Im Dezember 1868 ragte vor dem Parlament in London eine gusseiserne Säule mit beweglichen Flügelarmen und einer Gaslaterne in den Abendhimmel. Es war die erste Ampel der Welt, aufgestellt Jahrzehnte vor dem ersten Automobil. Ein Polizist drehte an einer Kurbel, Kutscher zügelten ihre Pferde, und eine Zeitung feierte den Beginn einer neuen Ordnung auf den Straßen. Wenige Wochen später war der Versuch vorbei, und es dauerte rund vier Jahrzehnte, bis wieder ein Verkehrssignal an einer Straßenkreuzung stand.
London erstickte in den 1860er Jahren im Verkehr, obwohl noch kein einziges Auto existierte. Kutschen, Omnibusse, Lastfuhrwerke, Reiter und Fußgänger drängten sich ohne verbindliche Regeln durch enge Straßen, und die Bilanz war verheerend. Allein im Jahr 1866 starben auf Londons Straßen 1.102 Menschen, weitere 1.334 wurden verletzt. Besonders berüchtigt war die Kreuzung von Bridge Street und Great George Street im Stadtteil Westminster, direkt an der Westminster Bridge und wenige Schritte vom Parlament entfernt. Abgeordnete mussten hier auf dem Weg zur Sitzung eine der gefährlichsten Stellen der Stadt überqueren. Kurz vor der Aufstellung der Anlage waren an genau dieser Kreuzung zwei Parlamentarier verletzt und ein Verkehrspolizist im Dienst getötet worden. Der Druck, etwas zu unternehmen, war also greifbar.
Die Lösung kam nicht aus dem Straßenbau, sondern von der Eisenbahn. John Peake Knight, geboren 1828 in Nottingham und leitender Angestellter der South Eastern Railway, kannte die Signaltechnik der Bahn im Detail. Dort regelten mechanische Flügelsignale und farbige Laternen seit Jahren, wann ein Zug fahren durfte und wann er halten musste. Knight schlug vor, dieses System auf die Straße zu übertragen und damit die Handzeichen der Polizisten zu ersetzen, die im Gewühl oft übersehen wurden. Die Behörden stimmten zu, ein Signalbauer aus der Eisenbahnbranche fertigte die Anlage, und der Polizeipräsident ließ zur Einführung 10.000 Flugblätter verteilen, die den Londonern die neuen Zeichen erklärten. Am 9. Dezember 1868 ging die Anlage in Betrieb.
Die erste Ampel der Welt wurde am 9. Dezember 1868 an der Kreuzung von Bridge Street und Great George Street in London aufgestellt. Entwickelt hatte sie der Eisenbahningenieur John Peake Knight nach dem Vorbild von Bahnsignalen. Sie arbeitete mit beweglichen Signalarmen und Gaslampen in Rot und Grün, wurde von einem Polizisten bedient und nach einer Gasexplosion Anfang 1869 wieder entfernt.
Mit einer heutigen Verkehrsampel hatte die Konstruktion äußerlich wenig gemein. Auf einer mehr als sechs Meter hohen, aufwendig verzierten gusseisernen Säule saßen zwei bewegliche Signalflügel, in der Fachsprache Semaphor genannt. Standen die Arme waagerecht, mussten Kutschen und Reiter halten, damit Fußgänger die Fahrbahn überqueren konnten. Gesenkte Arme gaben die Fahrt frei, eine Zwischenstellung mahnte zu langsamer Fahrt. Nachts übernahm eine drehbare Gaslaterne an der Spitze die Aufgabe der Arme, mit rotem Licht für Halt und grünem Licht für freie Fahrt. Die Farbwahl stammte ebenfalls von der Eisenbahn, wo sich Rot und Grün als Signalfarben längst durchgesetzt hatten, weil sie sich auch bei schlechter Sicht klar unterscheiden lassen.
