Am 16. September 1408 heirateten in der Kirche von Hvalsey in Grönland ein isländischer Schiffskapitän und seine Braut. Der Bericht darüber ist das letzte schriftliche Zeugnis der Wikinger in Grönland, die dort seit rund 985 lebten. Was danach mit den etwa 2.000 Siedlern geschah, weiß bis heute niemand genau. Die Kirche steht noch, ihre Bewohner sind verschwunden.
Wer heute von der Stadt Qaqortoq mit dem Boot durch den Fjord fährt, sieht auf einer grünen Wiese eine Kirche ohne Dach. Die Mauern sind bis zu eineinhalb Meter dick und an den Giebeln fünf bis sechs Meter hoch, einzelne Steine wiegen über fünf Tonnen, und der Putz aus gemahlenen Muschelschalen ließ das Gebäude einst weiß leuchten. Es ist die am besten erhaltene Ruine der nordischen Siedler und zugleich der Ort, an dem ihre Geschichte für die Nachwelt endet. Als die isländischen Annalen die Trauung von Þorsteinn Ólafsson und Sigríður Björnsdóttir festhielten, ahnte niemand, dass es der letzte datierte Eintrag über die Wikinger in Grönland sein würde.
Die Siedlung war zu diesem Zeitpunkt über 400 Jahre alt. Erik der Rote, wegen Totschlags aus Island verbannt, hatte um 985 mit einer Flotte von 25 Schiffen den Südwesten der Insel erreicht und ihr den werbenden Namen Grünland gegeben. Seine Nachfahren gründeten zwei große Siedlungsgebiete, die Ostsiedlung im Süden mit Hvalsey und die Westsiedlung weiter nördlich beim heutigen Nuuk, bauten Höfe, Kirchen und ein Bischofssitz in Garðar und lieferten Walrosselfenbein bis nach Rom. Diese Gesellschaft verschwand nicht über Nacht, aber sie verschwand vollständig, und zwar so leise, dass in Europa jahrhundertelang niemand nachsah.
Die Überlieferung dünnt schon vor 1408 aus. Um 1345 bereiste der Priester Ívar Bárðarson die Westsiedlung und fand dort verwildertes Vieh und leere Gebäude, aber keinen Menschen. 1378 starb mit Álfr der letzte Bischof, der tatsächlich in Grönland residierte; seine Nachfolger trugen den Titel, ohne je hinzufahren. 1406 lief ein norwegisches Handelsschiff Grönland an und blieb vier Jahre, weil die Rückfahrt scheiterte. Aus dieser Zeit stammen die letzten Berichte: 1407 wurde ein Mann namens Kolgrim in Hvalsey wegen Zauberei verbrannt, 1408 fand die Hochzeit statt, 1410 segelte das Schiff mit dem frisch vermählten Paar zurück nach Norwegen. Niemand, der danach nach Grönland kam, hat es aufgeschrieben.
Erst 1721 landete der norwegische Missionar Hans Egede in Grönland, um die verschollenen Christen zu suchen, und fand nur Ruinen und Inuit. Die Archäologie datiert die jüngsten Funde der Ostsiedlung in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Zwischen der Hochzeit und dem Ende liegen also einige Jahrzehnte, in denen die Siedler lebten, ohne dass ein einziger Brief, eine Chronik oder ein Grabstein davon erhalten blieb. Ähnlich lückenhaft ist die Quellenlage bei einer anderen verschwundenen Siedlung, der Roanoke-Kolonie an der amerikanischen Küste, wo Forscher ebenfalls aus wenigen Spuren ein ganzes Schicksal rekonstruieren müssen.
