Stimmen des Waldes

Ein Leierschwanz imitiert Motorsägen und Kameraverschlüsse täuschend echt

Ein Leierschwanz imitiert Motorsägen und Kameraverschlüsse täuschend echt
(Symbolbild, KI-generiert) Der Prachtleierschwanz lebt in den feuchten Wäldern Südostaustraliens und erreicht mit seinem Schwanz 80 bis 100 Zentimeter Länge. Männchen werfen bei der Balz die langen Schmuckfedern nach vorn über den Körper und verbinden ihre Bewegungen mit einem außergewöhnlich vielseitigen Gesang. Berühmt wurden einzelne gehaltene Vögel durch täuschend echte Nachahmungen von Motorsägen, Kameraverschlüssen und anderen technischen Geräuschen. Bei frei lebenden Tieren sind vor allem die Stimmen anderer Vogelarten und komplexe Alarmruf-Szenen gut belegt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein Prachtleierschwanz kann mit Schwanz 80 bis 100 Zentimeter lang werden, also ungefähr so lang wie ein großer Reisekoffer. Rund 80 Prozent seines Gesangs bestehen laut Australian Museum aus Nachahmungen, und bei der Balz wirft das Männchen seine Schmuckfedern wie einen silbrigen Fächer nach vorn über den Körper. Besonders berühmt wurden Laute, die wie Motorsägen, Kameraverschlüsse oder Autoalarme klingen. Doch hinter diesem erstaunlichen Stimmenrepertoire steckt eine wichtige Trennung zwischen Wildnis und Tierhaltung.

Als David Attenborough 1998 für die BBC-Serie The Life of Birds einen Prachtleierschwanz vorstellte, hörten Millionen Zuschauer einen Vogel, der nacheinander andere Vögel, einen Kameraverschluss, einen motorisierten Filmtransport, einen Autoalarm und eine Motorsäge nachzuahmen schien. Die Szene machte den Leierschwanz weltweit zu einem Symbol für tierische Stimmenkunst und wird bis heute häufig weitergegeben.

Die eindrucksvollsten technischen Geräusche dieser berühmten Sequenz stammen jedoch nicht einfach aus dem Alltag eines frei lebenden Waldvogels. Fachliteratur über die Art hält ausdrücklich fest, dass besonders extreme Nachahmungen menschlicher Geräusche vor allem bei gehaltenen Männchen dokumentiert wurden. Genau deshalb ist die bekannte Aufnahme zugleich echt und erklärungsbedürftig: Der Vogel erzeugt die Laute tatsächlich selbst, doch die Entstehung seines Repertoires hängt davon ab, was er zuvor oft genug gehört hat.

In Südostaustralien wird der Leierschwanz bis zu 100 Zentimeter lang

Der Prachtleierschwanz, wissenschaftlich Menura novaehollandiae, lebt auf dem südöstlichen australischen Festland sowie in Tasmanien. Er bewohnt feuchte Wälder, bewegt sich meist am Boden durch Laubstreu und schläft nachts in Bäumen. Das Australian Museum gibt für die Gesamtlänge einschließlich Schwanz 80 bis 100 Zentimeter an. Damit wirkt der Vogel ungefähr fasanengroß, obwohl ein großer Teil seiner Länge auf die langen Schwanzfedern entfällt.

Beim erwachsenen Männchen bilden zwei kräftig gebogene äußere Federn die Form einer Leier. Dazwischen liegen feine silbrig weiße Schmuckfedern, die während der Balz über Kopf und Rücken geschoben werden. Flügel und Rücken sind braun bis rötlich braun, Schnabel, Beine und Füße schwarz. Weibchen und junge Männchen tragen zwar ebenfalls lange Schwänze, ihnen fehlen aber die auffälligen spezialisierten Schmuckfedern der erwachsenen Männchen.

Rund 80 Prozent des Gesangs bestehen aus Nachahmungen

Das Stimmenrepertoire eines Prachtleierschwanzes wirkt deshalb so verblüffend, weil er nicht nur einzelne Rufe kopiert. Rund 80 Prozent des Gesangs können aus Nachahmungen bestehen. Dazu gehören Stimmen anderer einheimischer Vogelarten, aber auch Geräusche aus der unmittelbaren Umgebung; das Australian Museum nennt unter anderem Hundebellen, Automotoren und Motorsägen. Bei gehaltenen Vögeln kommen weitere technische Geräusche hinzu, weil solche Tiere wiederholt Kameras, Fahrzeuge, Werkzeuge oder menschliche Stimmen hören können.

