Mitten im Südpazifik liegt ein Punkt, der weiter von jeder Küste entfernt ist als jeder andere Ort der Welt. Point Nemo ist 2688 Kilometer von der nächsten Landmasse entfernt, und die nächsten Menschen befinden sich zeitweise nicht auf einem Schiff, sondern in der Internationalen Raumstation über den Köpfen. Genau diese Abgeschiedenheit hat den Ort zum Ziel einer ungewöhnlichen Praxis gemacht. Seit Jahrzehnten steuern Raumfahrtagenturen ausgediente Satelliten und ganze Raumstationen gezielt hierher. Auf dem Meeresgrund sammelt sich dadurch etwas an, das es an keinem anderen Ort der Erde gibt.
Wer die Koordinaten 48 Grad 52 Minuten Süd und 123 Grad 23 Minuten West in eine Seekarte einträgt, landet an einer Stelle, an der in alle Richtungen nur Wasser liegt. Point Nemo gilt als abgelegenster Ort der Erde, weil von hier aus drei Küsten exakt gleich weit entfernt sind: 2688 Kilometer trennen den Punkt vom polynesischen Ducie-Atoll im Norden, von der Osterinsel-Nebeninsel Motu Nui im Nordosten und von der antarktischen Maher-Insel im Süden. Zwischen diesen drei Landmarken erstreckt sich eine Fläche offenen Ozeans, die größer ist als ein ganzer Kontinent. Kein Hafen, keine Insel, kein bewohnter Flecken liegt näher. Schiffe kreuzen die Region so selten, dass ein zufällig vorbeifahrendes Boot hier zu den ungewöhnlichsten Ereignissen überhaupt zählt. Erst im Jahr 2024 erreichte ein britischer Abenteurer mit seinem Sohn nachweislich den exakten Punkt. Der Südpazifik zeigt an dieser Stelle sein leerstes Gesicht.
Seinen Namen verdankt der Punkt einer literarischen Figur. Nemo ist Latein für niemand, und zugleich heißt so der geheimnisvolle Kapitän aus Jules Vernes Roman Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren, der sich mit seinem U-Boot Nautilus von der Menschheit zurückzog. Passender hätte die Namenswahl kaum ausfallen können, denn menschenleerer ist kein Ort der Weltmeere. Berechnet wurde die genaue Lage erst 1992, als der Vermessungsingenieur Hrvoje Lukatela mit einer speziellen Geodatensoftware jenen Punkt bestimmte, der von drei Küstenlinien maximal weit entfernt liegt. In der Geografie trägt dieser Typ von Ort einen eigenen Fachbegriff: Point Nemo ist der pazifische Pol der Unzugänglichkeit, also die Stelle im Meer, die am weitesten von jedem Festland entfernt liegt. Vor Lukatelas Berechnung existierte der Punkt zwar rechnerisch, war aber nie präzise lokalisiert worden.
Point Nemo ist der ozeanische Pol der Unzugänglichkeit im Südpazifik und damit der Ort auf der Erde, der am weitesten von jeder Küste entfernt liegt. Von hier sind es 2688 Kilometer bis zum nächsten Land. Genutzt wird die Region als Absturzzone für ausgediente Raumschiffe und Satelliten. Diese Abgeschiedenheit führt zu einer kuriosen Rechnung: Wenn die Internationale Raumstation in rund 400 Kilometern Höhe über den Punkt hinwegfliegt, sind ihre Besatzungsmitglieder den Menschen am Boden näher als jeder andere Mensch auf der Erde. Das nächste bewohnte Land ist schlicht weiter entfernt als der niedrige Erdorbit. Wer den Punkt per Schiff erreichen will, ist von der chilenischen oder neuseeländischen Küste aus rund zwei Wochen unterwegs. Für Segelregatten wie das Ocean Race gehört die Passage nahe Point Nemo zu den einsamsten Etappen überhaupt.
