Ein ruhiger Blick aufs Handy im fahrenden Auto, und wenige Minuten später wird einem flau im Magen. Reisekrankheit trifft je nach Situation bis zu zwei Drittel aller Menschen, vom Kind auf der Rückbank bis zum erfahrenen Seemann. Dabei ist nichts am Körper krank, kein Erreger im Spiel und keine Vergiftung geschehen. Trotzdem reagiert der Körper mit Blässe, kaltem Schweiß und Übelkeit, als ginge es um Leben und Tod. Warum ausgerechnet eine bequeme Autofahrt diesen Alarm auslöst, führt zu einem der ältesten Schutzsysteme des Menschen.
Die Situation ist harmlos und alltäglich. Ein Kind sitzt angeschnallt auf der Rückbank, blättert in einem Comic und schaut ab und zu aus dem Seitenfenster. Die Straße windet sich durch einen Wald, das Auto fährt ruhig, niemand hat Schmerzen. Und doch meldet sich nach wenigen Minuten ein flaues Gefühl im Magen, die Stirn wird feucht, das Gesicht blass. Reisekrankheit gehört zu den verbreitetsten körperlichen Reaktionen überhaupt und betrifft je nach Reizstärke bis zu zwei Drittel aller Menschen wenigstens gelegentlich. Betroffen sind nicht nur empfindliche Naturen, sondern auch Piloten, Astronauten und erfahrene Seeleute. Der Zustand ist unangenehm, aber körperlich harmlos, und genau das macht ihn so rätselhaft: Der Körper verhält sich, als wäre er ernsthaft in Gefahr, obwohl ihm nichts fehlt.
Der Auslöser sitzt tief im Steuerungssystem für Gleichgewicht und Orientierung. Ständig gleicht das Gehirn ab, was die Augen sehen, was das Gleichgewichtsorgan im Innenohr misst und was Muskeln und Gelenke an Lage und Bewegung melden. Solange diese Quellen dasselbe erzählen, entsteht ein stimmiges Bild von Ruhe oder Bewegung. Im Auto, im Bus, auf dem Schiff oder beim Blick aufs Handy während der Fahrt geraten diese Meldungen jedoch auseinander. Das Gleichgewichtsorgan spürt Beschleunigung und Schwanken, während die Augen auf eine feste Seite, ein Buch oder den Innenraum gerichtet sind und Stillstand melden. Aus diesem Widerspruch entsteht die Übelkeit beim Autofahren, die viele als typisches Zeichen der Reisekrankheit kennen. Warum der Körper darauf ausgerechnet mit Brechreiz antwortet, ist die eigentlich erstaunliche Frage.
Reisekrankheit entsteht, wenn Gleichgewichtssinn, Augen und Körperfühlung dem Gehirn widersprüchliche Bewegungssignale liefern. Das Gehirn wertet diesen Sinneskonflikt als Alarm und aktiviert dieselben Bahnen, die auch bei einer Vergiftung Übelkeit und Erbrechen auslösen. Nicht die Bewegung selbst macht krank, sondern der ungelöste Widerspruch zwischen den Meldungen.
Die ersten Anzeichen sind oft unspezifisch: ein Gähnen, vermehrter Speichelfluss, eine leichte Benommenheit. Kurz darauf folgen die typischen Zeichen, die Fachleute als Kardinalsymptome beschreiben, nämlich Blässe, kalter Schweiß, Unruhe und schließlich Übelkeit. Der Körper drosselt die Verdauung, das Blut sackt in die Peripherie, der Kreislauf reagiert mit Schwindel. Verantwortlich für den Brechreiz ist ein Netzwerk im Hirnstamm, das Signale aus vielen Quellen sammelt und ab einer bestimmten Schwelle das Erbrechen auslöst. Dieses sogenannte Brechzentrum ist dieselbe Schaltstelle, die auch nach verdorbenem Essen oder giftigen Substanzen anspringt. Genau hier liegt der Schlüssel zu der Frage, warum eine bloße Autofahrt eine so heftige, körperlich sinnlos wirkende Reaktion hervorruft.
Der Kern der Bewegungskrankheit ist ein Konflikt zwischen mehreren Wahrnehmungskanälen. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr, das Vestibularsystem, registriert über feine Bogengänge und kleine Kristalle jede Drehung und Beschleunigung. Die Augen liefern parallel ein Bild der Umgebung, und Rezeptoren in Haut, Muskeln und Gelenken melden die Körperhaltung. Beim Lesen im fahrenden Auto sehen die Augen eine ruhende Buchseite, während das Innenohr das Rütteln und Bremsen registriert. Auf einem Schiff schwankt der Boden, doch in der Kabine wirkt alles fest. Diese Kanäle sind Teil des fein abgestimmten Zusammenspiels der menschlichen Sinne, das normalerweise ein widerspruchsfreies Bild erzeugt. Fällt dieses Bild auseinander, entsteht der Reiz, der die Reisekrankheit auslöst.
