Schneefall und Frost

Jahr ohne Sommer: 1816 schneite es im Juli bis in die Täler

Jahr ohne Sommer: 1816 schneite es im Juli bis in die Täler
(Symbolbild) Das Jahr ohne Sommer brachte 1816 Schneefälle und Nachtfröste mitten in die Wachstumszeit und stürzte weite Teile Europas und Nordamerikas in Missernten und Hunger. Zeitgenossen erlebten Monate, in denen Getreide auf den Feldern verfaulte und Brot für viele Familien unbezahlbar wurde. Warum das Wetter auf der halben Welt gleichzeitig aus den Fugen geriet, ahnte damals niemand. (Foto: © Forschung und Wissen)

Im Juli 1816 schneite es in den Alpen bis in bewohnte Täler, in Neuengland erfroren im Juni die Felder, und über Mitteleuropa hing monatelang ein grauer, nasskalter Himmel. Die Menschen erlebten Missernten, Teuerung und die letzte große Hungersnot Westeuropas, ohne die geringste Ahnung von der Ursache zu haben. Diese lag über 12.000 Kilometer entfernt und über ein Jahr zurück. Das Jahr ohne Sommer wurde so zum eindrucksvollsten Beleg dafür, wie ein einzelnes Naturereignis das Klima des gesamten Planeten kippen kann.

Das Jahr ohne Sommer beschreibt das Jahr 1816, in dem die Sommermonate auf der Nordhalbkugel so kalt, nass und lichtarm ausfielen wie in keinem anderen Jahr der modernen Wetteraufzeichnungen. In Deutschland und der Schweiz regnete es wochenlang fast ohne Unterbrechung, Flüsse traten über die Ufer, und wiederholt fiel Schnee im Juli bis in tiefe Lagen. In Nordamerika berichteten Farmer von Frostnächten in jedem einzelnen Sommermonat, im US-Bundesstaat Neuengland brachte ein Kälteeinbruch Anfang Juni sogar geschlossene Schneedecken. Die Zeitgenossen nannten das Jahr später Achtzehnhundertunderfroren, in Amerika hieß es Eighteen hundred and froze to death. Hinter beiden Spottnamen stand eine reale Katastrophe, die Millionen Menschen in Existenznot brachte.

Für die Menschen von 1816 war dieses Wetter ein unbegreiflicher Schicksalsschlag. Prediger sprachen von göttlicher Strafe, Gelehrte rätselten über Sonnenflecken, die in jenem Jahr zufällig gut sichtbar waren, und Zeitungen druckten Weltuntergangsprophezeiungen. Dass die wahre Ursache ein Vulkanausbruch am anderen Ende der Welt war, kam niemandem in den Sinn, denn die Nachricht von der Eruption hatte Europa zwar erreicht, wurde aber als fernes Kuriosum abgetan. Erst rund ein Jahrhundert später stellte die Wissenschaft den Zusammenhang her, und inzwischen gilt das Jahr 1816 als Paradebeispiel für einen vulkanisch ausgelösten Klimaschock, an dem sich bis heute Klimamodelle messen lassen müssen.

Der Tambora und der Schleier um die Erde

Ausgelöst wurde das Jahr ohne Sommer durch den Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa im April 1815. Die Eruption gilt als stärkster Vulkanausbruch der vergangenen Jahrhunderte, ihre Schwefelgase bildeten in der Stratosphäre einen Aerosolschleier, der das Sonnenlicht dämpfte und die Erde im Folgejahr messbar abkühlte.

Die Dimensionen dieses Ausbruchs sprengen jede Vorstellung. Der Tambora schleuderte weit über 100 Kubikkilometer Asche und Gestein in die Atmosphäre, verlor dabei rund ein Drittel seiner Höhe und hinterließ eine Caldera von etwa sechs Kilometern Durchmesser. Die Explosionen waren noch in über 1.000 Kilometern Entfernung zu hören, in der Region starben mehrere zehntausend Menschen durch Glutwolken, Tsunamis und die folgende Hungersnot. Entscheidend für das Weltklima war jedoch nicht die Asche, sondern das Schwefeldioxid, das bis in die Stratosphäre aufstieg. Dort bildete es winzige Sulfattröpfchen, die sich binnen Monaten um den gesamten Globus verteilten und einen Teil des Sonnenlichts zurück ins All spiegelten. Es folgte ein vulkanischer Winter, der die globale Mitteltemperatur um rund ein halbes Grad senkte, regional aber deutlich stärkere Ausschläge brachte. Der Deutsche Wetterdienst zählt die Folgen des Tambora zu den weltweit folgenreichsten Witterungsanomalien der Neuzeit.

