Unter einer Straße im Osten Londons fanden Kanalarbeiter im September 2017 eine Masse, die den viktorianischen Abwasserkanal fast vollständig ausfüllte. Der Fettberg maß über 250 Meter und wog nach Schätzung des Wasserversorgers rund 130 Tonnen. Er war so hart, dass die Arbeiter ihn mit Hochdruckdüsen und Spaten zerlegen mussten, neun Wochen lang. Entstanden war er aus Dingen, die jeden Tag millionenfach in Ausgüssen und Toiletten verschwinden.
Ein Fettberg ist keine Schlammansammlung, sondern ein Feststoff. Er entsteht, wenn abgekühltes Speisefett aus Küchen und Restaurants in den Kanal gelangt und sich dort an rauen Stellen, Rohrverbindungen und Einläufen absetzt. An dieser klebrigen Schicht bleiben Vliesstoffe hängen, vor allem Feuchttücher, dazu Wattestäbchen, Hygieneartikel, Windeln und Essensreste. Anders als Toilettenpapier zerfallen Feuchttücher im Wasser nicht, weil ihre Fasern zu einem reißfesten Vlies verbunden sind. Aus Fett und Fasern wird so ein Verbundwerkstoff, der mit jeder Spülung weiterwächst. In engen Abschnitten, an Pumpen oder in Kanälen mit geringem Gefälle bildet sich daraus ein Pfropf, der den Querschnitt Stück für Stück verschließt.
Die Härte dieser Gebilde hat eine chemische Ursache, die lange unterschätzt wurde. Im Abwasser lösen sich Kalziumverbindungen, unter anderem aus Beton und aus Leitungswasser. Treffen sie auf freie Fettsäuren, die bei der Zersetzung von Speisefett entstehen, bilden sie Kalziumsalze der Fettsäuren, also Kalkseife. Dieser Vorgang ähnelt der Seifenherstellung, nur dass am Ende kein weiches Stück Seife steht, sondern ein sprödes, mineralisch verfestigtes Material. Fachleute beschreiben die Konsistenz solcher Ablagerungen als betonähnlich, und genau so verhalten sie sich bei der Beseitigung. Wasserstrahl allein reicht nicht, gearbeitet wird mit Hochdruck, Schaufel und schwerem Gerät, bei Sauerstoffmangel und Schwefelwasserstoff in der Luft.
Der Fund im September 2017 gilt als einer der größten je dokumentierten. Die Masse war länger als die Tower Bridge und wog nach Schätzung von Thames Water so viel wie elf Doppeldeckerbusse. Acht Arbeiter brauchten neun Wochen, um sie herauszuholen, bei einem Fortschritt von 20 bis 30 Tonnen am Tag.
Bemerkenswert ist, was danach mit dem Material geschah. Der größte Teil ging in eine Anlage, in der aus dem Fettanteil Biodiesel gewonnen wurde. Ein Stück landete dagegen in einer Vitrine: Das London Museum nahm einen Querschnitt in seine Sammlung auf und zeigte ihn 2018 in einer Ausstellung zum Stadtleben. Wie das London Museum zur Geschichte dieses Fundstücks festhält, war die Ausstellung weltweit die erste ihrer Art. Das Objekt entwickelte in der Vitrine allerdings ein Eigenleben: Es schwitzte Flüssigkeit aus, verlor an Gewicht und bildete Schimmel, weshalb es unter besonderen Bedingungen konserviert werden musste.
Die entscheidende Zutat ist kein Fett, sondern Vliesstoff. Feuchttücher bestehen häufig aus Zellstoff, dem Kunstfasern beigemischt sind, und sind bewusst reißfest gefertigt, damit sie sich beim Gebrauch nicht auflösen. Genau diese Eigenschaft macht sie im Kanal zum Baumaterial. Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Der Wasserverbrauch in Haushalten ist über die vergangenen Jahrzehnte deutlich gesunken, moderne Toiletten spülen mit wenigen Litern. Dadurch fließt weniger Wasser durch dieselben alten Rohre, Feststoffe werden langsamer transportiert und setzen sich früher ab. Kanalnetze, die im 19. Jahrhundert für andere Mengen ausgelegt wurden, arbeiten damit dauerhaft an ihrer Grenze. Vergleichbare Materialprobleme entstehen überall dort, wo Stoffe zusammenkommen, die für die Entsorgung nie vorgesehen waren, etwa beim Rückbau alter Rotorblätter aus glasfaserverstärktem Kunststoff.
Verklumpungen dieser Art sind kein britisches Sonderproblem. In deutschen Netzen zeigen sie sich seltener als begehbare Blöcke, dafür als sogenannte Zöpfe: In Pumpwerken verwirbeln Vliestücher im Ansaugbereich, verknoten sich mit anderen Feststoffen und bilden Stränge, die nach Angaben von Betreibern oberschenkeldick und mehrere Meter lang werden. Die Berliner Wasserbetriebe beziffern die jährlichen Kosten für die Störungsbeseitigung auf einen Betrag im Bereich von etwa einer Million Euro und melden im Schnitt mehrere Einsätze pro Tag, weil Pumpen blockiert sind oder kurz davorstehen. Ähnliche Größenordnungen nennen Betreiber in Köln. Bundesweit geht die Abwasserwirtschaft von Kosten im zweistelligen Millionenbereich pro Jahr aus, die am Ende über die Abwassergebühr bei den Haushalten ankommen. An der Technischen Universität Berlin wird deshalb daran geforscht, wie sich Pumpen konstruieren lassen, in denen sich Vliesfasern gar nicht erst verknoten.
Aus alledem folgt eine kurze Regel, die in der Abwasserwirtschaft seit Jahren wiederholt wird: In die Toilette gehören Spülwasser, Toilettenpapier und Körperausscheidungen. Alles andere, auch als spülbar beworbene Tücher, gehört in den Restmüll. Für Speisefett gilt dasselbe, denn in der heißen Pfanne ist es flüssig, im Kanal wird es zum Klebstoff. Bratenfett lässt sich abkühlen und im Hausmüll entsorgen, größere Mengen aus Gastronomiebetrieben müssen ohnehin über Fettabscheider laufen. Interessant ist dabei der Wertstoffaspekt: Gesammeltes Altfett ist ein Rohstoff, aus dem sich Kraftstoff herstellen lässt, während dasselbe Fett im Kanal Kosten verursacht. Wie viel in vermeintlichem Abfall steckt, zeigen auch Verfahren, in denen aus PVC-Müll hochwertiges Motoröl entsteht.
Das Unheimliche an einem Fettberg ist seine Herkunft. Er wird nicht abgeladen, sondern entsteht aus Millionen einzelner Handgriffe, von denen jeder für sich harmlos wirkt: ein Tuch in der Toilette, ein Rest Bratfett im Ausguss. Unter der Straße fügt sich daraus ein Körper zusammen, der sich wie Gestein anfühlt und Rohre sprengt, die seit über 150 Jahren halten. In London wurde aus diesem Körper erst ein Ausstellungsstück und dann Treibstoff. Unter deutschen Städten wächst dasselbe Material täglich weiter, nur ohne Vitrine und ohne Namen.