Sieben neue Brandherde auf der falschen Straßenseite, und weder Wind noch Funkenflug kamen als Ursache infrage: Vögel legen Feuer in den Savannen Nordaustraliens offenbar selbst. Ein Feuerwehrmann im Northern Territory löschte sie nacheinander, während der eigentliche Grasbrand längst unter Kontrolle war. Ranger, Viehzüchter und indigene Gemeinschaften berichten seit Jahrzehnten von diesem Verhalten. Die Forschung hat die Beobachtungen erst 2017 systematisch zusammengetragen.
Buschfeuer gehören in den Savannen des australischen Nordens zum Jahreslauf. In der Trockenzeit brennen ausgedehnte Grasflächen ab, Rauchsäulen stehen über dem Horizont, und an der Feuerfront sammeln sich Greifvögel zu Dutzenden. Für die Tiere ist ein Brand eine Gelegenheit, denn Eidechsen, Frösche, Nagetiere, Heuschrecken und Käfer verlassen ihre Deckung und laufen dem Feuer voraus ins Offene. Wer über der Rauchkante kreist, hat sie ohne lange Verfolgung vor sich. Dieses Verhalten ist weltweit dokumentiert und wird als Feuerjagd bezeichnet. Über Grasbränden in Afrika, Südasien und Südamerika stehen ebenso Vögel in der Thermik wie über dem Northern Territory. Bis hierhin ist an der Szene nichts ungewöhnlich, und genau deshalb fiel jahrzehntelang kaum auf, dass in Australien etwas hinzukommt, das die Rolle der Vögel vollständig verschiebt.
Vögel legen Feuer in dieser Landschaft nach übereinstimmenden Berichten selbst, und zwar dort, wo zuvor nichts brannte. Feuerwehrleute, Ranger, Viehzüchter und Angehörige indigener Gemeinschaften schildern seit Jahrzehnten, wie einzelne Greifvögel neue Brandherde auslösen. Diese entstehen jenseits von Straßen, Flüssen und frisch gezogenen Schneisen, also genau an den Linien, die ein Feuer eigentlich aufhalten sollen. Wer im Brandmanagement arbeitet, rechnet damit und plant Löscheinsätze entsprechend. In der wissenschaftlichen Literatur tauchte das Thema lange nur am Rand auf, weil die Einzelbeobachtungen verstreut waren, mündlich weitergegeben wurden oder in alten Reiseberichten steckten. Eine Auswertung aus dem Jahr 2017 hat die Schilderungen gebündelt, nach Ort, Art und Ablauf geordnet und mit dem indigenen ökologischen Wissen der Region zusammengeführt. Seitdem hat das Thema einen festen Platz in der Diskussion über Werkzeuggebrauch bei Vögeln.
Drei Greifvogelarten im Norden Australiens nehmen brennende oder glimmende Zweige aus einem Feuer auf, tragen sie im Schnabel oder in den Fängen zwischen 20 und 75 Meter weit und lassen sie über trockenem Gras fallen. Dort entzündet sich ein neuer Brandherd, aus dem Beutetiere flüchten. Die Zweige sind meist 8 bis 20 Zentimeter lang. Einzelne Berichte nennen deutlich längere Strecken von bis zu einem Kilometer. Beobachtet wurden Einzeltiere ebenso wie mehrere Vögel, die kurz nacheinander Material aus derselben Flammenzone holten. Nicht jeder Versuch gelingt, denn ein Zweig erlischt unterwegs oder fällt auf feuchten Boden, und dann bleibt es bei einem Rauchfaden im Gras.
