Selenitriesen

In der Kristallhöhle von Naica hält ein Mensch nur zehn Minuten aus

In der Kristallhöhle von Naica hält ein Mensch nur zehn Minuten aus
(Symbolbild). Die Kristallhöhle von Naica liegt rund 300 Meter unter dem Wüstenboden des mexikanischen Bundesstaats Chihuahua und enthält Gipskristalle von bis zu zwölf Metern Länge. Bergleute stießen im Jahr 2000 auf die Kammer, als sie einen neuen Stollen vortrieben. Bei etwa 58 Grad und nahezu gesättigter Luft bleibt für den Aufenthalt nur ein enges Zeitfenster. Dass die Kristalle ausgerechnet hier solche Ausmaße erreichten, hängt an einer sehr schmalen Temperaturspanne im Untergrund. (Foto: © Forschung und Wissen)

Rund 300 Meter unter der Wüste von Chihuahua stehen Kristalle, die länger sind als ein Linienbus. Die Kristallhöhle von Naica enthält die größten bekannten Gipskristalle der Erde, einzelne Exemplare messen fast zwölf Meter und werden auf rund 50 Tonnen geschätzt. Wer die Kammer betritt, findet etwa 58 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von nahezu 100 Prozent vor, weshalb ein ungeschützter Aufenthalt schon nach wenigen Minuten lebensgefährlich wird. Dass hier überhaupt derart große Kristalle entstehen konnten, hat mit einer Temperaturgrenze zu tun, die im Berg über Hunderttausende Jahre kaum überschritten wurde.

Im Norden Mexikos, gut 110 Kilometer südöstlich der Stadt Chihuahua, liegt der Bergbauort Naica. Unter ihm arbeitete jahrzehntelang ein Blei-, Zink- und Silberbergwerk, das seine Stollen immer tiefer in einen Gebirgsstock trieb. Im Jahr 2000 durchschlugen Bergleute dabei in rund 290 Metern Tiefe eine Gesteinswand und standen vor einem Hohlraum, der bis dahin vollständig mit heißem Wasser gefüllt gewesen war. Die Kammer ist knapp 30 Meter lang und über und über mit durchscheinenden Balken aus Gips besetzt. Diese Kristalle liegen kreuz und quer übereinander, ragen aus Boden und Decke und erreichen Längen von zehn bis zwölf Metern bei Durchmessern von rund einem Meter. Die Kristallhöhle von Naica gilt seither als Fundort der größten natürlich gewachsenen Kristalle, die jemals dokumentiert wurden. Die spanische Bezeichnung Cueva de los Cristales, auf Deutsch Höhle der Kristalle, hat sich international durchgesetzt.

Der Fund war spektakulär und zugleich kaum zugänglich. In der Kammer herrschen etwa 58 Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von 90 bis 99 Prozent. Unter diesen Bedingungen kann der Körper kaum noch Wärme über Schweiß abgeben, weil die Luft bereits nahezu gesättigt ist. Ungeschützt bleiben einem Menschen deshalb nur etwa zehn Minuten, bevor Kreislauf und Lunge ernsthaft Schaden nehmen. Forscher arbeiteten später in eigens entwickelten Anzügen mit Kühlwesten und gekühlter Atemluft, und selbst damit blieben die Einsätze auf wenige Dutzend Minuten begrenzt. Genau diese Kombination aus extremer Hitze, gesättigter Luft und jahrhunderttausendelanger Ruhe erklärt, warum die Riesenkristalle überhaupt entstehen konnten. Die Geschichte der Höhle verbindet damit einen konkreten Ort, eine harte physikalische Grenze und einen chemischen Vorgang, der sich über sehr lange Zeiträume kaum verändert hat. Beides lässt sich heute genauer beschreiben als noch vor zwanzig Jahren.

