Der Boötes-Void ist ein Loch im Universum, so groß, dass die Milchstraße milliardenfach hineinpasst. In dieser Region von rund 330 Millionen Lichtjahren Durchmesser fanden Astronomen seit 1981 nur etwa 60 Galaxien, wo nach dem Durchschnitt des Kosmos rund 2.000 stehen müssten. Was sich in der größten bekannten Leere verbirgt und wie sie entstand, sagt viel darüber, warum das Universum überhaupt so aussieht, wie es aussieht.
Robert Kirshner und seine Kollegen an der University of Michigan wollten 1981 nichts Ungewöhnliches finden. Sie maßen die Rotverschiebung von Galaxien, also die Geschwindigkeit, mit der sie sich von der Erde entfernen, und rechneten daraus Entfernungen. Punkt für Punkt entstand so eine dreidimensionale Karte eines Himmelsausschnitts im Sternbild Bärenhüter, lateinisch Boötes. In etwa 700 Millionen Lichtjahren Entfernung blieb die Karte plötzlich leer. Über eine Strecke, die zehnmal so lang ist wie der Abstand zwischen der Milchstraße und dem Virgo-Galaxienhaufen, tauchte keine einzige Galaxie auf. Die Forscher veröffentlichten den Fund unter dem Titel Ein Loch von einer Million Kubik-Megaparsec im Bärenhüter, und die Presse nannte es das Große Nichts.
In den folgenden Jahren suchten Astronomen den leeren Fleck gezielt ab und wurden fündig, aber spärlich. Bis Ende der 1990er Jahre waren rund 60 Galaxien bekannt, die meisten davon in einer schlauchförmigen Zone, die sich quer durch den Void zieht. In einem gewöhnlichen Stück Universum dieser Größe stehen Galaxien im Abstand von etwa zehn Millionen Lichtjahren, was auf rund 2.000 Objekte führt. Der Boötes-Void enthält also etwa drei Prozent dessen, was er enthalten sollte. Er ist nicht völlig leer, aber leerer, als es die Regeln der Statistik erlauben, und genau das macht ihn interessant.
Die Zahlen des Boötes-Void sind schwer zu greifen, deshalb lohnt der Vergleich mit dem eigenen Sonnensystem. Das Licht braucht von der Sonne zur Erde acht Minuten, zum nächsten Stern vier Jahre, quer durch die Milchstraße 100.000 Jahre. Um den Boötes-Void zu durchqueren, wäre es 330 Millionen Jahre unterwegs. Als das Licht, das heute von seiner Rückseite ankommt, dort startete, gab es auf der Erde noch keine Dinosaurier. Die nächste Nachbargalaxie der Milchstraße, Andromeda, ist 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt; dieser Abstand entspricht weniger als einem Prozent des Durchmessers der Leere.
Der Astronom Greg Aldering fasste die Bedeutung in einem Satz zusammen, der seither in fast jeder Beschreibung des Void zitiert wird: Läge die Milchstraße im Zentrum des Boötes-Void, hätte niemand vor den 1960er Jahren gewusst, dass es überhaupt andere Galaxien gibt. Tatsächlich bewies Edwin Hubble schon 1924, dass der Andromedanebel eine eigene Galaxie ist, weil sie nahe genug für die Teleskope seiner Zeit war. Im Boötes-Void wäre die nächste Galaxie zehnmal weiter entfernt gewesen, und das Universum hätte für die Bewohner jahrzehntelang aus einer einzigen Sterneninsel bestanden. Der Beitrag der NASA zu den größten Leerräumen des Universums ordnet den Void im Vergleich mit anderen Riesenleeren ein, nachzulesen beim Goddard Space Flight Center der NASA.
Der Boötes-Void ist kein Einzelfall, sondern ein besonders großes Exemplar einer Struktur, die das ganze Universum durchzieht. Galaxien sitzen nicht gleichmäßig verteilt im Raum, sondern an den Fäden und Knoten eines kosmischen Netzes. Lange Filamente aus Galaxien spannen sich über Hunderte Millionen Lichtjahre, an ihren Kreuzungspunkten ballen sich Galaxienhaufen, und zwischen den Fäden liegen Blasen, in denen fast nichts ist. Diese Voids machen nach heutigen Durchmusterungen rund 80 Prozent des Volumens im beobachtbaren Universum aus; die meisten sind 30 bis 300 Millionen Lichtjahre groß. Der Boötes-Void gehört mit seinen 330 Millionen Lichtjahren zu den Supervoids.
