600 Röntgen pro Stunde

Russland hat einen kompletten See unter Beton begraben

Russland hat einen kompletten See unter Beton begraben
(Symbolbild). Der Karatschai-See lag im südlichen Ural nahe der abgeschirmten Atomfabrik Majak. 1990 wurden an einer besonders belasteten Stelle nahe der Einleitung radioaktiver Abfälle etwa 600 Röntgen pro Stunde gemessen. Bis Ende 2015 wurde die offene Wasserfläche mit Gestein, Sand und Betonblöcken verschlossen. Die unscheinbare Landschaft steht für ein Umweltproblem, das mit dem Verschwinden des Sees nicht einfach verschwand. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein grauer See im südlichen Ural sah lange aus wie ein gewöhnliches Gewässer. Doch am Karatschai-See nahe der sowjetischen Atomanlage Majak wurde 1990 an einer besonders belasteten Stelle eine Strahlungsrate von etwa 600 Röntgen pro Stunde dokumentiert. Das war so viel, dass eine tödliche Dosis innerhalb ungefähr einer Stunde möglich war. Seit 2015 ist die offene Wasserfläche vollständig mit Gestein, Sand und Betonblöcken bedeckt. Was wie eine schlichte Fläche aus Schutt wirkt, war deshalb kein gewöhnlicher Seegrund, sondern ein dauerhaftes Problem für Mensch und Umwelt.

Wer heute auf Luftaufnahmen nach dem Karatschai-See sucht, findet nicht mehr die spiegelnde Wasserfläche, die auf älteren Karten eingezeichnet ist. An ihre Stelle trat eine abgedeckte Fläche auf dem Gelände des Majak-Komplexes in der russischen Region Tscheljabinsk. Die Anlage entstand nach dem Zweiten Weltkrieg für das sowjetische Atomwaffenprogramm. Ihr Standort lag weit entfernt von den großen politischen Zentren, doch die Abfälle aus der Produktion blieben in der Landschaft zurück.

Der entscheidende Punkt liegt in der Genauigkeit der historischen Messung. Die oft wiederholte Zahl von 600 Röntgen pro Stunde galt nicht gleichmäßig für das gesamte Ufer. Sie bezog sich auf eine besonders stark belastete Stelle nahe dem Bereich, an dem radioaktive Abfälle in den See gelangten. Die ältere Fachliteratur beschreibt deutlich niedrigere, aber immer noch sehr hohe Werte an anderen Punkten. Die Zahl erzählt also nicht, dass jeder Meter des Ufers gleich gefährlich war. Sie zeigt, wie extrem die Belastung an einem bestimmten Ort werden konnte.

Am Karatschai-See lag die höchste Belastung an einer Einleitstelle

Der See wurde ab 1951 als Ablagerungsort für radioaktive Abfälle genutzt. Flüssige Rückstände aus der Wiederaufarbeitung und Herstellung von Kernmaterial gelangten in das Gewässer, statt in geschlossenen Behältern gelagert zu werden. Das Wasser und die Sedimente am Grund sammelten dadurch radioaktive Stoffe an. Dazu gehörten unter anderem Cäsium-137 und Strontium-90, zwei Spaltprodukte, die über Jahrzehnte gefährlich bleiben.

Eine Fachübersicht von Cochran und weiteren Autoren beschreibt Messungen aus dem Jahr 1990. An der Stelle, an der Abfälle in den See eingeleitet worden waren, wurden rund 600 Röntgen pro Stunde registriert. Die Autoren bewerteten diesen Wert als ausreichend, um innerhalb einer Stunde eine tödliche Dosis zu erreichen. Die Messungen waren jedoch ortsabhängig: Selbst einige Meter Entfernung konnten andere Werte ergeben. Die genaue Dosis hängt außerdem davon ab, wie lange jemand der Strahlung ausgesetzt ist und welche Art von Strahlung auf den Körper trifft. Die historischen Zahlen sind deshalb keine allgemeine Gefahrenkarte für den gesamten See.

Der See wurde ab 1951 zum offenen Lager für Atomabfälle

Majak war Teil eines geheim gehaltenen Industriekomplexes, der Plutonium für das sowjetische Atomwaffenprogramm herstellte. In den ersten Jahren standen Produktion und militärische Ziele im Vordergrund; ein sicherer Umgang mit den großen Mengen radioaktiver Abfälle war nicht ausreichend gelöst. Der Karatschai-See wurde als Speicher für flüssige Abfälle genutzt. Was zunächst als technische Lösung diente, führte dazu, dass radioaktive Stoffe im Wasser, im Sediment und in der Umgebung des Sees zurückblieben.

Die Größenordnung war beträchtlich. Eine Übersicht der US National Academies hält fest, dass sich ab 1958 mehr als 120 Millionen Curie flüssiger radioaktiver Abfälle im See ansammelten. Curie ist eine ältere Einheit für die Aktivität radioaktiver Stoffe; sie beschreibt, wie viele Atomkerne pro Sekunde zerfallen, nicht direkt die Strahlendosis eines Menschen. Die Zahl lässt sich daher nicht einfach mit Röntgen pro Stunde vergleichen. Sie zeigt aber, dass der See über Jahre hinweg als Lager für eine enorme Menge radioaktiven Materials diente. Die historische Einordnung ist nachzulesen unter National Academies of Sciences.

