Korallenmeer

Sandy Island stand 136 Jahre auf Seekarten und existierte nie

Sandy Island stand 136 Jahre auf Seekarten und existierte nie
(Symbolbild) Sandy Island galt über ein Jahrhundert lang als Insel im Korallenmeer zwischen Australien und Neukaledonien und stand auf Seekarten, in wissenschaftlichen Datensätzen und sogar in Google Earth. Als ein Forschungsschiff die Position im Jahr 2012 ansteuerte, begann eine der ungewöhnlichsten Korrekturen der modernen Kartografie. Der Ursprung des Irrtums führt zurück zu einer Schiffsmeldung aus dem Jahr 1876. (Foto: © Forschung und Wissen)

Auf Seekarten, in Weltdatensätzen und in Google Earth lag zwischen Australien und Neukaledonien eine Insel von der Größe Manhattans. Sandy Island wurde 1876 gemeldet, 1908 offiziell verzeichnet und erst 2012 endgültig gestrichen. Denn als ein Forschungsschiff die Position ansteuerte, fand es dort nur offenen Ozean mit mehr als 1.300 Metern Wassertiefe. Die Geschichte der Insel, die es nie gab, zeigt, wie Karten entstehen und wie sich ein einziger Fehler über Generationen vererben kann.

Im November 2012 kreuzte das australische Forschungsschiff Southern Surveyor durch das östliche Korallenmeer, um die tektonische Entwicklung des Meeresbodens zu untersuchen. Auf einem Transitabschnitt zwischen zwei Messstationen fiel der Wissenschaftlerin Maria Seton von der University of Sydney und ihrem Team ein Widerspruch auf, der sich nicht auflösen ließ. In den wissenschaftlichen Weltkarten des Meeresbodens und in Google Earth lag direkt auf ihrer Route eine langgestreckte Insel mit dem Namen Sandy Island, rund 25 Kilometer lang und 5 Kilometer breit. Die Navigationskarte an Bord zeigte an derselben Stelle jedoch keine Insel, sondern eine Wassertiefe von etwa 1.400 Metern. Die Besatzung entschied sich, die Position direkt zu durchfahren, und blickte am Ziel auf nichts als offenes Meer bis zum Horizont.

Damit rückte ein Phänomen in die Schlagzeilen, das Kartografen seit Jahrhunderten kennen: Phantominseln. So heißen Landmassen, die auf Karten verzeichnet wurden, obwohl sie nie existiert haben, entstanden aus Beobachtungsfehlern, Positionsirrtümern, Übertragungsfehlern oder frei erfundenen Berichten früher Seefahrer. Dutzende solcher Inseln standen im Lauf der Geschichte in Atlanten und Seekarten, manche hielten sich Jahrhunderte, bevor sie wieder verschwanden. Sandy Island ist der bekannteste Fall der Gegenwart, weil der Irrtum den Sprung in das digitale Zeitalter schaffte und selbst in global genutzten Datensätzen überlebte. Wie eine nicht existierende Insel so lange bestehen konnte, lässt sich heute Schritt für Schritt nachvollziehen, von einer Schiffsmeldung im 19. Jahrhundert bis zu einem wissenschaftlichen Nachruf.

Ein Walfangschiff meldet Land im Korallenmeer

Sandy Island war eine Phantominsel im Korallenmeer zwischen Australien und Neukaledonien. Sie stand seit 1876 in Schiffsberichten, weil die Besatzung des Walfangschiffs Velocity dort sandige Inseln gemeldet hatte. Im Jahr 2012 stellte ein australisches Forschungsschiff fest, dass an der Position nur offener Ozean liegt, dessen Boden nie höher als 1.300 Meter unter die Wasseroberfläche reicht.

Die Meldung der Velocity gelangte in die Unterlagen der britischen Admiralität, und 1908 erschien Sandy Island erstmals auf einer offiziellen Admiralitätskarte, eingezeichnet zwischen den Chesterfield-Inseln und dem Nereus-Riff. Überprüft wurde die Angabe nicht, denn die Region liegt weit abseits der großen Schifffahrtsrouten, und eine gezielte Expedition zu einem unscheinbaren Sandstreifen lohnte sich für keine Marine der Welt. Stattdessen geschah, was in der Kartografie über Jahrhunderte üblich war: Neue Karten übernahmen die Angaben älterer Karten. Mit jeder Kopie wanderte die Insel weiter durch Atlanten, Seehandbücher und später durch digitale Datensätze, und aus einer einzelnen unbestätigten Beobachtung wurde scheinbar gesichertes geografisches Wissen.