Zwölf Meter lange Gipskristalle 300 Meter unter der Wüste von Chihuahua

Die Kristallhöhle von Naica ist nicht der einzige Hohlraum dieser Art im Berg. Bereits 1910 stießen Bergleute in rund 120 Metern Tiefe auf die Höhle der Schwerter, deren schwertförmige Gipskristalle etwa einen bis zwei Meter erreichen. Erst die Stollen in größerer Tiefe legten im Jahr 2000 die deutlich spektakulärere Kammer frei. Der größte dort vermessene Kristall ist rund elf bis zwölf Meter lang und etwa einen Meter dick, Schätzungen für sein Gewicht reichen bis in den Bereich von 50 Tonnen. Das Material ist Gips, chemisch Calciumsulfat-Dihydrat, in seiner klaren, blättrig spaltbaren Varietät. Diese Varietät heißt Selenit, benannt nach der griechischen Mondgöttin Selene, und wird im deutschen Sprachraum auch Marienglas genannt. Frische Bruchflächen sind so klar, dass sich das Gestein dahinter durch den Kristall hindurch erkennen lässt.

58 Grad und 99 Prozent Luftfeuchtigkeit lassen dem Körper kaum Zeit

Der menschliche Körper kühlt sich über Verdunstung. In der Kristallhöhle von Naica funktioniert dieser Mechanismus nicht mehr, weil die Luft bei rund 58 Grad Celsius fast vollständig mit Wasserdampf gesättigt ist. Schweiß bleibt auf der Haut stehen, gleichzeitig kondensiert heißes Wasser in den Atemwegen. Die Kerntemperatur steigt, der Kreislauf bricht ein, und in der Lunge kann sich Flüssigkeit sammeln. Zehn Minuten gelten als grober Richtwert, ab dem ein ungeschützter Aufenthalt gefährlich wird. Für die Expeditionen zwischen 2006 und 2009 entwickelten Techniker deshalb Anzüge mit Kühlelementen und einem Rucksack voll gekühlter Atemluft, die Arbeitszeiten von etwa dreißig bis fünfzig Minuten erlaubten. Seit 2009 ist die Höhle für Besucher, Journalisten und auch für Forscher gesperrt.

Anhydrit, Gips und die entscheidende Grenze bei 58 Grad

Unter dem Berg von Naica liegt in drei bis fünf Kilometern Tiefe eine Magmakammer. Sie heizt das Grundwasser auf und liefert damit die Energie für den gesamten Vorgang. Entscheidend ist eine chemische Eigenheit des Calciumsulfats: Oberhalb von etwa 58 Grad Celsius ist Anhydrit die stabile Form, also das wasserfreie Calciumsulfat. Unterhalb dieser Grenze löst sich Anhydrit langsam auf, und stattdessen kristallisiert Gips aus. Genau in diesem schmalen Fenster lag die Höhle über extrem lange Zeit. Ein Team um den Kristallographen Juan Manuel García-Ruiz wies 2007 im Fachjournal Geology nach, dass die Kristalle aus einer salzarmen Lösung bei etwa 54 Grad Celsius wuchsen, also nur wenige Grad unterhalb des Umschlagpunkts. Der zuvor abgelagerte Anhydrit im Nebengestein wirkte dabei als Nachschub, weil er sich fortlaufend auflöste und die Lösung immer wieder leicht übersättigte.

Diese Selbstversorgung erklärt, warum kaum neue Kristallkeime entstanden. Bei starker Übersättigung bilden sich in einer Lösung viele kleine Kristalle gleichzeitig, weil überall zugleich Keime wachsen. Blieb die Übersättigung dagegen minimal, wuchsen nur die wenigen bereits vorhandenen Kristalle weiter, dafür aber über Hunderttausende Jahre ohne Unterbrechung. Voraussetzung war ein geschlossenes System ohne Kontakt zur Außenluft, in dem sich Temperatur und Zusammensetzung des Wassers kaum änderten. Hydrothermal erwärmtes Grundwasser prägt auch anderswo ganze Landschaften, etwa am kochenden Fluss im Amazonasgebiet, dessen Wasser ohne Vulkan in der Nähe bis auf 86 Grad steigt. In Naica blieb das heiße Wasser dagegen eingeschlossen, und genau diese Ruhe machte die Riesenkristalle möglich.