Vollautomatisch war an der Anlage nichts. Ein Polizist stand unmittelbar neben der Säule, drehte die Signalarme über eine Kurbel in die gewünschte Stellung und schaltete abends das Gaslicht dazu. Die Anlage ersetzte den Beamten also nicht, sie machte seine Anweisungen nur weithin sichtbar. Zeitgenössische Berichte schildern einen durchaus geordneten Start, die Londoner Times lobte die Erleichterung für Fußgänger, und Knight rechnete bereits mit weiteren Anlagen in der ganzen Stadt. Zugleich gab es Widerstand, denn viele Kutscher verstanden die Zwischenstellungen der Arme nicht oder ignorierten die Signale schlicht, und die Droschkenfahrer beklagten Verzögerungen im Geschäft. Details zu Konstruktion und Betrieb sind unter anderem im britischen Industrie-Archiv Graces Guide dokumentiert.
Das Ende kam nach kurzer Zeit und ohne Vorwarnung. Anfang Januar 1869 trat aus der Leitung, die die Laterne mit Gas versorgte, unbemerkt Gas aus. Es entzündete sich, die Anlage explodierte, und der diensthabende Polizist erlitt schwere Verbrennungen im Gesicht. Einzelne Darstellungen berichten sogar von seinem Tod, die Quellenlage ist an diesem Punkt nicht eindeutig. Eindeutig sind dagegen die Folgen. Die Behörden stuften die Konstruktion als Gefahr für die öffentliche Sicherheit ein, die Säule wurde spätestens 1870 abgebaut, und das Projekt weiterer Anlagen war beendet. Knight erlebte die Rückkehr seiner Idee nicht mehr, er starb 1886.
Auf die Explosion folgte eine Pause, die aus heutiger Sicht kaum vorstellbar ist. Rund vier Jahrzehnte lang gab es nirgendwo auf der Welt ein fest installiertes Verkehrssignal, obwohl der Verkehr in den Großstädten weiter zunahm und mit dem Automobil ein völlig neues Tempo auf die Straßen kam. Erst in den Vereinigten Staaten nahm die Idee wieder Fahrt auf. 1910 stellte der Erfinder Ernest Sirrine in Chicago ein automatisch gesteuertes Signal vor, 1912 baute der Polizist Lester Wire in Salt Lake City eine elektrisch beleuchtete Anlage mit rotem und grünem Licht. Von dort verbreitete sich die Technik über die amerikanischen Großstädte und kehrte schließlich nach Europa zurück.
In Deutschland begann die Geschichte der Verkehrsampel im Jahr 1924, als auf dem Potsdamer Platz in Berlin ein fünfeckiger Signalturm errichtet wurde, in dessen Kanzel ein Polizist die Lichter von Hand schaltete. Der Platz galt damals als verkehrsreichster Ort Europas und war damit ein passender Testfall. Elektrische Glühlampen hatten das offene Gaslicht inzwischen abgelöst und beseitigten damit genau die Schwachstelle, an der die Londoner Anlage gescheitert war. Was 1868 als handbetriebenes Einzelstück begann, wurde nun zum Massensystem, das den Straßenverkehr weltweit prägt.
Von der Säule in Westminster ist nichts erhalten geblieben, doch ihre Grundidee steckt in jeder modernen Anlage. Die Farben Rot und Grün, die Übertragung eines Bahnprinzips auf die Straße und der Gedanke, dass ein sichtbares Signal den Menschen an der Kreuzung ersetzt, stammen aus dem Londoner Versuch. An der Hausecke Bridge Street 12, wenige Meter vom historischen Standort entfernt, erinnert seit 1998 eine Gedenktafel an John Peake Knight und seine Konstruktion. Wer dort an einer der vielen modernen Signalanlagen wartet, steht damit an genau der Kreuzung, an der eine gasbetriebene Säule mit Flügelarmen den Straßenverkehr der Welt zum ersten Mal in Rot und Grün sortierte, drei Wochen lang.