Leuchtende Ziffern

Radium Girls: Ihre Knochen strahlen noch nach 100 Jahren

(Symbolbild). Ein Pinsel mit einer Spitze aus wenigen Haaren, ein Uhrenzifferblatt und eine Farbe, die ohne Strom grün leuchtet: Mehr brauchte es nicht für einen der begehrtesten Frauenjobs der 1920er-Jahre. Die Radium Girls bemalten damit an guten Tagen 250 Uhren, bis der erste Zahn zu schmerzen begann. Das Leuchten der Leuchtfarbe war selbst das Warnsignal, doch in der Fabrik sagte ihnen das niemand. (Foto: © Forschung und Wissen)

In einer Fabrik in Orange, New Jersey, malten junge Frauen ab 1917 Uhrenziffern mit einer Farbe, die im Dunkeln grün leuchtete. Die Arbeit war fein, sauber und gut bezahlt, und die Radium Girls gingen abends leuchtend nach Hause. Wenige Jahre später fielen ihnen die Zähne aus, Kiefer zerbröselten, Wirbelsäulen sackten in sich zusammen. Ihr Kampf vor Gericht veränderte den Arbeitsschutz in den Vereinigten Staaten grundlegend. Und ihre Knochen strahlen bis heute.

In der Fabrik der United States Radium Corporation in Orange, New Jersey, saßen ab 1917 junge Frauen an langen Tischen und malten Ziffern auf Uhren. Die Farbe hieß Undark und bestand aus Kleber, Wasser und Radiumpulver. Sie leuchtete grünlich, ohne Strom, ohne Sonne, einfach von selbst. Der Job galt als begehrt, denn er war fein, sauber und für damalige Verhältnisse gut bezahlt: rund 1,5 Cent pro Zifferblatt, bei etwa 250 Uhren an einem guten Tag. Die Arbeiterinnen, die später als Radium Girls bekannt wurden, trugen den Staub der Farbe im Haar und auf der Kleidung nach Hause. Manche bemalten zum Spaß ihre Fingernägel, ihre Zähne oder die Knöpfe ihrer Blusen, um im Dunkeln zu leuchten. Niemand in der Fabrik sagte ihnen, dass genau dieses Leuchten ein Warnsignal war.

Radium war 1898 von Marie und Pierre Curie entdeckt worden und galt zwei Jahrzehnte später als Wundermittel. Es steckte in Zahnpasta, in Cremes, in Schokolade und in Wasser, das als flüssiger Sonnenschein verkauft wurde. Dass dieselbe Substanz in kleinsten Mengen tödlich wirkt, sobald sie im Körper landet, war in der Öffentlichkeit kaum bekannt, unter Fachleuten aber durchaus. Die Chemie dahinter ist simpel und grausam zugleich: Radium ähnelt Kalzium so stark, dass der Körper es für einen Baustoff hält und in die Knochen einlagert. Dort bleibt es. Radium-226 hat eine Halbwertszeit von rund 1.600 Jahren, es lässt sich nicht ausschwemmen, nicht neutralisieren und nicht herausoperieren. Die Geschichte der Radium Girls ist deshalb keine abgeschlossene Episode aus den 1920er-Jahren, sondern messbar bis heute.

Der Pinsel wanderte nach jedem Strich zwischen die Lippen

Die feinen Ziffern auf einer Armbanduhr verlangten einen Pinsel mit einer Spitze aus wenigen Kamelhaaren. Nach jedem Strich fransten diese Haare auf. Damit die Linien sauber blieben, brachten die Arbeiterinnen die Spitze zwischen den Lippen wieder in Form, tauchten sie in die Leuchtfarbe und malten weiter. Der Ablauf wiederholte sich bei jeder einzelnen Ziffer, an manchen Tagen mehrere tausend Mal. Zwischen 1917 und 1926 bemalten so mehr als 4.000 Arbeiterinnen Millionen Zifferblätter, dazu Kompasse, Instrumente, Lichtschalter und sogar Puppenaugen. Die Vorgesetzten hatten diese Technik selbst gezeigt und als harmlos beschrieben. In den Laboren derselben Unternehmen arbeiteten die Chemiker unterdessen hinter Bleischürzen, mit Zangen und Abzugshauben.