Das langsamste Kristallwachstum, das je im Labor gemessen wurde

Wie langsam dieses Wachstum ablief, ließ sich lange nur schätzen. Forscher um Alexander Van Driessche maßen 2011 in den Proceedings of the National Academy of Sciences erstmals direkt, wie schnell Gipsflächen unter den Bedingungen der Höhle zulegen. Mit einem eigens gebauten Interferenzmikroskop kamen sie bei 55 Grad Celsius auf etwa 1,4 mal 10 hoch minus 5 Nanometer pro Sekunde. Das ist die langsamste Kristallwachstumsrate, die je im Labor bestimmt wurde. Unterhalb von rund 50 Grad ließ sich im Experiment überhaupt kein Wachstum mehr nachweisen. Rechnet man diese Rate hoch, benötigt ein Kristall für einen Meter Dicke Größenordnungen von einer Million Jahren. Uran-Thorium-Datierungen an Proben aus dem Berg ergaben Alter von etwa 350.000 Jahren, was zu einem Wachstum über sehr lange, ununterbrochene Zeiträume passt.

Eingeschlossene Mikroben im Inneren der Gipskristalle

In den Kristallen sitzen winzige Flüssigkeitseinschlüsse, also kleine Tropfen des ursprünglichen Höhlenwassers, die beim Wachsen umschlossen wurden. Diese Einschlüsse dienen als Archiv für Temperatur und Chemie der Lösung und lieferten die Grundlage für die Temperaturbestimmung. Die Astrobiologin Penelope Boston stellte 2017 auf einer Fachtagung Ergebnisse vor, nach denen in solchen Einschlüssen auch Mikroorganismen steckten. Nach ihren Angaben ließen sich Teile davon im Labor wieder zum Wachsen bringen, obwohl sie zuvor über Zeiträume von 10.000 bis 50.000 Jahren eingeschlossen waren. Der Befund wurde als Konferenzbeitrag präsentiert und ist wegen möglicher Verunreinigung der Proben nicht unumstritten. Er passt allerdings zu einem größeren Bild, denn auch andernorts finden sich Mikroben, die Kristalle als Schutzraum nutzen.

Solche Funde sind mehr als eine Kuriosität. Sie verschieben die Vorstellung davon, wo Leben bestehen kann und wie lange es ohne Nachschub an Energie durchhält. Mikroorganismen wurden inzwischen tief im Meeresboden bei 120 Grad Celsius nachgewiesen, außerdem in stark salzhaltigen Laugen und in Gesteinen ohne jedes Sonnenlicht. Für die Suche nach Leben auf anderen Planeten sind solche Nischen wichtig, weil dort ähnliche Bedingungen zu erwarten wären: hohe Temperaturen, wenig frei verfügbares Wasser, viel Mineral. Die Kristallhöhle von Naica liefert dafür einen besonders klaren Fall, weil sich das Alter der Einschlüsse über das Wachstum der umgebenden Gipskristalle eingrenzen lässt. Zugleich zeigt der Fall, wie schnell ein solches Archiv verloren gehen kann, sobald sich die Umgebungsbedingungen ändern.

Seit 2015 steigt das Wasser in der Naica-Mine wieder

Die Kammer war überhaupt nur zugänglich, weil das Bergwerk ununterbrochen Wasser abpumpte. Zehntausende Liter pro Minute hielten die Stollen trocken und legten damit auch den Hohlraum frei. 2015 endete diese Entwässerung, nachdem ein Schaden am Pumpwerk die verfügbare Kapazität überstieg und der Bergbaubetrieb ausgesetzt wurde. Seither steigt der Grundwasserspiegel in der Naica-Mine, und der Hohlraum füllt sich wieder mit dem heißen, mineralreichen Wasser, in dem die Kristalle ursprünglich gewachsen sind. Für Besucher und Forscher ist die Höhle der Kristalle dadurch verschlossen. Für die Kristalle selbst ist es eher eine Rückkehr in den Normalzustand, denn an der Luft trocknen die Oberflächen aus, es entstehen feine Risse, und einzelne Balken drohen unter dem eigenen Gewicht zu brechen. Im Wasser tragen sie sich leichter und können weiterwachsen. Was bleibt, sind Messdaten, Proben und einige hundert Fotografien aus einem Zeitfenster von rund fünfzehn Jahren.

Geology, Formation of natural gypsum megacrystals in Naica, Mexico; doi:10.1130/G23393A.1
Proceedings of the National Academy of Sciences, Ultraslow growth rates of giant gypsum crystals; doi:10.1073/pnas.1105233108

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