Gerade die berühmten Kameraverschlüsse und Motorsägen brauchen diese Einordnung. Eine Fachübersicht über die sexuelle Lautnachahmung des Prachtleierschwanzes beschreibt Kameraauslöser, Sirenen, Motorsägen und sogar Babygeschrei ausdrücklich als Beispiele aus gehaltenen Männchen. Für Wildvögel ist dagegen deutlich besser belegt, wie präzise sie andere Vogelarten kopieren. Die Tonfolge klingt dabei nicht wie ein zufälliges Sammelsurium, sondern wie ein über Jahre aufgebautes Repertoire, das in festeren Mustern abgerufen wird.

Beim Balztanz wirft das Männchen den Schwanz über den Körper

Während der Fortpflanzungszeit zwischen April und Oktober richtet ein Männchen mehrere kleine Balzplätze in seinem Revier ein. Auf diesen Erdhügeln singt und tanzt es, während es den langen Schwanz nach vorn über den Körper wirft und die Federn bewegt. Die Balz ist damit gleichzeitig akustisch und optisch. Untersuchungen zeigten, dass bestimmte Bewegungen regelmäßig mit bestimmten Gesangstypen gekoppelt sind und nicht bloß Nebenprodukte der Lauterzeugung darstellen.

Andere australische Vögel fallen ebenfalls durch ungewöhnliches Verhalten auf. So beschreibt ein vorhandener Magazinbeitrag, wie Vögel in Nordaustralien brennende Zweige weitertragen. Beim Prachtleierschwanz liegt die Besonderheit nicht in einem Werkzeug, sondern in der Kombination aus Stimme, Bewegung und einem Schwanz, dessen Form selbst auf einer australischen Münze wiedererkennbar geworden ist.

2021 belegten Forscher die Illusion eines ganzen Vogelschwarms

Die erstaunlichste wissenschaftlich untersuchte Nachahmung betrifft keinen Motor und keine Kamera, sondern eine Gefahrenszene im Wald. Ein Team um Anastasia Dalziell zeigte, dass männliche Prachtleierschwänze die Alarmrufe mehrerer Vogelarten so kombinieren, dass akustisch der Eindruck eines aufgeregten Vogelschwarms entsteht, und die Männchen ahmen dabei sogar Flügelschläge kleiner Vögel nach. Ein Wiedergabeexperiment zeigte, dass andere Vögel auf diese Imitation ähnlich reagierten wie auf einen echten alarmierenden Schwarm. Die Arbeit in Current Biology fand diese spezielle Alarmruf-Nachahmung in besonders heiklen Momenten der Balz: wenn Weibchen den Balzplatz verlassen wollten und während der Paarung. Die Forscher deuten das als mögliche Täuschung, die eine Gefahrensituation vortäuscht und das Weibchen länger in der Nähe halten könnte. Sicher ist dabei die akustische Leistung. Die genaue Entwicklung dieses Verhaltens bleibt eine biologische Erklärung, die aus Beobachtung und Experiment abgeleitet wird.

Seit 1966 trägt Australiens 10-Cent-Münze einen Leierschwanz

Der Vogel ist in Australien so bekannt, dass seine Silhouette seit Einführung der Dezimalwährung auf der 10-Cent-Münze erscheint. Die Royal Australian Mint führt das Motiv auf den Künstler Stuart Devlin zurück. Der nach vorn gewölbte Schwanz ist dort stark stilisiert, aber unverwechselbar. Gerade dieses Detail macht die Art auch für Menschen erkennbar, die ihren Gesang noch nie im Wald gehört haben.

In der Brutzeit übernimmt das Weibchen den Nestbau, das Brüten und die Versorgung des Jungvogels allein. Währenddessen investiert das Männchen weiter in sein Revier, seine Balzplätze und sein akustisches Repertoire. Der Gegensatz zwischen diesem aufwendigen öffentlichen Auftritt und der alleinigen Brutpflege des Weibchens gehört zu den auffälligsten Merkmalen der Fortpflanzungsbiologie der Art.

Im feuchten Wald bleibt die echte Stimmenquelle oft verborgen

Zwischen Baumfarnen, dunklen Stämmen und feuchter Laubstreu ist der Prachtleierschwanz trotz seiner Größe nicht leicht zu entdecken. Häufig verrät ihn zuerst ein Geräusch. Ein Ruf kann nach Kookaburra klingen, der nächste nach einem anderen Singvogel, und bei einem gehaltenen Tier kann plötzlich das harte Klacken eines Kameraverschlusses folgen. Die berühmte Motorsäge ist deshalb eine reale Leistung einzelner Vögel, deren hörbare Umwelt in den Gesang eingegangen ist.

Genau hier kehrt das Bild aus der BBC-Szene zurück: Ein brauner Vogel steht auf dem Waldboden, der silbrige Schwanz wölbt sich über seinen Rücken, und aus seinem Schnabel kommt ein Geräusch, das dort zunächst niemand erwartet. Wer nur den Ton hört, sucht vielleicht nach einer Kamera oder einer Motorsäge. Wer den Vogel sieht, erkennt, dass das erstaunlichste Instrument des Waldes selbst Federn trägt.

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