Das Kinn ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, das kaum jemand als solches erkennt. Kein Menschenaffe, kein Neandertaler und kein anderes Säugetier besitzt einen vorspringenden Knochenvorsprung an der Unterkieferspitze. Warum ausgerechnet Homo sapiens damit ausgestattet ist, beschäftigt Anatomen seit dem 19. Jahrhundert, und die ehrliche Antwort lautet nach über hundert Jahren Forschung: Niemand weiß es.
Wer sich selbst im Spiegel von der Seite betrachtet, sieht am unteren Ende des Gesichts einen Vorsprung, der so selbstverständlich wirkt, dass er nie auffällt. Der Unterkiefer läuft nicht einfach nach unten aus, sondern springt an seiner Spitze nach vorn, mit einer kleinen, dreieckigen Knochenverdickung, die Anatomen als Protuberantia mentalis bezeichnen. Diese Struktur haben alle heute lebenden Menschen, mit individuellen Unterschieden von kaum sichtbar bis markant. Wer denselben Blick auf einen Schimpansen, einen Gorilla, einen Hund oder ein Pferd wirft, findet nichts dergleichen. Ihr Unterkiefer weicht nach hinten zurück oder fällt gerade ab. Das Kinn ist damit nach dem Urteil der Evolutionsbiologen das einzige anatomische Merkmal, das den modernen Menschen von allen anderen Lebewesen unterscheidet.
Große Gehirne, geschickte Hände und aufrechter Gang teilen wir mit ausgestorbenen Verwandten. Der Neandertaler hatte ein Gehirn, das im Schnitt größer war als unseres, ging aufrecht und fertigte Werkzeuge, aber ein Kinn hatte er nicht. Sein Unterkiefer floh nach hinten, die Zähne standen weit vorn. Auch der Homo erectus und alle älteren Vormenschen kommen ohne Kinn aus. Erst bei den frühesten Fossilien des Homo sapiens vor rund 200.000 Jahren taucht der Vorsprung auf, zunächst schwach, dann immer deutlicher. Eine Neuerung, die nur eine einzige Art hervorbrachte, müsste nach den Regeln der Evolution einen Vorteil bringen. Welcher das sein könnte, ist die Frage, die niemand beantworten kann.
Die naheliegendste Erklärung war lange die mechanische. Beim Kauen wirken auf den Unterkiefer Kräfte, die ihn an der Spitze verbiegen und verdrehen, und eine Knochenverstärkung an genau dieser Stelle würde ihn stabilisieren, so wie ein Balken an seiner meistbelasteten Stelle verstärkt wird. Der Anthropologe David Daegling von der University of Florida prüfte diese Idee über Jahrzehnte und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Ein Kinn ist für die Stabilität des Kiefers eine ungünstige Form. Um Biegekräfte abzufangen, müsste der Knochen an der Innenseite des Kiefers verstärkt sein, nicht außen. Genau dort, an der Innenseite, sitzt bei Menschenaffen ein Knochenwulst, der diese Aufgabe erfüllt. Der Mensch hat ihn verloren und stattdessen außen einen Vorsprung entwickelt, der mechanisch wenig bringt.
Eine Modellierung mit der Finite-Elemente-Methode, wie sie Ingenieure für Brücken und Flugzeugteile nutzen, bestätigte 2011, dass ein menschlicher Unterkiefer mit Kinn unter Kaubelastung nicht besser abschneidet als einer ohne. Die Studie ist unter American Journal of Physical Anthropology veröffentlicht. Hinzu kommt, dass der moderne Mensch weicher isst als jeder seiner Vorfahren, mit gekochter Nahrung und kleineren Zähnen. Wer weniger kaut, braucht keine Verstärkung. Die Kau-Hypothese erklärt das Kinn also nicht, sondern spricht eher gegen es.
Eine zweite Idee verknüpft das Kinn mit der Sprache. Beim Sprechen bewegt sich die Zunge in schneller Folge, und die Zungenmuskeln setzen an der Innenseite der Kieferspitze an. Ein verstärkter Vorsprung, so die Vermutung, halte den Belastungen des Dauerplapperns stand. Doch Messungen zeigen, dass die Kräfte der Zunge klein sind, viel kleiner als die des Kauens, und dass sie zudem an der Innenseite wirken, wo das Kinn nichts beiträgt. Die Sprachhypothese teilt damit das Problem der Kau-Hypothese: Sie erklärt eine Verstärkung an der falschen Stelle.
