückenhaft, weil viele Überreste nur aus isolierten Zähnen, Kieferfragmenten oder stark beschädigten Knochen bestehen. Für die Rekonstruktion früher Verwandtschaftsverhältnisse zählen daher nicht nur spektakuläre Schädel, sondern auch unscheinbare Funde mit klarer stratigraphischer Einbettung. Dass verschiedene Menschenarten oder Vormenschen zeitweise parallel existierten, zeigen auch andere Befunde zur parallelen Existenz früher Menschenarten in Afrika aus deutlich jüngeren Zeiträumen.

Besonders ergiebig ist Ostafrika, weil dort tektonische Aktivität, Erosion und vulkanische Ablagerungen fossilführende Schichten freilegen und datierbar machen. Im Rift-System lassen sich Sedimentpakete oft mit Aschelagen, magnetischen Signalen und Faunenvergleichen zeitlich einordnen, wodurch Forscher auch fragmentarische Fossilien in einen belastbaren Rahmen setzen können. Für die Paläoanthropologie ist das entscheidend, weil aus wenigen anatomischen Details weitreichende Aussagen zur Stellung einer Art im Stammbaum abgeleitet werden. Zugleich bleiben Unsicherheiten groß, wenn das Material verwittert, unvollständig oder funktionell schwer zu interpretieren ist. Neben Knochen und Zähnen liefern deshalb auch Spurenfossilien und Umweltindikatoren wertvolle Zusatzinformationen, wie man etwa an frühen Fußabdrücken des Menschen und an isotopenbasierten Rekonstruktionen prähistorischer Lebensräume erkennen kann.

Der Fund aus Ileret

Im Mittelpunkt der neuen Arbeit steht ein fossiler Unterkiefer mit der Bezeichnung KNM-ER 63000, der bereits 2011 in Area 40 in Ostturkana in Kenia geborgen wurde. Der Fundort liegt bei Ileret im östlichen Turkana-Becken und gehört zu einer Region, die für frühe Homininenfunde seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielt. Im PubMed-Eintrag zur Studie sind Abstract und bibliografische Angaben dokumentiert, die den Fund als stark beschädigten, aber diagnostisch verwertbaren Unterkiefer beschreiben. Erhalten sind unter anderem Teile der Kieferkörper, eine beschädigte Krone des rechten zweiten Molaren sowie mehrere Zahnfächer. Trotz Verwitterung und Abnutzung sehen die Autoren genügend anatomische Merkmale, um den Unterkiefer Australopithecus anamensis zuzuordnen. Damit rückt ein Fossil in den Fokus, das nicht durch Vollständigkeit überzeugt, sondern durch seine Kombination aus Alter, Lage und morphologischer Aussagekraft.

Datierung mit Schichten und Magnetfeld

Für die wissenschaftliche Bedeutung des Fossils ist die Datierung mindestens so wichtig wie die Anatomie. Die Autoren stützen das Alter auf etwa 4,3 Millionen Jahre und kombinieren dabei Tephrostratigraphie und Magnetostratigraphie mit dem geologischen Kontext der Fundschichten. Tephrostratigraphie nutzt vulkanische Aschelagen als zeitliche Marker, während Magnetostratigraphie die in Sedimenten gespeicherten Umpolungssignale des Erdmagnetfelds auswertet. Auf der Studienseite des Fachartikels wird zudem die stratigraphische Einbettung des Fundes in die Abfolge der Koobi-Fora-Formation beschrieben, was die Altersabschätzung zusätzlich absichert. Gerade bei frühen Homininen macht diese Mehrfachabsicherung einen großen Unterschied, weil schon Verschiebungen von rund 100.000 Jahren darüber entscheiden können, ob zwei Formen nacheinander oder gleichzeitig existierten. Der Fund aus Ileret gewinnt seine Tragweite deshalb aus einem geologischen Zeitfenster, das enger bestimmt ist als bei vielen älteren Debatten.

Was der Unterkiefer anatomisch zeigt

Die Zuordnung zu Australopithecus anamensis stützt sich auf mehrere Merkmale des Kiefers, die in Kombination als diagnostisch gelten. Beschrieben werden unter anderem die Form und Neigung der Symphyse im vorderen Kieferbereich, die äußere Oberfläche des Unterkiefers sowie die Geometrie der Zahnreihe und die Stellung des Eckzahnfachs relativ zur Achse der Backenzähne. Die Autoren argumentieren, dass sich der Unterkiefer dadurch sowohl von späteren als auch von noch basaleren Homininen unterscheiden lässt. Besonders wichtig ist dabei der Vergleich mit anderen frühen Funden aus Ostafrika und Äthiopien, weil einzelne Merkmale allein oft nicht ausreichen. Zusätzlich diskutiert die Arbeit den paläoökologischen Kontext anhand der Säugetierfauna und von stabilen Kohlenstoffisotopen im Zahnschmelz. Diese Umweltrekonstruktionen passen zu einem Lebensraum, der sowohl C3- als auch C4-Nahrungsressourcen bot und damit ein differenziertes Bild der ökologischen Nische von Australopithecus anamensis ermöglicht. Inhaltlich passt das zu Fragen, die auch bei Ernährung früher Australopithecus im Zentrum stehen.

Warum die zeitliche Überlappung wichtig ist

Die weitreichendste Konsequenz der Arbeit betrifft weniger den einzelnen Unterkiefer als die zeitliche Beziehung zwischen Linien der frühen Homininen. Nach der Datierung ist der Fund derzeit das älteste bekannte Exemplar von Australopithecus anamensis und liegt mindestens etwa 100.000 Jahre vor den klassischen Funden aus Kanapoi und Asa Issie. Gleichzeitig ergibt sich eine zeitliche Überschneidung mit Fossilien von Ardipithecus ramidus aus Gona in Äthiopien. Genau diese Überlappung ist evolutionsbiologisch heikel, weil sie die Vorstellung einer einfachen direkten Abfolge vom späten Ardipithecus ramidus zum frühesten Australopithecus schwächt. Die Autoren formulieren daher vorsichtig, dass Ardipithecus ramidus eher als naher Verwandter denn als direkte Stammform der frühesten Australopithecus-Linie zu verstehen sein könnte. Das ist keine endgültige Entscheidung über den Stammbaum, sondern eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeiten auf Basis neuer Daten. In der Paläoanthropologie sind solche Änderungen typisch, weil schon ein einzelner gut datierter Fund die Reihenfolge und damit die Interpretation morphologischer Übergänge neu ordnen kann.

Journal of Human Evolution, A 4.3-million-year-old Australopithecus anamensis mandible from Ileret, East Turkana, Kenya, and its paleoenvironmental context; doi:10.1016/j.jhevol.2024.103579

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