Die überraschende Erklärung stammt aus der Evolutionsbiologie. Nach der bekanntesten Deutung ist die Reisekrankheit kein Fehler des Körpers, sondern die Nebenwirkung eines uralten Schutzsystems. Viele natürliche Gifte greifen das Nervensystem an und stören genau jene feine Abstimmung von Gleichgewicht, Sehen und Körperlage. Ein Gehirn, das solche Widersprüche als mögliches Zeichen einer Vergiftung deutet und vorsorglich den Mageninhalt entleert, hätte in der Vorzeit einen Überlebensvorteil gehabt. Diese Vergiftungshypothese wurde bereits 1977 in einer vielzitierten Arbeit im Fachjournal Science ausgearbeitet. Der ungewohnte Sinneskonflikt in Auto, Flugzeug oder Virtual-Reality-Brille aktiviert demnach versehentlich diesen alten Schutzreflex, obwohl gar kein Gift im Spiel ist.
Bewiesen ist diese Deutung nicht, denn ein einzelnes Konfliktneuron ließ sich bislang nicht nachweisen, und die Theorie erklärt nicht jeden Fall. Neuere Übersichtsarbeiten erweitern sie deshalb um Signale aus den inneren Organen und um die Rolle des Kreislaufs. Unstrittig ist aber, dass dieselben Bahnen, die bei echten Giften Übelkeit und Erbrechen steuern, auch die Bewegungskrankheit tragen. Eine ausführliche Übersichtsarbeit in Experimental Brain Research beschreibt, wie stark die Symptome über das reine Erbrechen hinausgehen und warum manche Konflikte heftige Reaktionen auslösen und andere nur ein kurzes Umdeuten der Bewegung. Der Reflex ist also alt, wirksam und im modernen Alltag oft am falschen Ort.
Wer bekommt Reisekrankheit, und warum trifft sie manche kaum? Besonders empfindlich sind Kinder etwa zwischen zwei und zwölf Jahren, danach lässt die Anfälligkeit bei vielen nach. Frauen berichten im Schnitt häufiger und stärker über Beschwerden als Männer, auch hormonelle Schwankungen spielen eine Rolle. Übermüdung, Angst, schlechte Luft und Gerüche verstärken den Reiz zusätzlich. Entscheidend ist außerdem die Gewöhnung: Wer regelmäßig zur See fährt, verliert die Symptome oft nach einigen Tagen, weil das Gehirn lernt, den neuen Bewegungsmustern zu vertrauen. Auffällig ist auch, dass der Fahrer eines Autos fast nie reisekrank wird, der Beifahrer dagegen schon. Der Grund liegt in der Vorhersage: Wer selbst lenkt, weiß im Voraus, wohin die Bewegung geht, und der Konflikt zwischen den Sinnen bleibt klein.
Der gleiche Mechanismus erklärt ein modernes Phänomen, das oft übersehen wird. Beim Blick auf ein bewegtes Bild in einer Virtual-Reality-Brille oder in einem rasanten Film sehen die Augen eine heftige Eigenbewegung, während der Körper regungslos im Sessel sitzt. Nun ist der Konflikt genau umgekehrt wie im Auto: Diesmal meldet das Auge Bewegung und das Gleichgewichtsorgan Stillstand. Das Ergebnis ist dasselbe, nämlich Übelkeit, Schwindel und Unwohlsein, häufig Cybersickness genannt. Für Entwickler ist das ein echtes Problem, weil schon kleine Verzögerungen zwischen Kopfbewegung und Bild den Reiz auslösen. Dass eine reine Illusion von Bewegung genügt, um den uralten Schutzreflex zu wecken, zeigt deutlich: Nicht die Fahrt macht krank, sondern der Widerspruch zwischen dem, was der Körper erwartet, und dem, was die Sinne melden.
Aus dem Mechanismus ergeben sich die wirksamsten Gegenmittel fast von selbst. Wer den Blick nach vorn auf den Horizont oder auf die kommende Straße richtet, gibt den Augen dieselbe Bewegungsinformation, die das Innenohr ohnehin meldet, und der Konflikt schrumpft. Ein Platz vorn im Fahrzeug, frische Luft und der Verzicht auf Lesen oder Bildschirm während der Fahrt wirken aus demselben Grund. Manchen hilft es, die Augen zu schließen und den Kopf ruhig anzulehnen, weil so widersprüchliche Bilder wegfallen. Ingwer gilt als sanftes Hausmittel, in schweren Fällen kommen Medikamente gegen Übelkeit zum Einsatz, die am Brechzentrum ansetzen. Der wichtigste Hebel bleibt jedoch, dem Gehirn ein stimmiges Bild der eigenen Bewegung zu geben, damit der uralte Schutzreflex gar nicht erst anspringt.
Science, Motion sickness: an evolutionary hypothesis; doi:10.1126/science.301659