Große Satelliten, ausgebrannte Raketenstufen und ganze Raumstationen verglühen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre nicht vollständig. Bei massereichen Objekten überstehen Bruchstücke aus Titan oder Edelstahl die Hitze und schlagen mit hoher Geschwindigkeit auf. Fielen sie über bewohntem Gebiet nieder, wären Menschen und Gebäude in Gefahr. Raumfahrtagenturen steuern solche Rückkehrer deshalb so, dass sie über einer Zone niedergehen, in der praktisch niemand zu Schaden kommen kann. Der kontrollierte Wiedereintritt über dieser Region ist zur festen Praxis geworden, um herabstürzenden Weltraumschrott von besiedeltem Land fernzuhalten. Kein Ort eignet sich dafür besser als Point Nemo, weil hier weder Menschen leben noch nennenswerter Schiffsverkehr herrscht. Der Absturzkorridor ist mehrere tausend Kilometer lang, weil sich der genaue Aufschlagpunkt großer Objekte nie exakt vorhersagen lässt.
In etwa 4000 Metern Tiefe hat sich über die Jahrzehnte ein Feld aus Raumfahrtgeschichte angesammelt, das inoffiziell als Raumschifffriedhof bekannt ist. Bis 2016 wurden nach Angaben von Raumfahrtbehörden mehr als 260 Raumfahrzeuge in dieser Zone versenkt. Zu den prominentesten Objekten zählt die russische Raumstation Mir, die im Jahr 2001 nach fünfzehn Jahren im Orbit kontrolliert zum Absturz gebracht wurde und mit rund 120 Tonnen das bislang schwerste hier versenkte Bauwerk darstellt. Dazu kommen mehrere sowjetische Saljut-Stationen, zahllose Progress-Transporter, das europäische Automated Transfer Vehicle und japanische Versorgungsraumschiffe. Die Wracks liegen weit verstreut auf dem Grund, denn jeder Wiedereintritt zerlegt die Fahrzeuge in einen Regen aus Einzelteilen, der sich über hunderte Kilometer verteilt. Geborgen wurde von diesen Objekten nie etwas, und Fotos vom Meeresboden dieser Tiefe existieren praktisch nicht.
Nicht nur Menschen meiden Point Nemo, auch das Meer selbst ist hier weitgehend leblos. Der Punkt liegt im Zentrum des Südpazifikwirbels, einer riesigen kreisenden Strömung, die nährstoffreiches Wasser von außen fernhält. Weil zugleich kein Land in der Nähe liegt, gelangen kaum Mineralien oder organische Stoffe ins Wasser, die als Nahrungsgrundlage dienen könnten. Der Meeresbiologe Steven D'Hondt bezeichnete die Region deshalb als biologisch inaktivsten Ort aller Ozeane. An der Oberfläche fehlt das Plankton, das anderswo ganze Nahrungsketten trägt, und auch in der Tiefe ist das Leben spärlich. Selbst hier fanden Forschende jedoch bereits Mikroplastik, wenn auch in geringerer Konzentration als in Küstennähe. Der Befund zeigt, dass menschliche Spuren inzwischen noch die entlegensten Winkel der Erde erreichen.
Der bekannteste künftige Bewohner der Region steht bereits fest. Die Internationale Raumstation soll nach ihrer Ausmusterung kontrolliert über Point Nemo zum Absturz gebracht werden, geplant ist dieses Manöver für das Jahr 2031. Mit mehr als 400 Tonnen wäre die ISS das mit Abstand größte Objekt, das jemals in dieser Zone niedergeht, und würde die Mir als bisheriges Schwergewicht deutlich übertreffen. Der Fall der Station rückt zugleich das wachsende Problem mit Weltraumschrott ins Bewusstsein, denn nicht jedes ausgediente Objekt lässt sich so sauber entsorgen. Point Nemo bleibt damit auch in Zukunft der stille Endpunkt einer Raumfahrt, die über den Köpfen der Menschheit von Jahr zu Jahr voller wird.