Bleibt die sexuelle Selektion. Wie das Geweih des Hirsches oder der Pfauenschwanz könnte das Kinn ein Signal sein, das Partner anzieht, ohne selbst nützlich zu sein. Ein markantes Kinn gilt in vielen Kulturen als attraktiv, bei Männern als Zeichen von Stärke, bei Frauen in zierlicherer Form als Zeichen von Jugend. Dagegen spricht, dass Merkmale der Partnerwahl normalerweise bei einem Geschlecht ausgeprägt sind; das Kinn haben Männer wie Frauen, und die Unterschiede sind gering. Die Anthropologen James Pampush und David Daegling gingen 2016 in einer umfassenden Übersicht mit dem Titel Das dauerhafte Rätsel des menschlichen Kinns alle Hypothesen durch und stellten fest, dass jede einzelne empirisch oder theoretisch scheitert, manche in beiderlei Hinsicht. Das Zentrum für Anthropogenese der University of California in San Diego führt die Debatte in seinem Merkmalskatalog des Menschen.
Die derzeit überzeugendste Deutung dreht die Frage um. Vielleicht ist das Kinn kein Bauteil, das die Evolution hinzugefügt hat, sondern der Rest, der übrig blieb, als sie anderes wegnahm. Das Gesicht des modernen Menschen ist im Vergleich zu seinen Vorfahren geschrumpft: Die Kiefer wurden kürzer, die Zähne kleiner, der Zahnbogen zog sich zurück. Ein Team um Nathan Holton von der University of Iowa verfolgte 2015 an Kopfaufnahmen von Kindern und Jugendlichen, wie sich der Unterkiefer während des Wachstums formt, und fand keinerlei Hinweis darauf, dass mechanische Belastung das Kinn erzeugt. Der Vorsprung entsteht, weil der obere, zahntragende Teil des Kiefers beim Wachstum nach hinten zurückweicht, während der untere Rand an Ort und Stelle bleibt. Das Kinn wäre demnach das, was der Rückzug des Gesichts freilegt.
Warum aber schrumpfte das Gesicht? Der Anthropologe Robert Franciscus aus demselben Team vermutet einen Zusammenhang mit dem Sozialverhalten. Vor etwa 80.000 Jahren begannen Menschen, in größeren Netzwerken zu leben, Waren und Ideen auszutauschen und Konflikte durch Bündnisse statt durch Kämpfe zu lösen. Diese Lebensweise begünstigte Individuen mit niedrigerem Hormonspiegel, vor allem weniger Testosteron, und niedrigere Hormonspiegel führen zu kleineren, zarteren Gesichtern. Das Kinn wäre ein Nebenprodukt der Selbstdomestizierung des Menschen, ähnlich wie Haustiere im Vergleich zu ihren wilden Vorfahren kürzere Schnauzen bekamen. Gestützt wird das durch die Beobachtung, dass Neandertalergesichter robuster blieben und das Kinn nie entwickelten. Wie stark die Evolution des Menschen weiterhin in Bewegung ist, zeigen Beiträge zum Thema Evolution.
Damit wäre das Kinn ein sogenanntes Spandrel, ein Begriff, den die Biologen Stephen Jay Gould und Richard Lewontin 1979 aus der Architektur entlehnten: Die Zwickel zwischen Bögen und Kuppel einer Kathedrale wirken wie gestaltete Flächen, sind aber nur die Restform, die entsteht, wenn man Bögen unter eine Kuppel setzt. Ein Kinn, das niemand brauchte, das aber übrig blieb, als das Gesicht kleiner wurde, passt in dieses Bild. Endgültig belegt ist auch das nicht, denn warum der untere Kieferrand beim Rückzug des Gesichts an seinem Platz blieb, statt mitzuwandern, ist offen.
So bleibt ein Merkmal, das jeder Mensch trägt, das kein anderes Lebewesen hat und das keine Theorie überzeugend erklärt. Wer das nächste Mal jemandem ins Gesicht sieht, blickt auf den einzigen Knochenvorsprung, den die Evolution nur einer einzigen Art zugeteilt hat, vielleicht als Werkzeug, vielleicht als Signal, vielleicht als Zufall. Pampush und Daegling schließen ihre Übersicht mit der Hoffnung, dass ausgerechnet das Kinn eines Tages verrät, was es heißt, ein Mensch zu sein.