Die ersten Windkraftanlagen des großen Ausbaus nach dem Jahr 2000 erreichen jetzt ihr Lebensende, und mit dem Rückbau wächst ein Materialproblem heran. Rund 90 Prozent einer Anlage lassen sich gut verwerten, doch die Rotorblätter bestehen aus einem Verbundwerkstoff, der sich nicht einschmelzen lässt. Die Bundesregierung erwartet bis 2040 bis zu 430.000 Tonnen Abfall allein aus Glasfaserblättern. Verfahren zur Rückgewinnung der Fasern existieren im Labor und im Pilotmaßstab, doch sie sind derzeit teurer als die Herstellung neuer Fasern.
Ein Rotorblatt ist ein Leichtbauteil im Extremformat. Es muss über Jahrzehnte Windlasten, Temperaturwechsel, Regen und Vereisung aushalten und dabei möglichst wenig wiegen, weil jede zusätzliche Masse den gesamten Antriebsstrang und den Turm belastet. Erreicht wird das mit faserverstärkten Kunststoffen, meist Glasfasern, bei besonders langen Blättern zusätzlich Kohlenstofffasern, die in ein duroplastisches Harz eingebettet werden. Duroplaste vernetzen beim Aushärten dauerhaft und lassen sich danach nicht erneut aufschmelzen, anders als thermoplastische Kunststoffe. Genau diese Eigenschaft macht das Bauteil im Betrieb haltbar und am Ende der Nutzungszeit schwer verwertbar. Hinzu kommen Klebstoffe, Balsaholz oder Schaumkerne und Blitzschutzleitungen aus Metall, die eine sortenreine Trennung zusätzlich erschweren.
Gemessen am Gesamtgewicht einer Anlage fällt dieser Anteil klein aus, denn Turm, Fundament, Generator und Getriebe bestehen aus Stahl, Beton, Kupfer und Gusseisen und werden seit Langem routinemäßig verwertet. Deshalb weisen Betreiber für komplette Anlagen Recyclingquoten von rund 80 bis 90 Prozent aus. Diese Quote verdeckt jedoch, dass sich der problematische Rest fast vollständig in den Blättern konzentriert. Bei ihnen entscheidet sich, ob am Ende ein geschlossener Materialkreislauf steht oder ob der Werkstoff die Kette als Brennstoff verlässt.
Konkrete Zahlen liegen inzwischen vor. Nach Angaben der Bundesregierung fallen bis 2040 zwischen 326.000 und 430.000 Tonnen Abfall aus reinen Glasfaserblättern an, in einzelnen Jahren bis zu 75.000 Tonnen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung im Deutschen Bundestag hervorgeht. Hinzu kommen bis zu 212.000 Tonnen aus Blättern, die zusätzlich Kohlenstofffasern enthalten und deren Trennung noch aufwendiger ist. Der Abfallstrom hat bereits eingesetzt, denn seit 2020 wurden mehr als 2.300 Rückbauten von Anlagen an Land registriert, allein 627 im Jahr 2024. Für die kommenden zwei Jahrzehnte rechnet das Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme mit rund 90.000 Blättern, die in Deutschland zu verwerten sind. Eine weltweit häufig zitierte Prognose von 43 Millionen Tonnen bis 2050 stammt aus einer Modellrechnung von 2017 und gilt in der Fachdiskussion als grobe Abschätzung.
Der heute übliche Weg ist mechanisch. Die Blätter werden vor Ort zersägt, abtransportiert und zu Flocken, Granulat oder Pulver zerkleinert. Ein erheblicher Teil geht anschließend in die Zementherstellung, wo das Material zugleich als Brennstoff und als mineralischer Rohstoff dient, weil die Glasfasern Silizium, Calcium und Aluminium enthalten und im Klinker aufgehen. Ökologisch ist das besser als eine Deponierung, die in Deutschland für solche Abfälle ohnehin weitgehend ausscheidet. Ein Kreislauf entsteht dabei aber nicht, denn die Fasern verlieren beim Zerkleinern ihre Länge und damit ihre mechanische Funktion, und im Zementofen verschwinden sie vollständig. Die im Bauteil steckende Energie und die Qualität des Werkstoffs gehen verloren.
