Römischer Kriminalfall

2.000 Jahre altes Skelett im Brunnen trägt Spuren vieler Stiche

 Dennis Lenz

2.000 Jahre altes Skelett im Brunnen trägt Spuren vieler Stiche
Das Skelett aus dem Brunnen von Velsen, ausgestellt im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden. Forensische Untersuchungen fanden zahlreiche Stichspuren an Rippen und Becken des etwa 1,90 Meter großen Mannes. In der Vitrine darüber liegen Teile seiner Ausrüstung, darunter die verzierte Dolchscheide. (Foto: © Jona Lendering, Livius.org, CC0 1.0)

Das Skelett im Brunnen von Velsen lag fast 2.000 Jahre zwischen Militärgürtel, Dolch, Ring, Fibel und einer Soldatensandale. Neue forensische Untersuchungen zeigen zahlreiche Stichverletzungen an Rippen und Becken, die mit einer kurzen römischen Klinge vereinbar sind. Der etwa 1,90 Meter große Tote wuchs nach Isotopenanalysen wahrscheinlich in Südeuropa auf und gehörte vermutlich als einfacher Soldat zum Kastell von Velsen. Offen bleibt, wer ihn mit solcher Gewalt tötete und anschließend im Brunnen zurückließ.

Als Amateurarchäologen 1977 bei Velsen nahe der niederländischen Nordseeküste einen antiken Brunnen freilegten, fanden sie an dessen Boden keinen gewöhnlichen Abfall. Zwischen dunklem Sediment lagen fast alle Knochen eines erwachsenen Mannes sowie Gegenstände, die unmittelbar in die römische Militärwelt führen. Ein abgenutzter Dolch, Teile eines Gürtels, ein Ring, eine Fibel und eine Soldatensandale begleiteten den Toten. Der Fund wurde bald mit dem römischen Kastell Flevum und den gewaltsamen Auseinandersetzungen an der Nordseeküste verbunden, doch die Spuren am Körper ließen lange mehrere Deutungen zu.

Mark Driessen und Carol van Driel-Murray von der Universität Leiden haben den Fall mit einem interdisziplinären Team neu aufgerollt. Ihre Auswertung des Toten von Velsen verbindet Osteoarchäologie, Forensik, Isotopenanalysen und 3D-Bildgebung mit dem Fundzusammenhang im Brunnen. Gerade diese Kombination verändert das Bild, weil einzelne Löcher und Brüche nun räumlich rekonstruiert und mit möglichen Waffenbewegungen verglichen werden konnten.

Velsen zeigt nach 2.000 Jahren zahlreiche Stichkanäle

Besonders auffällig sind Verletzungen auf der Innenseite des Brustkorbs und zahlreiche Perforationen im Becken. Mithilfe digitaler 3D-Modelle prüfte das Team, aus welchen Winkeln eine Klinge in den Körper eingedrungen sein könnte. Die Form der Spuren passt nach Angaben der Autoren am besten zu einem römischen Militärdolch, also einem Pugio, wie er zum persönlichen Ausrüstungsbestand von Soldaten gehören konnte. Ein solcher Dolch lag auch im Brunnen beim Toten, doch aus dieser Nähe allein lässt sich nicht beweisen, dass genau diese Waffe benutzt wurde.

Für die Forensiker zählt vor allem die ungewöhnlich hohe Zahl der Verletzungen. Mehrere gezielte Stiche in Brustkorb und Becken sprechen eher für einen konzentrierten Gewaltakt als für eine einzelne zufällige Verwundung im Kampf. Vergleichbare Analysen alter Knochen können auch Jahrtausende später unterscheiden helfen, ob Schäden zu Lebzeiten, kurz um den Tod oder erst bei Lagerung und Ausgrabung entstanden. Wie viel sich aus alten Verletzungsmustern herauslesen lässt, zeigte zuletzt auch ein Neandertaler-Knochen mit Spuren schwerer Gewalt.

Der 1,90 Meter große Tote stammt wohl aus Südeuropa

Der Mann war für seine Zeit außergewöhnlich groß und kräftig gebaut. Frühere Bearbeiter hielten ihn deshalb zeitweise für einen Friesen aus der Region, doch chemische Spuren in seinem Zahnschmelz weisen in eine andere Richtung. Strontium- und andere Isotopenverhältnisse werden während der Kindheit durch Nahrung und Trinkwasser in den Zähnen gespeichert und können später Hinweise auf die geologische Herkunftsregion geben. Beim Mann aus dem Brunnen passen diese Signaturen nach der neuen Untersuchung eher zu einer Kindheit in Südeuropa als zur niederländischen Küstenlandschaft.

