In der Feuerwache Nummer 6 im kalifornischen Livermore hängt eine Glühbirne, die seit dem Jahr 1901 nahezu ununterbrochen leuchtet. Die älteste Glühbirne der Welt hat damit mehr als eine Million Betriebsstunden erreicht, während gewöhnliche Glühlampen häufig schon nach rund 1.000 Stunden ausfielen. Das Guinness-Buch der Rekorde führt das sogenannte Centennial Light seit 1972 als langlebigste Glühlampe, eine eigene Webcam überträgt das Licht rund um die Uhr ins Internet. Hinter dem Dauerbetrieb steckt eine Mischung aus ungewöhnlicher Konstruktion, besonderen Betriebsbedingungen und einem Stück Industriegeschichte, das bis heute Diskussionen auslöst.
Über den roten Löschfahrzeugen der Feuerwache Nummer 6 in Livermore hängt an einem dünnen Kabel eine kleine, birnenförmige Lampe, deren Kohlefaden ein schwaches, bernsteinfarbenes Licht abgibt. Von unten betrachtet formt der geschwungene Glühfaden zufällig die Buchstaben ON, ein passendes Detail für ein Leuchtmittel, das seit 1901 fast ohne Pause eingeschaltet ist. Der Geschäftsmann Dennis Bernal, damals Eigentümer des örtlichen Stromversorgers, schenkte die Lampe in jenem Jahr der Feuerwehr, die nachts Licht in ihrer Gerätehalle brauchte. Aus dem praktischen Geschenk wurde ein Rekordhalter: Die Stadt feiert die runden Geburtstage der Lampe mit Festessen und Blasmusik, und Besucher aus aller Welt reisen eigens in die kalifornische Kleinstadt, nur um eine schwach glimmende Glühbirne mit eigenen Augen leuchten zu sehen.
Die älteste Glühbirne der Welt steht damit in einem auffälligen Gegensatz zu fast allem, was nach ihr produziert wurde. Klassische Glühlampen des 20. Jahrhunderts erreichten im Schnitt rund 1.000 Betriebsstunden, also etwa 42 Tage Dauerbetrieb. Das Centennial Light, wie die Lampe in den USA genannt wird, kommt dagegen auf mehr als eine Million Stunden und hat in dieser Zeit zwei Weltkriege, die Mondlandung und das Ende der klassischen Glühlampe in Europa überdauert. Wer verstehen will, warum ausgerechnet dieses Exemplar so lange durchhält, landet bei einer ungewöhnlichen Bauweise, bei extremen Betriebsbedingungen und bei einem Kapitel Wirtschaftsgeschichte, in dem die Lebensdauer von Glühbirnen sogar per Vertrag festgelegt wurde. Dass die Geschichte überhaupt bekannt wurde, verdankt die Lampe einem Lokalreporter, der Anfang der 1970er Jahre alten Hinweisen aus der Feuerwache nachging.
Hergestellt wurde die Lampe in den 1890er Jahren von der Shelby Electric Company im US-Bundesstaat Ohio, einem kleinen Unternehmen, das für besonders hochwertige Leuchtmittel bekannt war. Der Kolben besteht aus handgeblasenem Glas, im Inneren glüht ein Faden aus Kohlenstoff statt aus dem später üblichen Wolfram. Entwickelt hatte diese Kohlefadenlampe der französischstämmige Ingenieur Adolphe Chaillet, der seine Konstruktion mit einer spektakulären Vorführung bewarb: Er schloss seine Lampen gemeinsam mit Konkurrenzprodukten an eine Leitung an und erhöhte die Spannung so lange, bis reihenweise Kolben zerplatzten. Nur die Shelby-Lampen leuchteten weiter. Was genau Chaillet an seinem Faden veränderte, hat er nie vollständig offengelegt, und das Unternehmen ging wenige Jahre später in General Electric auf.
Ursprünglich leistete die Lampe rund 60 Watt und diente in Livermore als ganz normale Arbeitsbeleuchtung. Über die Jahrzehnte sank die Leistung jedoch immer weiter ab, heute liegt sie bei etwa vier Watt. Das entspricht ungefähr der Helligkeit eines Nachtlichts, weshalb die Lampe längst keine praktische Funktion mehr erfüllt, sondern als Glücksbringer und Wahrzeichen über den Einsatzfahrzeugen hängt. Genau diese geringe Leistung spielt für die Rekordgeschichte eine zentrale Rolle, denn ein kühl betriebener Glühfaden altert um ein Vielfaches langsamer als ein heißer. Bevor die Lampe berühmt wurde, hing sie zunächst in einem Schlauchhaus der Feuerwehr und später in einer städtischen Werkstatt, ohne dass jemand ihrem Alter besondere Beachtung schenkte.
Bekannt wurde die Rekordlampe erst 1972, als der Reporter Mike Dunstan für eine Lokalzeitung alte Unterlagen, Zeitzeugenberichte und Lieferbelege zusammentrug und das Alter der Lampe belegte. Kurz darauf erkannten das Guinness-Buch der Rekorde, das Kuriositätenkabinett Ripley's Believe It or Not! und sogar General Electric die Glühbirne offiziell als langlebigste der Welt an. Seitdem trägt sie den Namen Centennial Light und besitzt eine eigene Internetseite, auf der eine Webcam alle 30 Sekunden ein aktuelles Bild liefert. Die Betreiber dokumentieren dort die Geschichte der ältesten brennenden Glühlampe bis in die Anfangsjahre zurück. Eine Ironie am Rande: Während die Lampe unbeirrt weiterleuchtet, mussten die Webcams, die sie überwachen, bereits mehrfach wegen Defekten ausgetauscht werden.