Die Ursache liegt in den ersten Augenblicken des Universums. Kurz nach dem Urknall war die Materie fast vollkommen gleichmäßig verteilt, aber eben nur fast: Winzige Dichteschwankungen aus der Quantenphysik machten manche Regionen um Bruchteile eines Prozents dichter als andere. Die Schwerkraft verstärkte diese Unterschiede über Milliarden Jahre. Dichtere Regionen zogen Materie an und wurden zu Filamenten und Haufen, dünnere verloren ihre Materie an die Nachbarn und wurden leerer. Voids wachsen dabei wie Seifenblasen, die aneinanderstoßen und verschmelzen, und der Boötes-Void ist nach dieser Vorstellung aus mehreren kleineren Blasen entstanden. Die schlauchförmige Galaxienzone in seinem Inneren ist dann der Rest einer Wand, die einst zwei kleinere Voids trennte. Zum abgelegensten Ort der Erde, an dem seit Jahrzehnten Raumschiffe versenkt werden, führt ein Blick auf Point Nemo im Pazifik, ein irdisches Gegenstück zur Einsamkeit im All.
Die wenigen Galaxien im Boötes-Void sind für Astronomen besonders wertvoll, weil sie zeigen, wie sich eine Galaxie entwickelt, die nie mit Nachbarn zusammenstieß und keine Materie von außen erhielt. Viele von ihnen sind kleine, gasreiche Systeme, die noch kräftig Sterne bilden, als wären sie jünger als ihr Alter. Ohne Störungen von außen verlaufen ihre Lebensläufe langsamer und geordneter als in den dicht besiedelten Haufen. Sie sind sozusagen Kontrollgruppen des Universums, an denen sich prüfen lässt, welche Eigenschaften einer Galaxie aus ihr selbst stammen und welche aus ihrer Umgebung.
Der Blick auf die Leere hat auch ein Missverständnis ausgeräumt. Der Boötes-Void wird gelegentlich mit dem Dunkelnebel Barnard 68 verwechselt, einer nahen Wolke aus Staub, die auf Fotos wie ein schwarzes Loch im Sternenfeld erscheint. Barnard 68 ist aber nur ein halbes Lichtjahr groß und verdeckt Sterne, während der Void kaum Materie enthält und nichts verdeckt. Auch mit Schwarzen Löchern hat die Leere nichts zu tun, denn sie zieht nichts an, sie ist einfach dünn besiedelt. Die Originalveröffentlichung von Kirshner und seinen Kollegen aus dem Jahr 1981 ist im Astrophysics Data System der Harvard University abrufbar.
Die Milchstraße selbst sitzt nach neueren Vermessungen am Rand einer Unterdichte, die als Lokaler Void oder KBC-Void bezeichnet wird und deren Durchmesser Schätzungen zufolge sogar den Boötes-Void übertrifft, allerdings nicht annähernd so leer ist. Diese Lage könnte erklären, warum Messungen der Expansion des Universums in unserer Umgebung leicht andere Werte liefern als Messungen im fernen Kosmos, denn eine Galaxie am Rand einer Blase wird von den dichteren Wänden außen etwas stärker angezogen. Voids sind damit nicht nur Kuriositäten, sondern Prüfsteine für die Kosmologie.
Der Boötes-Void bleibt der eindrucksvollste Vertreter dieser Leere: eine Region, in der die Nacht für alle Ewigkeit fast sternenlos wäre, in der eine Galaxie ihre nächste Nachbarin nur als schwachen Fleck sähe und in der jede Zivilisation lange glauben müsste, allein im Universum zu sein. Dass wir von außen hineinschauen und die 60 verlorenen Galaxien zählen können, ist ein Zufall der kosmischen Adresse, die uns an den Fäden des Netzes und nicht in seinen Löchern leben lässt.
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