Verfahren, die die Fasern erhalten, arbeiten thermisch oder chemisch und lösen das Harz heraus. Wie weit sie von der Wirtschaftlichkeit entfernt sind, zeigt eine Untersuchung der University of Strathclyde an einer Pilotanlage, die täglich 1.000 Kilogramm Blattmaterial verarbeitet und daraus im Jahr rund 247 Tonnen Glasfasern zurückgewinnt. Die Bruttokosten liegen dort bei etwa 5,30 Euro je Kilogramm, während neue Glasfaser mit rund 1,98 Euro angesetzt wird, also gut dem Zweieinhalbfachen Preisabstand. Auch die Treibhausgasbilanz fällt im Pilotmaßstab ungünstiger aus, denn die zurückgewonnene Faser verursacht 2,24 Kilogramm Kohlendioxid je Kilogramm gegenüber 1,90 Kilogramm bei Neuware. Beide Werte verbessern sich mit wachsender Anlagengröße deutlich, doch die niederländische Forschungsorganisation TNO veranschlagt für einen wirtschaftlichen Betrieb einen Durchsatz von 40.000 bis 50.000 Tonnen Verbundmaterial im Jahr. Solche Mengen liefern Rotorblätter regional nicht gleichmäßig, weshalb solche Anlagen zusätzlich Verbundabfälle aus Bootsbau, Fahrzeugbau oder Bauwirtschaft aufnehmen müssten.
Für künftige Anlagen arbeitet die Forschung an Werkstoffen, die den Kreislauf von vornherein mitdenken. Dazu zählen lösbare Harzsysteme, die sich unter definierten Bedingungen chemisch spalten lassen, thermoplastische Matrizen sowie modulare Bauweisen, die eine Trennung der Komponenten erleichtern. Das Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme untersucht solche Ansätze unter anderem im Forschungsprojekt zur Wiederverwendung von Rotorblättern, das auch die Frage prüft, ob sich ausgebaute Blätter nach Zustandsbewertung weiter nutzen lassen. Für den Bestand kommt diese Entwicklung zu spät, denn die Blätter, die in den nächsten Jahren abgebaut werden, wurden zwischen 1995 und 2015 konstruiert, als Kreislauffähigkeit keine Auslegungsgröße war. Ähnliche Fortschritte bei schwer verwertbaren Kunststoffen zeigen sich in anderen Bereichen, etwa bei einem Verfahren, mit dem aus PVC-Müll hochwertiges Motoröl entsteht.
Seit dem 30. Juni 2026 gelten bei bestimmten öffentlichen Beschaffungen in der Europäischen Union Mindestanforderungen an die Recyclingfähigkeit neuer Blätter von 70 Prozent. Die Vorgabe beschreibt eine konstruktive Eigenschaft, also die grundsätzliche Zerlegbarkeit, und nicht die tatsächlich erreichte Verwertungsquote im Betrieb. Rückwirkend gilt sie nicht, sodass sie die Bestandsblätter nicht erfasst, die den Rückbau der kommenden Jahre dominieren. Zwischen der bereits vorhandenen Materialmenge und den verfügbaren Verfahren klafft damit eine zeitliche Lücke von etwa einem Jahrzehnt. Fachleute sehen zwei Ansatzpunkte, nämlich einerseits eine längere Nutzung durch Weiterbetrieb, Reparatur oder Zweitverwendung ganzer Blätter, andererseits den Aufbau überregionaler Verwertungsanlagen mit ausreichend Durchsatz. Beides erfordert Planung über einzelne Anlagenstandorte hinaus, denn die Blätter fallen dort an, wo vor Jahrzehnten gebaut wurde, und nicht dort, wo die Verwertung wirtschaftlich wäre.