Höher als der Gipfel des Mont Blanc liegt in den Anden eine Stadt aus Wellblech, direkt unter einem Gletscher. La Rinconada im Süden Perus gilt als höchste Stadt der Welt, schätzungsweise 50.000 Menschen leben dort auf 5.100 bis 5.300 Metern. Jeder Atemzug liefert dem Körper nur etwa halb so viel Sauerstoff wie an der Küste. Ärzte aus Frankreich haben untersucht, was diese Höhe mit dem Blut der Bewohner macht, und sind auf Werte gestoßen, die im Flachland als lebensgefährlich gelten.
Am Ende einer Schotterpiste in der Region Puno drängen sich Hütten mit Dächern aus Wellblech an einen steilen Hang. Darüber hängt eine Gletscherzunge, die unter dem Namen La Bella Durmiente bekannt ist, die schlafende Schöne. Die höchste Stadt der Welt ist keine geplante Siedlung, sondern ein Goldgräberlager, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Zwischen 2001 und 2009 stieg die Einwohnerzahl mit dem Goldpreis um mehr als 230 Prozent, heute werden meist rund 50.000 Menschen genannt, manche Schätzungen liegen deutlich darüber. Eine Wasserleitung gibt es nicht, ebenso wenig eine Kanalisation oder eine geregelte Müllabfuhr. Die Jahresmitteltemperatur liegt bei etwa einem Grad Celsius, nachts fällt das Thermometer regelmäßig deutlich unter den Gefrierpunkt, und viele Häuser haben nicht einmal Glas in den Fenstern.
Was die Stadt für die Medizin interessant macht, ist vor allem die Luft. Auf 5.100 Metern beträgt der Luftdruck nur noch rund die Hälfte des Werts auf Meereshöhe, entsprechend weniger Sauerstoff gelangt mit jedem Atemzug in die Lunge. Der Körper kann Sauerstoff nicht auf Vorrat speichern und muss den Mangel sofort ausgleichen: Die Atmung wird schneller und tiefer, das Herz schlägt häufiger. Über Wochen und Monate setzt ein zweiter Mechanismus ein, denn das Knochenmark bildet mehr rote Blutkörperchen, die den Sauerstoff im Körper verteilen. Genau dieser Schutzmechanismus kann in extremer Höhe aus dem Gleichgewicht geraten. Ein Team um den Physiologen Samuel Vergès von der Universität Grenoble Alpes und dem französischen Forschungsinstitut Inserm baute deshalb Anfang 2019 für mehrere Wochen ein Labor in La Rinconada auf.
La Rinconada liegt auf 5.100 bis 5.300 Metern in der Region Puno im Süden Perus und gilt als höchste dauerhaft bewohnte Stadt der Welt. Rund 50.000 Menschen leben dort, weil der Berg Ananea Gold enthält. Dafür nehmen sie Sauerstoffmangel, Dauerfrost und eine Stadt ohne Wasserleitung und Kanalisation in Kauf.
Bezahlt werden viele Bergleute nicht mit festem Lohn. Verbreitet ist ein System, das in Peru Cachorreo heißt: Die Männer arbeiten rund 30 Tage ohne Bezahlung für die Betreiber der Stollen und dürfen danach ein oder zwei Tage lang das Erz behalten, das sie selbst aus dem Berg tragen. Ob darin Gold steckt, zeigt sich erst beim Zerkleinern und Auswaschen, mancher Monat bringt ein kleines Vermögen, mancher gar nichts. Frauen dürfen nach altem Aberglauben nicht in die Stollen, sie durchsuchen draußen den Abraum nach übersehenen Goldkörnern. Zum Abtrennen des Goldes wird Quecksilber eingesetzt, das in die Seen rund um die Stadt gelangt, aus denen viele Bewohner ihr Wasser holen. Die Goldmine ist damit Lebensgrundlage und Gesundheitsrisiko zugleich, und trotzdem ziehen immer neue Arbeiter in die Höhe.
Für Besucher aus dem Tiefland beginnt ein Aufenthalt mit Kopfschmerzen, Atemnot und schlaflosen Nächten. Das Expeditionsteam reiste deshalb in Etappen an, über Lima auf Meereshöhe und Puno auf rund 3.800 Metern, wo bereits die ersten Symptome der Höhenkrankheit auftraten. In La Rinconada zeigte sich dann, wie weit sich die Bewohner an den Sauerstoffmangel angepasst haben. Viele verrichten körperlich schwere Arbeit in Stollen, die noch höher im Berg liegen, und schlagen dort Gestein aus Fels und Eis, während ein untrainierter Besucher schon beim Treppensteigen nach Luft ringt. Andernorts setzt die Natur dem Körper ganz andere Grenzen, etwa in der Kristallhöhle von Naica, wo feuchte Hitze einen ungeschützten Menschen nur etwa zehn Minuten aushalten lässt. In La Rinconada ist es keine Hitze, sondern der ständige Mangel an Sauerstoff, den der Körper Tag und Nacht ausgleichen muss, im Schlaf ebenso wie bei der Arbeit unter Tage.