Mollie Maggias Kiefer ließ sich mit den Fingern herausheben

Amelia Maggia, von allen Mollie genannt, war eine der ersten, bei der sich zeigte, was das bedeutete. 1921 begann bei ihr ein Zahn zu schmerzen, der Zahnarzt zog ihn, dann den nächsten. An den leeren Stellen bildeten sich Geschwüre, die nicht heilten und ständig Eiter absonderten. Der Kieferknochen selbst starb ab, eine Kiefernekrose, für die die Ärzte damals keine Erklärung hatten. Im Sommer 1922 musste Mollies Unterkiefer nicht mehr operiert werden, der Zahnarzt hob ihn mit den Fingern aus dem Mund. Am 12. September 1922 starb sie mit 24 Jahren an einer massiven Blutung. In der Sterbeurkunde stand Syphilis, eine Diagnose, die ihren Ruf beschädigte und die Spur zur Fabrik verwischte.

Harrison Martland legte die Knochen der Toten auf Fotoplatten

Die Aufklärung begann erst, als 1925 auch ein Mann starb: Edwin Leman, der Chefchemiker der United States Radium Corporation. Der Gerichtsmediziner Harrison Martland aus Essex County übernahm den Fall und entwickelte Verfahren, die es so noch nicht gab. Er ließ Erkrankte in Behälter atmen und wies das radioaktive Gas Radon in ihrem Atem nach, ein Zerfallsprodukt des eingelagerten Radiums. Dasselbe Gas steigt aus dem Untergrund in Gebäude auf, wie die Karte der radioaktiven Belastung in Wohnungen für Deutschland zeigt. Anschließend legte Martland die Knochen verstorbener Arbeiterinnen im Dunkeln auf unbelichtete Fotoplatten. Die Knochen belichteten die Platten selbst. Die Umrisse, die dabei entstanden, waren der Beweis: Die Strahlung kam von innen.

Grace Fryer klagte, als ihr noch Monate blieben

Grace Fryer arbeitete ab 1917 in Orange und hörte 1925 zum ersten Mal die Vermutung, ihre ausfallenden Zähne und der zerbröselnde Kiefer könnten mit der Arbeit zu tun haben. Zwei Jahre lang suchte sie einen Anwalt, der den Fall annahm. 1927 übernahm ihn der junge Jurist Raymond Berry, und vier weitere Frauen schlossen sich an: Quinta McDonald, Albina Larice, Edna Hussman und Katherine Schaub. McDonald und Larice waren Schwestern von Mollie Maggia. Als der Prozess 1928 begann, konnte Grace Fryer den Arm nicht mehr zum Schwur heben und trug ein Stahlkorsett, weil ihre Wirbelsäule nachgab. Die Firma spielte auf Zeit, weil den Klägerinnen nur noch Monate blieben. Im Juni 1928 endete der Fall mit einem Vergleich: 10.000 Dollar für jede Frau, dazu 600 Dollar Rente jährlich und die Übernahme aller Arzt- und Anwaltskosten.

Radium bleibt 1.600 Jahre im Skelett

Weil der Körper Radium wie Kalzium behandelt, sitzt es fest im Knochen und bestrahlt das Gewebe rundherum über Jahrzehnte. Aus dem Register des Argonne National Laboratory, das 4.835 namentlich bekannte Zifferblattmalerinnen erfasste, gingen 85 bösartige Tumore hervor, überwiegend Knochensarkome und Karzinome der Nasennebenhöhlen. Ein toxikologisches Profil zu Radium ordnet diese Fälle bis heute ein. 1938 sagte Catherine Wolfe Donohue in Ottawa, Illinois, mit einem faustgroßen Tumor an der Hüfte gegen die Radium Dial Company aus und bekam recht. Aus diesen Verfahren entstanden Grenzwerte, Meldepflichten und ein Arbeitsschutz, der innere Strahlung erstmals ernst nahm. Dass eine leuchtende Substanz für harmlos gehalten wird, wiederholte sich später trotzdem, etwa als in Brasilien Cäsium zum schwersten Strahlenunfall der Zivilgeschichte wurde. Die Gräber der Radium Girls in New Jersey und Illinois schlagen auf dem Zählrohr aus, hundert Jahre nach dem letzten Pinselstrich.

Radiation Research, Dose-response relationships for female radium dial workers; doi:10.2307/3574786

Spannend & Interessant
VGWortpixel