Die Beobachtungen stammen überwiegend aus dem Northern Territory, ergänzt um Meldungen aus Western Australia und Queensland. Zusammengetragen wurden sie zwischen 2011 und 2017 von einem Team um den Geographen Mark Bonta und den Ornithologen Robert Gosford, das dafür Ranger, Feuerwehrleute und Stationsbetreiber in offenen Interviews befragte. In der Auswertung im Journal of Ethnobiology kamen mehr als zwanzig Augenzeugenschilderungen zusammen, dazu historische Aufzeichnungen, die bis in die 1960er Jahre zurückreichen. Zwei der Mitautoren sind selbst Brandbekämpfer und schildern eigene Einsätze, bei denen sie Brandherde löschen mussten, die kurz zuvor kein Mensch gelegt hatte.
Drei Arten tauchen in den Berichten immer wieder auf. Der Schwarzmilan (Milvus migrans) ist der häufigste Greifvogel der Erde und in Australien ein verlässlicher Gast an jeder Rauchsäule. Der Pfeifweih (Haliastur sphenurus) jagt über Flussniederungen, Feuchtgebieten und offenem Grasland und gilt als besonders gewandt im Umgang mit sperrigem Material. Der Habichtfalke (Falco berigora) ist kleiner, jagt bevorzugt am Boden und in niedriger Höhe und wurde mehrfach dabei beobachtet, wie er nach dem Abwurf sofort hinter aufgescheuchten Insekten hersetzte. Alle drei Arten sind an offene Landschaften angepasst, alle drei nutzen thermische Aufwinde über heißem Boden, und alle drei kommen regelmäßig in großer Zahl an Brandfronten zusammen.
Auffällig ist, dass sich das Verhalten nicht auf alle Tiere einer Gruppe verteilt. Ein beteiligter Feuerwehrmann schildert, dass von mehreren hundert Milanen an einem Brand nur wenige Einzeltiere brennende Zweige aufnahmen, während der Rest ausschließlich jagte. Das passt zu dem, was aus anderen Bereichen des Werkzeuggebrauchs bekannt ist, denn wenige Individuen beginnen, andere übernehmen oder eben nicht. Ebenso auffällig ist die geographische Begrenzung. Schwarzmilane leben auch in Afrika und Asien und stehen dort ebenfalls über Grasbränden, doch Meldungen über aktives Feuerlegen fehlen aus diesen Regionen bislang vollständig. Ob das an tatsächlichen Verhaltensunterschieden liegt oder daran, dass niemand gezielt danach gefragt hat, ist offen.
Der Nutzen ist unmittelbar. Ein Grasbrand treibt Eidechsen, Schlangen, kleine Säuger, Heuschrecken und Käfer aus der Deckung. An der Flammenkante entsteht eine schmale Zone, in der Beute ungeschützt und in hoher Dichte unterwegs ist. Ein Vogel, der dort kreist, spart Suchzeit und Energie. Ist eine Front abgebrannt, versiegt diese Zone jedoch, und die Tiere müssen weiterziehen. Wer selbst eine neue Front eröffnet, verlängert die Gelegenheit und verlagert sie an einen Ort, an dem noch keine Konkurrenz wartet. Genau darin liegt der ökonomische Kern des Verhaltens, und genau deshalb halten Fachleute es für plausibel, auch wenn der Aufwand für ein einzelnes Tier zunächst hoch ist.
Feuer ist in dieser Landschaft kein Ausnahmezustand, sondern ein wiederkehrender Faktor, an den sich Pflanzen und Tiere über sehr lange Zeiträume angepasst haben. In der Trockenzeit brennen jedes Jahr weite Teile der nordaustralischen Savanne ab. Bestimmte Gräser treiben nach einem Brand rasch wieder aus, manche Samen keimen erst nach Hitzeeinwirkung, und zahlreiche Vogelarten folgen den frischen Brandflächen gezielt. Dass urzeitliche Brände ganze Vegetationsdecken geprägt haben, belegen Kohlefunde aus dem Erdaltertum. Ein Greifvogel, der Feuer einsetzt, nutzt damit keine Ausnahme, sondern einen der ältesten und verlässlichsten Prozesse seines Lebensraums.