Der Hämatokrit gibt an, welchen Anteil die roten Blutkörperchen am Blutvolumen haben. Im Flachland liegt er bei etwa 40 Prozent, bei gut trainierten Ausdauersportlern bei bis zu 45 Prozent. Werte über 50 Prozent gelten im Radsport als Hinweis auf Doping und als gesundheitlich riskant. In La Rinconada maßen Vergès und seine Kollegen bei einem Bewohner 85 Prozent. Blut mit so vielen Zellen wird zäh, fließt schlechter durch enge Gefäße und kann Gerinnsel in Herz und Gehirn begünstigen. In einer 2020 im Fachjournal Frontiers in Physiology veröffentlichten Auswertung untersuchten die Forscher die Daten von 1.594 Bewohnern. Bei 44 Prozent lag eine übermäßige Vermehrung der roten Blutkörperchen vor, medizinisch als exzessive Erythrozytose bezeichnet. Die Untersuchten waren im Mittel erst 32 Jahre alt und lebten meist seit rund drei Jahren in der Stadt.
Aus der Erythrozytose kann sich eine chronische Höhenkrankheit entwickeln, die in Südamerika nach dem peruanischen Arzt Carlos Monge auch Monge-Krankheit heißt. Nach den internationalen Kriterien liegt sie vor, wenn der Hämoglobinwert bei Männern mindestens 21 und bei Frauen mindestens 19 Gramm pro Deziliter erreicht und zugleich Beschwerden wie Atemnot, Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder blau verfärbte Lippen auftreten. In La Rinconada erfüllten 14 Prozent der Untersuchten diese Kriterien, ein ähnlicher Anteil wie in Andendörfern auf rund 4.000 Metern. Unerwartet war ein anderer Befund: Menschen mit besonders hohem Hämatokrit berichteten insgesamt nicht über mehr, sondern über weniger Beschwerden als Bewohner mit niedrigeren Werten. Die Symptome hingen vor allem mit dem Alter, dem Hämatokrit und der Zahl der Jahre zusammen, die jemand bereits in der Stadt verbracht hatte. Die Forscher folgerten, dass die gängige Definition der Krankheit für diese Extremhöhe womöglich neu gefasst werden muss.
Weltweit leben nach einer 2024 im Journal of Physiology erschienenen Übersicht mehr als 80 Millionen Menschen dauerhaft oberhalb von 2.500 Metern, die meisten davon in den Anden, im Hochland von Tibet und in Äthiopien. Keine dieser Siedlungen liegt so hoch wie La Rinconada, deshalb gilt die Stadt als Grenzfall menschlicher Anpassung. Für die Medizin im Flachland ist das von praktischem Wert, denn Sauerstoffmangel im Gewebe spielt auch bei Herzschwäche, Lungenerkrankungen und nächtlichen Atemaussetzern eine zentrale Rolle. Das französische Forschungsinstitut Inserm nannte als Ziel der Expedition ausdrücklich, aus den Daten der Bewohner Behandlungsansätze für solche Erkrankungen abzuleiten. Untersucht wurden unter anderem Herz, Blutgefäße, Schlaf und die Fließeigenschaften des Blutes. Dabei zeigte sich, dass die Herzen vieler Bewohner trotz des dickflüssigen Blutes bei der Ultraschalluntersuchung unauffällig wirkten.
Jeden Morgen steigen die Bergleute über einen schmalen Pfad von rund einem Kilometer Länge zu den Stolleneingängen hinauf, vorbei an Abfall, Eis und Halden aus taubem Gestein. Über ihnen zieht sich der Gletscher Jahr für Jahr weiter den Hang hinauf, und die Stollen folgen ihm. In ihren Adern fließt Blut, das an der Küste als Notfall gelten würde und hier als Alltag hingenommen wird. So bleibt die höchste Stadt der Welt ein Ort, an dem Menschen für ein paar Gramm Gold einen Preis zahlen, den ihr Körper Tag für Tag im Stillen begleicht.
Frontiers in Physiology, Excessive Erythrocytosis and Chronic Mountain Sickness in Dwellers of the Highest City in the World; doi:10.3389/fphys.2020.00773