Sandy Island wird gestrichen und kehrt zurück

Zweifel gab es früh. Der französische hydrografische Dienst, zuständig für die Gewässer um Neukaledonien, strich Sandy Island bereits 1974 aus seinen Karten, weil keine Sichtung je bestätigt worden war. Der australische hydrografische Dienst folgte 1985, andere Kartenwerke versahen die Insel mit dem Kürzel ED für existence doubtful, also zweifelhafte Existenz. Doch die Insel überlebte in einer anderen Linie der Überlieferung. Sie steckte im World Vector Shoreline, einem aus Militärkarten aufgebauten digitalen Küstenlinien-Datensatz der Vereinigten Staaten, und wanderte von dort in globale Meeresbodenkarten und schließlich in Google Earth, wo sie als dunkles, längliches Polygon mitten im blauen Ozean erschien. Ausgerechnet die Digitalisierung, die Karten genauer machen sollte, verbreitete den alten Fehler effizienter als jedes Kupferstichzeitalter zuvor.

Ein Forschungsschiff findet nur tiefes Wasser

Die Entscheidung der Southern Surveyor, den Widerspruch auf ihrer 25-tägigen Expedition im Jahr 2012 direkt zu prüfen, beendete die Karriere der Insel. Das Echolot zeichnete beim Durchfahren der verzeichneten Position durchgehend Tiefen zwischen 1.300 und mehr als 2.300 Metern auf, ohne jede Untiefe, die auch nur entfernt auf eine versunkene Landmasse hindeuten würde. Die Meldung von der Insel, die es nicht gibt, ging binnen Tagen um die Welt, und Google entfernte das dunkle Polygon kurz darauf aus seinen Kartendiensten. Im Jahr 2013 veröffentlichte das Team um Maria Seton in der Fachzeitschrift Eos der American Geophysical Union sogar einen förmlichen Nachruf auf Sandy Island, der die Lebensgeschichte der Phantominsel von 1876 bis 2012 wissenschaftlich aufarbeitete.

Ein Floß aus Bimsstein als beste Erklärung

Blieb die Frage, was die Männer der Velocity im Jahr 1876 tatsächlich gesehen hatten. Die Auswertung von Schwerefeld- und Tiefendaten schloss aus, dass an der Stelle jemals eine Insel lag und später versank, denn der Meeresboden zeigt dort keinerlei aufragende Struktur. Als wahrscheinlichste Erklärung gilt ein Floß aus Bimsstein. Das poröse Vulkangestein ist leichter als Wasser, und nach Ausbrüchen untermeerischer Vulkane im Raum Tonga treiben zusammenhängende Bimsteppiche von vielen Quadratkilometern Größe monatelang über den Südpazifik. Rekonstruierte Driftrouten solcher Teppiche führen genau durch die Region, in der Sandy Island verzeichnet wurde. Für eine Schiffsbesatzung des 19. Jahrhunderts war ein flacher, sandfarbener Bimsteppich von einer niedrigen Sandinsel praktisch nicht zu unterscheiden, zumal die Positionsbestimmung jener Zeit um Kilometer danebenliegen konnte.

Phantominseln von Bermeja bis in die Gegenwart

Sandy Island steht in einer langen Reihe. Im Golf von Mexiko suchten mexikanische Forschungsschiffe noch 2009 vergeblich nach der Insel Bermeja, die seit dem 16. Jahrhundert auf Karten stand und über deren Existenz sogar Fragen von Öl- und Seerechten verhandelt wurden. Das Maria-Theresia-Riff im Südpazifik, das Jules Verne in zwei Romanen verewigte, wurde nie gefunden, und auch die antarktische Emerald Island verschwand nach vergeblichen Suchfahrten wieder aus den Karten. Der Kern des Problems besteht fort, denn erst Mitte der 2020er Jahre war rund ein Viertel des Meeresbodens in hoher Auflösung vermessen. Wie viel dort noch zu korrigieren ist, zeigte sich zuletzt 2026, als ein deutsches Expeditionsteam im Weddellmeer eine bislang unverzeichnete Insel vermaß, die auf Seekarten nur als Gefahrenzone markiert war.

Phantominseln sind dabei das Gegenstück zu einem realen Verlust, denn während erfundene Inseln aus den Karten verschwinden, gehen tatsächlich existierende Inseln im Meer unter, darunter mindestens acht pazifische Inseln, die der steigende Meeresspiegel verschluckt hat. Von Sandy Island bleibt dagegen nur eine Lücke im Ozean und eine Lehre über das Wesen von Karten: Sie bilden nicht die Welt ab, sondern das, was Menschen über die Welt gemeldet haben. Ein einziger Blick von der Reling eines Walfangschiffs genügte, um für 136 Jahre eine Insel zu erschaffen, die Generationen von Kartenlesern für festes Land hielten, bis ein Schiff hinfuhr und nichts fand als Wasser.

Eos, Transactions American Geophysical Union, Obituary: Sandy Island (1876-2012); doi:10.1002/2013EO150001

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