Ungewöhnliches Wetter

In der Sierra Nevada lag 1911 der Schnee über elf Meter hoch

In der Sierra Nevada lag 1911 der Schnee über elf Meter hoch
(Symbolbild) Tamarack liegt in der kalifornischen Sierra Nevada auf rund 2.100 Metern Höhe, unweit des heutigen Skigebiets Bear Valley. Die Messstation dort hält bis heute mehrere Schneerekorde der Vereinigten Staaten. Am Donner-Pass betreibt die Universität Berkeley das Central Sierra Snow Laboratory, dessen Messreihe bis 1878 zurückreicht. Der Schnee der Sierra liefert einen erheblichen Teil des Wassers für Kalifornien. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Am 11. März 1911 maßen Beobachter an der Station Tamarack in der kalifornischen Sierra Nevada eine Schneehöhe von 451 Zoll, also 11,46 Metern. Das ist bis heute der höchste jemals in den Vereinigten Staaten gemessene Wert. Im Januar desselben Winters fielen dort 9,91 Meter Neuschnee, ebenfalls ein bis heute gültiger Rekord. Vier Jahre zuvor hatte dieselbe Station in einer einzigen Saison 22,5 Meter Schnee verzeichnet.

Die Sierra Nevada ist eine über 600 Kilometer lange Gebirgsmauer, die quer zur Hauptwindrichtung vom Pazifik steht. Feuchte Luft, die vom Ozean heranströmt, wird an diesem Riegel zum Aufsteigen gezwungen, kühlt dabei ab und verliert ihre Feuchtigkeit als Niederschlag. Fachleute nennen diesen Vorgang orographische Hebung, und er erklärt, warum die Westflanke des Gebirges zu den schneereichsten Regionen der Erde gehört, während östlich davon Wüste beginnt. Verstärkt wird der Effekt durch sogenannte atmosphärische Flüsse, schmale Bänder in der Atmosphäre, die Wasserdampf über tausende Kilometer transportieren. Eines dieser Bänder reicht bis in die Nähe von Hawaii und trägt in Kalifornien den Spitznamen Pineapple Express. Ein einziger solcher Zustrom kann innerhalb weniger Tage mehrere Meter Schnee abladen.

Der Winter 1910/11 begann ungewöhnlich spät, holte dann aber alles nach. Zwischen Dezember und März zog eine Sturmreihe über Kalifornien, bei der sich die Neuschneemengen ohne nennenswerte Schmelzphasen aufeinandertürmten. In Tamarack, einer kleinen Siedlung auf rund 2.100 Metern Höhe im Alpine County, fielen allein im Januar 390 Zoll Neuschnee, das sind 9,91 Meter, mehr als in irgendeinem Kalendermonat seither irgendwo in den Vereinigten Staaten. Am Donner-Pass weiter nördlich summierte sich der Winter auf 563 Zoll, also gut 14 Meter. Die Schneedecke wuchs dabei nicht linear, denn frischer Schnee sackt unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Dass sie trotzdem 11,46 Meter erreichte, setzt voraus, dass ständig mehr nachkam, als sich setzte.

Warum ausgerechnet Tamarack die Rekorde hält

Der Ort lag genau dort, wo sich mehrere begünstigende Umstände treffen: eine Höhenlage, in der Niederschlag fast ausschließlich als Schnee fällt, eine Position an der Westflanke im direkten Anströmbereich und eine Geländeform, die Wind und Sonne wenig Angriffsfläche bietet. Hinzu kam der schlichte Umstand, dass dort überhaupt gemessen wurde, denn Rekorde entstehen nur an Orten mit Messstation. Der weltweite Bestwert für die Schneehöhe liegt bei 465,4 Zoll, gemessen am 14. Februar 1927 am Berg Ibuki in Japan, also nur knapp über dem kalifornischen Wert. Beim Neuschnee einer ganzen Saison hält dagegen der Mount Baker im Bundesstaat Washington die amerikanische Bestmarke: 1.140 Zoll im Winter 1998/99, umgerechnet knapp 29 Meter.

Eine Messreihe seit 1878

Wie außergewöhnlich einzelne Winter sind, lässt sich überhaupt nur beurteilen, weil in der Sierra ungewöhnlich lange gemessen wird. Am Donner-Pass betreibt die Universität Berkeley eine Station, deren Personal bis heute zweimal täglich mit Maßstab und Waage hinausgeht. Wie die Universität Berkeley zu ihrem Central Sierra Snow Laboratory mitteilt, gehört diese Reihe zu den längsten manuellen Schneemessungen der Welt und reicht bis 1879 zurück, weil zunächst die Eisenbahngesellschaft die Werte notierte. Gebaut wurde die Station 1946 vom damaligen Wetterdienst und dem Pionierkorps der Armee. Der schneereichste dort dokumentierte Winter war 1951/52 mit gut 20 Metern Neuschnee, gefolgt von 2022/23 mit rund 19 Metern.

Was solche Schneemengen im Alltag bedeuten

Für die Menschen in den Bergorten bedeutet das eine eigene Bauweise. Eisenbahnstrecken über den Donner-Pass wurden über Kilometer hinweg mit hölzernen Galerien überdacht, damit Züge auch unter meterhohem Schnee fahren konnten, und Häuser erhielten Eingänge im ersten Stock, weil die Erdgeschosstür im Winter unter der Decke verschwindet. Zwischen den Gebäuden entstehen Gänge, die eher an Tunnel erinnern. Gefährlich wird es, wenn der Schnee in Bewegung gerät: Im März 1911, nach neun Tagen ununterbrochenem Schneefall, gingen an den Bergwerksorten Jordan und Lundy östlich der Sierra Lawinen nieder, die 17 Menschen töteten. Eine Frau wurde nach 60 Stunden lebend aus den Trümmern geborgen.

Der Schnee als Wasserspeicher

Hinter den Messungen steht ein handfester wirtschaftlicher Zweck. Die Schneedecke der Sierra wirkt als natürlicher Speicher: Sie hält den Winterniederschlag fest und gibt ihn im Frühjahr und Sommer langsam als Schmelzwasser ab, genau dann, wenn Landwirtschaft und Städte in Kalifornien den größten Bedarf haben. Aus der gemessenen Schneehöhe und dem Wassergehalt lässt sich abschätzen, wie viel Wasser im Sommer verfügbar sein wird. Genau deshalb beobachten Behörden die Werte so genau, und deshalb sind die extremen Jahre mehr als eine Kuriosität. Fällt der Winter zu trocken aus, folgt Wassermangel; fällt er zu nass aus, drohen im Frühjahr Überschwemmungen, besonders wenn warmer Regen auf eine tiefe Schneedecke trifft. Wie unterschiedlich sich Eis- und Schneemassen weltweit entwickeln, zeigt auch der Befund, dass die Antarktis binnen drei Jahren 695 Milliarden Tonnen Eis zulegte.

Ein Rekord, der über hundert Jahre hält

Dass die Marke von 1911 bis heute steht, liegt nicht daran, dass es seither keine gewaltigen Winter mehr gegeben hätte. Der Winter 2022/23 begrub ganze Ortschaften in der Sierra, Dächer brachen ein, Straßen blieben wochenlang gesperrt. Für die Schneehöhe von 11,46 Metern hätte es jedoch eine Kette von Stürmen ohne jede Unterbrechung gebraucht, wie sie in diesem einen Winter zusammenkam. Die Station Tamarack existiert heute nicht mehr, ihre Werte aber sind in den amerikanischen Klimaarchiven verzeichnet und stehen weiterhin an der Spitze.

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