Jahrzehntelang galt die Kleine Eiszeit als Täter. Die Siedler kamen im mittelalterlichen Klimaoptimum, und als sich das Klima im 15. Jahrhundert abkühlte, sollen Weiden verdorrt, Meereis die Schifffahrt blockiert und die Höfe verhungert sein. Diese Erklärung geriet ins Wanken, als Wissenschaftler der Columbia University 2015 anhand von Gletschermoränen zeigten, dass es in Grönland bei Ankunft der Wikinger bereits so kalt war wie bei ihrem Abzug 400 Jahre später. Eine Studie der University of Massachusetts von 2022 wertete erstmals Seesedimente direkt neben einem ehemaligen Wikingerhof aus und kam zu dem Ergebnis, dass die Temperatur kaum schwankte, das Klima aber deutlich trockener wurde. Weniger Regen bedeutete weniger Gras, weniger Winterfutter und im Frühjahr Vieh, das so schwach war, dass es auf die Weiden getragen werden musste.
2023 kam eine weitere Erklärung hinzu. Ein Team der Harvard University berechnete in einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences, dass der Meeresspiegel an der grönländischen Küste während der Siedlungszeit um rund drei Meter stieg, weil der wachsende Eisschild das Land nach unten drückte und das Wasser zusätzlich anzog. Küstenhöfe, Weiden und Anlegestellen versanken langsam im Fjord. Die Siedler erlebten also nicht einen plötzlichen Schlag, sondern eine schleichende Verschlechterung an mehreren Fronten zugleich.
Die Klimageschichte erklärt, warum das Leben schwerer wurde, aber nicht, warum eine ganze Gesellschaft verschwand. Hier setzt eine wirtschaftliche Deutung an, die in den vergangenen Jahren an Gewicht gewonnen hat. Die Wikinger kamen wohl nicht in erster Linie als Bauern nach Grönland, sondern als Jäger auf Walrosse, deren Stoßzähne im mittelalterlichen Europa das begehrteste Schnitzmaterial waren. Genetische Analysen von Elfenbeinobjekten zeigen, dass fast das gesamte Walrosselfenbein Europas zwischen 1100 und 1400 aus Grönland stammte. Als im 13. und 14. Jahrhundert Elefantenelfenbein aus Afrika über neue Handelswege nach Europa gelangte, brach der Preis ein. Die Fahrten an die Nordjagdgründe lohnten sich nicht mehr, die Schiffe aus Norwegen blieben aus, und mit ihnen Eisen, Holz und Nachrichten.
Gewalt spielte dagegen offenbar kaum eine Rolle. Die Skelette aus den Friedhöfen zeigen keine Häufung von Kampfverletzungen, und Hinweise auf Zusammenstöße mit den Inuit der Thule-Kultur, die im 13. Jahrhundert aus dem Norden kamen, sind selten. Die Isotope in den Knochen zeigen aber, dass die Siedler ihre Ernährung über die Jahrhunderte massiv umstellten, von Rind und Milch hin zu Robbe und Fisch. Sie passten sich an, und sie gingen trotzdem. Die Tourismusbehörde Visit Greenland weist darauf hin, dass die Berichte von vielen Hochzeitsgästen 1408 zeigen, dass die Siedlung damals noch keineswegs entvölkert war.
Die wahrscheinlichste Antwort lautet inzwischen, dass die Grönländer nicht starben, sondern wegzogen. Einzelne Familien nutzten die letzten Schiffe nach Island und Norwegen, andere folgten, und irgendwann fehlte die Zahl an Menschen, um Höfe, Kirche und Jagd aufrechtzuerhalten. Dafür spricht, dass in den Ruinen kaum wertvolle Gegenstände zurückblieben: Wer flieht oder verhungert, lässt Kirchengerät und Werkzeug liegen, wer geordnet auszieht, nimmt es mit. Endgültig belegt ist auch das nicht, denn im isländischen Bevölkerungsregister taucht keine Welle grönländischer Rückkehrer auf.
So bleibt der Widerspruch, der den Fall so beschäftigt: Eine Gesellschaft mit Bischof, Steinkirchen und Handelsverbindungen bis Rom hörte auf zu existieren, und der letzte Eintrag über sie ist kein Hilferuf, sondern ein Fest. In Hvalsey stehen die Mauern noch heute an derselben Stelle, die Wiese davor ist im Sommer grün, und im Fjord treiben Eisberge vorbei, wie sie schon 1408 vorbeitrieben, als drinnen ein Paar getraut wurde und draußen niemand ahnte, dass die Geschichte hier enden würde.