Seine Ausrüstung deutet zugleich auf einen Soldaten ohne besonders hohen Rang. Der Militärdolch war deutlich benutzt, der Gürtel aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, während die verzierte Dolchscheide wesentlich repräsentativer wirkte. Diese Mischung passt zu einem Mann, der im Militäralltag stand und persönliche Ausrüstung über längere Zeit nutzte. Ein fast vollständig erhaltener Körper mit solchen Beigaben ist für die frühe römische Kaiserzeit selten und ermöglicht deshalb einen ungewöhnlich konkreten Blick auf eine einzelne Person.

Das Kastell Velsen gerät im Jahr 28 in eine Revolte

Historisch liegt über dem Fund ein zweiter Spannungsbogen. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, dass sich die Friesen im Jahr 28 gegen steigende Abgaben erhoben und römische Kräfte angriffen. Das Kastell bei Velsen wird häufig mit diesen Ereignissen in Verbindung gebracht, und ein getöteter Soldat am Boden eines Brunnens passt auf den ersten Blick in dieses Bild. Die Archäologen warnen jedoch vor einer einfachen Gleichsetzung, weil schriftliche Überlieferung und archäologische Datierung nicht in jedem Detail deckungsgleich sind.

Die neue Untersuchung hält deshalb mehrere Szenarien nebeneinander. Der Mann könnte während eines Angriffs von Friesen getötet worden sein, als Deserteur durch römische Kameraden ums Leben gekommen sein oder einer gezielten Vergeltung innerhalb beziehungsweise außerhalb des Lagers zum Opfer gefallen sein. Driessen und Van Driel-Murray halten eine Racheaktion durch andere Soldaten für besonders plausibel, weisen sie aber nicht als bewiesene Lösung aus. Genau diese offene Täterfrage trennt den Befund von Fällen, bei denen Art und Ablauf einer antiken Hinrichtung besser zu erkennen sind, etwa beim ersten archäologischen Beleg einer römischen Kreuzigung in England.

3D-Modelle testen den römischen Militärdolch

Auf das bloße Zählen von Verletzungen beschränkt sich die Untersuchung nicht. Digitale Modelle erlauben, Einstichrichtungen räumlich nachzuvollziehen und mit der Geometrie verschiedener Klingen zu vergleichen. Hinzu kommen anthropologische Befunde, Isotope, die Lage der Knochen sowie die Frage, wie sich ein Körper während der Zersetzung in einem Brunnen bewegt. Dadurch entsteht kein Tatvideo aus der Antike, aber ein prüfbarer Rahmen, in dem unpassende Abläufe aussortiert werden können.

Die Ergebnisse sind in dem Band Victims of Violence from the early Roman fort Velsen 1 zusammengeführt. Der rund 200 Seiten starke Band enthält eigene Kapitel zum Brunnen, zu den Beigaben, zur Isotopenanalyse, zur 3D-Auswertung der Stichspuren und zu mehreren möglichen Tathergängen. Damit liegt erstmals eine gebündelte Rekonstruktion des Falls vor, die archäologische Details und historische Texte ausdrücklich getrennt bewertet.

Der Brunnen von Velsen lässt sechs Szenarien offen

Gerade der Fundort macht den Fall so ungewöhnlich. Ein toter Soldat wurde nicht in einem regulären Grab niedergelegt, sondern blieb mit seiner Ausrüstung in einem Brunnen des Militärplatzes zurück. Ob der Körper hineingeworfen, dort getötet oder nach dem Tod abgelegt wurde, lässt sich aus den bislang veröffentlichten Ergebnissen nicht eindeutig entscheiden. Die Lage der Knochen wurde deshalb zusammen mit botanischen Resten, Insektenfunden und Veränderungen während der Zersetzung untersucht.

Auch zwei weitere Männer aus einem benachbarten Brunnen spielen in der Gesamtanalyse eine Rolle. Isotopenbefunde zeigen, dass auch sie keine lokalen Herkunftssignaturen tragen. Solche Parallelen erweitern den Blick vom einzelnen Toten auf die Zusammensetzung der Garnison und die Mobilität römischer Soldaten an der Nordseeküste. Das Kastell war kein isolierter Außenposten mit ausschließlich regional rekrutierten Männern, sondern Teil eines Militärsystems, das Menschen über große Entfernungen bewegte.

Heute liegt das Skelett wieder im niederländischen Rijksmuseum van Oudheden in Leiden, wo eine spätere Präsentation des Falls vorgesehen ist. Vom Fund von 1977 bleibt vor allem ein Bild, das die neue Analyse schärfer macht: Am Boden eines Brunnens lagen ein fast vollständiger Mann, ein abgenutzter Dolch und die Reste seiner militärischen Ausrüstung. Die Knochen verraten inzwischen, wie heftig der Angriff war; der Name des Toten und die Hand, die den Dolch führte, fehlen weiterhin.

Leiden University, Solving an ancient cold case: Roman was brutally murdered

Driessen, Mark; van Driel-Murray, Carol (Hrsg.), Victims of Violence from the early Roman fort Velsen 1 (Netherlands): Scenarios for a cold case review; doi:10.59641/j84776mv

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