Der Patom-Krater in Ostsibirien ist ein Hügel, der nicht sein dürfte. Ein Kegel aus zerbrochenem Kalkstein, 40 Meter hoch, gut 160 Meter breit und rund eine Million Tonnen schwer, steht mitten im Lärchenwald an einem Berghang, ohne Vulkan, ohne Einschlagspur und ohne Entsprechung irgendwo auf der Welt. Baumringe deuten darauf hin, dass er nur einige Hundert Jahre alt ist. Was ihn aufgetürmt hat, ist seit 1949 ungeklärt.
Im Sommer 1949 kartierte der Geologe Wadim Kolpakow im Patom-Hochland nördlich des Baikalsees, rund 360 Kilometer von der Goldgräberstadt Bodaibo entfernt, das Gelände für die sowjetische Rohstoffsuche. Was er an einem bewaldeten Hang sah, beschrieb er später als perfekt geformten Berg von der Größe eines 25-stöckigen Hauses mit abgeschnittener Spitze, mitten im Wald. Sein erster Gedanke war, dass es sich um eine Hinterlassenschaft von Menschen handeln müsse, sein zweiter, dass kein Mensch so etwas bauen könnte. Die Einheimischen kannten den Ort seit langem und mieden ihn. In ihrer Überlieferung hieß er Nest des Feuervogels, und wer sich ihm näherte, dem drohten Krankheit und Tod.
Der Patom-Krater, benannt nach dem nahen Fluss und auch Kolpakow-Kegel genannt, ist seither das seltsamste geologische Objekt Sibiriens. Er besteht vollständig aus grauem, zerbrochenem Kalkstein, der aus dem Untergrund stammt, und hat die Form eines flachen Ringwalls mit einer zentralen Kuppe von etwa zwölf Metern Höhe. Auf ihm wächst kein Wald, in der Umgebung dagegen dichte Lärchentaiga, und aus der Luft wirkt er wie ein Fremdkörper, den jemand abgestellt hat. Fünf wissenschaftliche Expeditionen zwischen 1963 und 2010 haben ihn vermessen, bebohrt und mit Magnetometern und Gravimetern abgetastet. Auf eine Erklärung, die alle Befunde zusammenbringt, hat sich die Forschung nicht geeinigt.
Kolpakow selbst hielt zeitlebens an der Idee fest, dass ein Meteorit den Kegel erzeugt habe, und die Nähe zum Tunguska-Ereignis von 1908, bei dem 2.000 Quadratkilometer Taiga umgelegt wurden, gab dieser Vermutung Nahrung. 1963 schickte die Akademie der Wissenschaften eine Expedition, die Schmelzgläser, Metallkügelchen und andere Spuren eines Einschlags suchte und nichts fand. Ein Meteorit reißt zudem eine Senke in den Boden und wirft das Material nach außen, der Patom-Krater aber ist kein Loch, sondern ein Hügel, und sein Gestein wurde von unten nach oben befördert. Kolpakow und ein Astronom der Universität Irkutsk hielten dagegen, nur ein Einschlag eines extrem dichten, nie beobachteten Objekts könne so etwas erzeugen.
Auch das Alter spricht gegen Tunguska. Die Lärchen auf und neben dem Kegel wurden dendrochronologisch untersucht, und ihre Jahresringe zeigen, dass der Kegel mindestens seit dem 16. Jahrhundert existiert, also gut 400 bis 500 Jahre alt ist. Zugleich ist er damit geologisch gesehen so jung, dass er eigentlich in historischen Quellen auftauchen müsste, wenn ihn ein Ereignis am Himmel verursacht hätte. Nach der Expedition von 2006 erklärten Geochemiker der Russischen Akademie der Wissenschaften die Meteoritenhypothese für erledigt und nur noch von historischem Interesse.