1967 verteilte Wind radioaktiven Staub über die Umgebung

Die Gefahr beschränkte sich nicht auf das Wasser. Während einer Dürre im Jahr 1967 sank der Wasserstand stark, sodass Teile des Seegrunds trockenlagen. Wind konnte radioaktive Partikel vom Boden aufnehmen und in die Umgebung tragen. Eine Fachpublikation fasst zusammen, dass dadurch ein Gebiet von ungefähr 1.800 Quadratkilometern mit radioaktiven Stoffen belastet wurde. Solche Partikel können sich auf Böden und Pflanzen ablagern und später erneut aufgewirbelt werden. Der Vorfall machte deutlich, dass ein offenes Abfalllager nicht nur durch direkten Kontakt mit Wasser problematisch war.

Der Karatschai-See war Teil einer größeren Geschichte der Umweltbelastung rund um Majak. Auch der Fluss Techa und weitere Gewässer wurden durch radioaktive Abfälle beeinträchtigt. Das bedeutet nicht, dass alle Schäden dieselbe Ursache oder dieselbe Größenordnung hatten. Es zeigt vielmehr, dass die Folgen der damaligen Entsorgung nicht an einer Uferlinie endeten. Wer sich mit den langfristigen Folgen von Atomunfällen und radioaktiven Stoffen beschäftigt, findet auf unserer Website auch einen anderen Blick auf die Umgebung von Tschernobyl: Pilze, die in Tschernobyl radioaktive Strahlung nutzen könnten.

Bis 2015 verschwand die offene Wasserfläche unter einer Abdeckung

Die Arbeiten zur Stilllegung begannen lange vor dem endgültigen Abschluss. Seit den 1980er-Jahren wurde die offene Wasserfläche schrittweise verkleinert, indem Gestein und hohle Betonblöcke eingebracht wurden. Ende 2014 waren nur noch wenige Hektar offenes Wasser übrig. Bis Ende 2015 sollte die Fläche vollständig mit Betonblöcken und Sand bedeckt sein. Die Maßnahme sollte verhindern, dass Wind erneut belastete Partikel vom Seegrund aufnimmt, und den direkten Kontakt mit dem radioaktiven Wasser begrenzen.

Die Abdeckung machte aus dem See jedoch kein gewöhnliches Stück Land. Sie ist eine technische Sicherungsmaßnahme über radioaktiv belastetem Material. Die darunterliegenden Stoffe verschwinden nicht sofort, nur weil die Wasseroberfläche nicht mehr sichtbar ist. In der Fachliteratur wird deshalb auch die Frage nach dem Grundwasser und der langfristigen Kontrolle der abgedeckten Ablagerung behandelt. Eine 2016 veröffentlichte Untersuchung zu den Lagerbecken von Majak beschreibt die schrittweise Verfüllung und die geplante Überwachung als Teil einer langfristigen Sicherung. Die Details sind nachzulesen unter der Untersuchung im Journal of Environmental Radioactivity.

Die Abdeckung beendet nicht die Geschichte der radioaktiven Stoffe

Radioaktive Stoffe verlieren ihre Aktivität nicht alle gleich schnell. Manche zerfallen innerhalb von Tagen oder Jahren, andere bleiben über Jahrzehnte oder länger relevant. Cäsium-137 und Strontium-90 haben Halbwertszeiten von ungefähr 30 Jahren. Eine Halbwertszeit ist die Zeit, in der die Hälfte der ursprünglich vorhandenen radioaktiven Atomkerne zerfallen ist. Nach einer Halbwertszeit ist also noch etwa die Hälfte vorhanden, nach zwei Halbwertszeiten ein Viertel. Der Zerfall läuft weiter, aber nicht schnell genug, um eine solche Altlast in wenigen Jahren verschwinden zu lassen.

Wie sicher die abgedeckte Fläche heute im Einzelnen ist, lässt sich aus den historischen Messwerten allein nicht ableiten. Die Zahl von 600 Röntgen pro Stunde beschreibt eine Messung aus dem Jahr 1990 an einer besonders belasteten Stelle und darf nicht als aktueller Wert ausgegeben werden. Für die heutige Bewertung wären aktuelle Messdaten zur Strahlung, zum Grundwasser und zur Umgebung erforderlich. Der Fall zeigt vor allem, wie lange die Folgen einer industriellen Entscheidung nachwirken können: Ein See lässt sich mit Gestein und Beton aus dem Blick nehmen, aber die Aufgabe, radioaktive Stoffe sicher einzuschließen und zu überwachen, endet damit nicht.

Auf alten Bildern wirkt der Karatschai-See wie ein stilles Gewässer zwischen Wäldern und offener Landschaft. Heute liegt dort eine abgedeckte Fläche, deren graue Oberfläche wenig über ihre Vergangenheit verrät. Der Ort erinnert daran, dass die gefährlichsten Landschaften nicht immer wie Katastrophengebiete aussehen. Manchmal ist es gerade die unscheinbare Oberfläche, unter der sich die Geschichte verbirgt.

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