In mehreren Sprachgruppen des Northern Territory ist der Feuervogel fester Bestandteil von Erzählungen und Zeremonien. Bereits 1963 erschien eine Lebensbeschreibung des Alawa-Mannes Waipuldanya, in der ein Vogel geschildert wird, der einen brennenden Zweig aufnimmt, ihn über eine Strecke trägt und ins trockene Gras fallen lässt, um anschließend hinter den flüchtenden Tieren herzujagen. Die Darstellung stimmt in Ablauf und Detail mit dem überein, was Feuerwehrleute Jahrzehnte später unabhängig davon meldeten. Für die Forschung ist das ein zentraler Punkt, weil sich zwei völlig getrennte Beobachterkreise auf denselben Vorgang beziehen. In einigen Gemeinschaften wird zudem berichtet, dass die eigene Praxis des kontrollierten Brennens ursprünglich am Verhalten dieser Vögel abgeschaut wurde.
Der Umgang mit diesem Wissen ist heikel, weil Teile davon an Zeremonien gebunden sind und nicht frei veröffentlicht werden dürfen. Die Auswertung von 2017 gibt deshalb ausdrücklich nur einen Ausschnitt wieder und lässt Angaben aus, für die keine Freigabe vorlag. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie viel Zeit vergehen kann, bis eine über Generationen weitergegebene Beobachtung in einer Fachzeitschrift landet. Die Vögel taten, was sie taten, unabhängig davon, ob jemand darüber publizierte. Verändert hat sich nur der Blick auf sie, und mit ihm die Bereitschaft, Berichte ernst zu nehmen, die zuvor als Anekdote abgelegt wurden.
Was fehlt, ist eine Aufnahme des entscheidenden Moments. Trotz Kamerafallen, Drohnen und Mobiltelefonen existiert keine durchgehende Sequenz, die einen Vogel beim Aufnehmen, Tragen und Abwerfen eines brennenden Zweigs zeigt. Kritiker halten es deshalb für möglich, dass Zweige zufällig mitgerissen und unterwegs verloren werden, ohne dass eine Absicht dahintersteht. Dagegen steht, dass mehrere Beobachter unabhängig voneinander gerichtete Flugbahnen, wiederholte Anläufe und gezieltes Nachsetzen hinter der flüchtenden Beute beschreiben. Solange die Bildaufnahme fehlt, bleibt die Bewertung eine Frage der Beweislast, und die Diskussion darüber verläuft in der Ornithologie bis heute kontrovers.
Für den Brandschutz ist die Frage weniger akademisch. Wer eine Schneise zieht oder ein kontrolliertes Feuer plant, kalkuliert damit, dass ein Brand die freigeräumte Linie nicht von selbst überspringt. Genau das geschieht in den Berichten jedoch wiederholt, und zwar quer über Straßen und Wasserläufe hinweg. Einer der beteiligten Feuerwehrleute löschte bei einem einzigen Einsatz sieben Brandherde auf der Gegenseite einer Straße, nachdem der Hauptbrand bereits erloschen war. Für Einsatzkräfte bedeutet das längere Nachkontrollen und größere Sicherheitsabstände. Dass Buschbrände weit über die eigentliche Brandfläche hinaus wirken, macht die Planung zusätzlich anspruchsvoll.
Bleibt das Bild einer Landschaft, in der Rauch nicht nur Zerstörung bedeutet. Über den Savannen des Northern Territory steht in der Trockenzeit ein dunkler Streifen am Horizont, darunter kreisen Greifvögel, und einer von ihnen zieht mit einem glimmenden Zweig in den Fängen aus der Front heraus, weiter über das ungebrannte Gras, bis er ihn fallen lässt. Ob dieser Vogel weiß, was er auslöst, lässt sich nicht messen. Was er auslöst, ist an jedem neuen Brandherd sichtbar, und genau das hält die Berichte seit Jahrzehnten am Leben.
Journal of Ethnobiology, Intentional Fire-Spreading by Firehawk Raptors in Northern Australia; doi:10.2993/0278-0771-37.4.700