Das Jahr ohne Sommer trifft Europa mit voller Wucht

In Mitteleuropa traf die Kälte auf eine Gesellschaft, die nach den Napoleonischen Kriegen ohnehin ausgezehrt war. Der Dauerregen ließ Getreide auf den Halmen verfaulen, Heu verdarb, das Vieh magerte ab, und die Kartoffeln blieben klein oder faulten im Boden. Die Missernten des Jahres 1816 trieben die Getreidepreise 1817 vielerorts auf ein Mehrfaches, in Süddeutschland und der Schweiz wurde aus der Teuerung eine offene Hungersnot. Chronisten beschreiben Menschen, die Gras, Kleie und Baumrinde aßen, Städte richteten Suppenküchen ein, und in Erinnerung an die Not wurden später sogenannte Hungertaler geprägt, kleine Medaillen mit Bildern der Verzweiflung und der Dankbarkeit für die nächste gute Ernte.

Die Krise setzte zudem eine der ersten großen Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts in Gang. Zehntausende verließen Württemberg, Baden und die Schweiz in Richtung Nordamerika und Russland, ganze Dörfer verkauften ihren Besitz für ein Schiffsticket. Wie stark einzelne Ausbrüche die Geschichte prägen können, zeigt der Blick auf die aktivsten Vulkane der Welt, deren Eruptionen immer wieder Hungerkrisen und Wanderungsbewegungen auslösten. Der Tambora übertraf sie alle, weil seine Wirkung nicht an einer Küste endete, sondern über die Atmosphäre jeden Kontinent erreichte.

Ein Roman aus dem Regen am Genfersee

Ausgerechnet dieser verdorbene Sommer schenkte der Weltliteratur eine ihrer berühmtesten Figuren. Am Genfersee saß im Juni 1816 eine Gruppe englischer Reisender um den Dichter Lord Byron fest, weil Dauerregen und Gewitter jeden Ausflug unmöglich machten. Zum Zeitvertreib schlug Byron vor, dass jeder eine Schauergeschichte schreiben solle. Die 18-jährige Mary Shelley begann in diesen Regennächten die Erzählung, aus der ihr Roman Frankenstein wurde, erschienen 1818 und bis heute eines der meistgelesenen Bücher der Welt. Auch Byrons Gedicht Darkness, eine düstere Vision einer Welt ohne Sonne, entstand in jenem Sommer und liest sich wie ein direkter Kommentar zum Wetter des Jahres.

Die Not von 1816 wirkte noch auf ganz andere Weise nach. Der Chemiker Justus von Liebig, der die Hungerjahre als Kind in Darmstadt erlebte, verwies später auf diese Erfahrung, als er die Mineraldüngung entwickelte, die die Landwirtschaft revolutionierte. Diskutiert wird zudem die These, dass das massenhafte Sterben der Pferde durch Futtermangel den badischen Erfinder Karl Drais zu seiner Laufmaschine anregte, dem Vorläufer des Fahrrads, das er 1817 vorstellte. Diese Deutung ist in der Forschung umstritten, zeigt aber, wie tief sich die Krise in das Denken der Zeit eingrub.

Warum 1816 die Klimaforschung bis heute beschäftigt

Für die moderne Wissenschaft ist das Jahr ohne Sommer ein Glücksfall, denn es ist der am besten dokumentierte Klimaschock der Geschichte. Wetteraufzeichnungen, Erntedaten, Preislisten und Tagebücher erlauben es, die Folgen des Ausbruchs Monat für Monat nachzuzeichnen und Klimamodelle daran zu testen. Eine Modellstudie unter Leitung der University of Edinburgh kam zu dem Ergebnis, dass die extreme Kälte des Sommers 1816 ohne den Vulkanausbruch praktisch unmöglich gewesen wäre, die Eruption erhöhte die Wahrscheinlichkeit derart kalter Bedingungen um bis zum Hundertfachen.

Zugleich ist 1816 eine Mahnung, denn ein Ausbruch dieser Größenordnung wird sich irgendwann wiederholen, und die Weltbevölkerung ist heute um ein Vielfaches größer und über globale Lieferketten enger verflochten als damals. Klimaforscher rechnen deshalb durch, wie sich ein neuer Tambora auf Ernten, Preise und Gesundheit auswirken würde. Das Jahr ohne Sommer bleibt damit mehr als eine historische Kuriosität. Es ist der Beweis, dass ein einzelner Berg am anderen Ende der Welt ausreicht, um in Europa Schnee im Juli fallen zu lassen, Brot unbezahlbar zu machen und nebenbei einen Roman hervorzubringen, den die Welt nie vergessen hat.

Journal of Geophysical Research: Atmospheres, Climate and carbon cycle response to the 1815 Tambora volcanic eruption; doi:10.1002/2013JD019767

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