Die erste große Expedition des neuen Jahrtausends im Jahr 2005 endete, bevor sie begonnen hatte: Ihr Leiter, der Geologe Jewgeni Worobjow, starb auf dem Weg zum Krater an einem Herzinfarkt, was den Fluch der Einheimischen in Erinnerung rief. Die Teams von 2006, 2008 und 2010 unter dem Geochemiker Wiktor Antipin vom Institut für Geochemie in Irkutsk fanden im Kegel Kalkstein aus dem Untergrund, der stark zerrüttet, aber nicht geschmolzen war, Spuren von Strontium und Uran in geringer Konzentration und magnetische Anomalien im Boden. Bemerkenswert ist, dass der Kegel seine Form über die Jahrzehnte leicht verändert und die zentrale Kuppe sich anhebt und absenkt, als arbeite etwas unter ihm.
Gravimetrische und magnetotellurische Messungen entlang eines fünf Kilometer langen Profils zeigten 2012 eine tektonische Störungszone unter dem Krater, die die Schieferschichten des Untergrunds durchbricht. Das Wissenschaftsmagazin der Sibirischen Abteilung der Akademie, Science First Hand, fasst die Lage so zusammen, dass seit der Entdeckung kein Konsens über die Prozesse besteht, die den Kegel schufen. Auf einen ähnlich rätselhaften Zusammenhang zwischen Untergrund und Oberfläche stieß man an einem Felsschacht in der Wüste Nevadas, dessen Wasser auf Erdbeben in Mexiko reagiert.
Zwei Erklärungen konkurrieren heute. Die eine sieht im Patom-Krater einen phreatischen Vulkan, entstanden nicht durch Magma, sondern durch Dampf und Gas, die entlang der Störungszone aus der Tiefe aufstiegen und das Deckgestein zertrümmert und nach oben gedrückt haben, ähnlich einer Explosion, nur langsamer. Antipin und seine Kollegen legten diese Deutung 2008 in den Doklady Earth Sciences vor, nachzulesen unter Doklady Earth Sciences. Sie erklärt das zerbrochene, ungeschmolzene Gestein und die Störungszone, nicht aber, warum nirgends sonst in dieser Region etwas Vergleichbares entstand.
Die andere Deutung kommt aus der Kältelehre. Im Dauerfrostboden Sibiriens bilden sich Hügel, wenn Wasser unter dem gefrorenen Boden eingeschlossen wird, gefriert und den Untergrund wie ein Kolben anhebt. Solche Frosthügel, Pingos genannt, sind in der Arktis verbreitet, bestehen aber gewöhnlich aus Erde und Eis, nicht aus einer Million Tonnen Kalksteinschutt. Die Anhänger dieser Hypothese sprechen von Kryovulkanismus während der Kleinen Eiszeit: Ein mächtiger Eiskern soll den Kalkstein während der kältesten Jahrhunderte nach oben gedrückt und zerbrochen haben. Das erklärt das Alter und die langsame Bewegung der Kuppe, würde aber bedeuten, dass sich unter dem Kegel noch heute ein schmelzender Eiskörper befindet, der bisher nicht angebohrt wurde.
Dass der Fall nach 75 Jahren offen ist, liegt weniger an der Wissenschaft als an der Geografie. Der Krater ist nur per Hubschrauber oder nach tagelangem Marsch durch Sumpf und Taiga erreichbar, Expeditionen kosten viel und bringen wenig Fördergeld, und seit 2010 hat kein größeres Team mehr vor Ort gearbeitet. Ein britischer Abenteurer, der den Kegel für eine Fernsehreihe besuchte, ließ mitgebrachte Steine untersuchen und heizte die Meteoritenspekulation neu an. Eine Bohrung bis in den Kern des Hügels, die Eis oder Gaswege eindeutig nachweisen könnte, steht bisher aus.
Bis dahin steht in der Taiga ein Berg aus Schutt, der jünger ist als die Kathedrale von Köln, der sich bewegt, den die Jakuten fürchten und den die Geologie als Vulkan ohne Magma, als Frosthügel aus Stein oder als Einschlag ohne Spuren beschreibt, je nachdem, wen man fragt. Wer im Sommer aus dem Hubschrauber auf ihn hinabsieht, sieht dasselbe, was Kolpakow 1949 sah: einen hellgrauen Kegel im grünen Wald, den nichts in der Umgebung erklärt.
Doklady Earth Sciences, The origin of Patom Crater, East Siberia, from geological and geochemical data; doi:10.1134/S1028334X08090018