Vollständig ununterbrochen war der Betrieb allerdings nicht. Neben kurzen Stromausfällen und den Umzügen der Feuerwehr sorgte vor allem der 21. Mai 2013 für Aufregung, als die Lampe mitten in der Nacht erlosch und die Livebilder der Webcam den Ausfall weltweit dokumentierten. Viele Beobachter hielten die älteste Glühbirne der Welt bereits für endgültig erloschen. Nach mehreren Stunden stellte sich jedoch heraus, dass nicht der über hundert Jahre alte Kohlefaden versagt hatte, sondern die moderne Stromversorgung der Halterung. Nachdem Techniker den Fehler behoben hatten, glühte der Faden wieder auf, als wäre nichts geschehen. Die Feuerwehr von Livermore hat angekündigt, die Lampe so lange leuchten zu lassen, wie es physikalisch irgend möglich ist.
Wie ernst die Stadt ihren Rekordhalter nimmt, zeigte der Umzug der Feuerwehr im Jahr 1976. Weil niemand riskieren wollte, den empfindlichen Kohlefaden durch das Herausdrehen aus der alten Fassung zu beschädigen, durchtrennte ein Elektriker kurzerhand das Stromkabel. In einem eigens angefertigten, gepolsterten Behälter wurde die Lampe anschließend unter Begleitung von Feuerwehr und Polizei zur neuen Wache in der East Avenue gebracht, wo sie innerhalb weniger Minuten wieder ans Netz ging, abgesichert durch einen Notstromgenerator mit eigener, unterbrechungsfreier Versorgung. Seither hängt sie dort in mehreren Metern Höhe über den Löschfahrzeugen. Diese Vorsicht hat einen handfesten Grund: Gerade das Ein- und Ausschalten bedeutet für Glühfäden den größten Stress, und jede vermiedene Unterbrechung verlängert das Leben der Lampe.
Für die extreme Haltbarkeit gibt es keine einzelne geheime Zutat, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Der Kohlefaden der Lampe ist Untersuchungen zufolge etwa achtmal dicker als die Glühdrähte späterer Massenprodukte und glüht bei deutlich niedrigerer Temperatur. Je kühler ein Glühfaden arbeitet, desto langsamer verdampft sein Material, und desto später reißt er. Mit nur noch rund vier Watt Leistung wird der Faden des Centennial Light so schonend betrieben, dass sein Verschleiß praktisch zum Stillstand gekommen ist. Hinzu kommt der Dauerbetrieb: Die meisten Glühlampen sterben im Moment des Einschaltens, wenn der kalte Faden schlagartig von Strom durchflossen wird und sich ruckartig ausdehnt. Genau diese Belastung bleibt einer Lampe erspart, die schlicht nie ausgeschaltet wird.
Die Rekordlampe widerlegt damit nicht die Physik, sie nutzt sie nur auf ungewöhnliche Weise. Der Preis für die Unsterblichkeit ist nämlich hoch: Ein derart kühl glühender Kohlefaden wandelt fast die gesamte aufgenommene Energie in Wärme statt in Licht um und leuchtet entsprechend schwach. Jede Glühlampe lässt sich durch gedrosselte Spannung und unterbrechungsfreien Betrieb drastisch verlängern, verliert dabei aber ihren eigentlichen Nutzen als Lichtquelle. Ingenieure standen deshalb immer vor einem Zielkonflikt: Ein heißer Faden liefert viel Licht pro Watt, brennt aber schnell durch, ein kühler Faden hält Jahrzehnte, erhellt aber keinen Raum. Die Lampe von Livermore verkörpert das eine Extrem dieser Abwägung, und genau darin liegt ihr Rekord begründet.
Trotzdem taucht das Centennial Light regelmäßig als Kronzeuge auf, wenn über geplante Obsoleszenz gestritten wird, also über absichtlich verkürzte Produktlebensdauern. Der historische Kern dieser Debatte ist gut belegt: Im Dezember 1924 schlossen sich führende Hersteller wie Osram, Philips und General Electric in Genf zum sogenannten Phoebus-Kartell zusammen. Die Unternehmen legten vertraglich fest, dass Glühlampen im Schnitt nach 1.000 Betriebsstunden ausfallen sollten, kontrollierten das mit Prüflaboren und verhängten Strafzahlungen gegen Mitglieder, deren Produkte zu lange hielten. Historiker haben die internen Unterlagen des Kartells ausgewertet und dokumentiert, wie die durchschnittliche Lebensdauer der Lampen in den Folgejahren tatsächlich messbar sank, während die Preise stabil blieben.
Ganz so einfach, wie es die Geschichte vom unterdrückten ewigen Licht nahelegt, ist die Sache dennoch nicht. Die 1.000-Stunden-Grenze war auch ein technischer Kompromiss, weil kurzlebigere, heißere Fäden mehr Licht aus jeder Kilowattstunde holten und damit die Stromrechnung der Kunden senkten. Die Lampe von Livermore beweist deshalb nicht, dass eine helle und zugleich unsterbliche Glühbirne unterdrückt wurde, sondern dass Langlebigkeit bei Glühlampen immer mit Lichtausbeute erkauft wird. An der Faszination ändert das wenig, zumal klassische Glühlampen trotz des EU-Verbots von 2009 in vielen Haushalten weiterleuchten. Die Lebensdauer von Glühbirnen bleibt damit ein Thema, das Verbraucher bis heute beschäftigt.
So hängt in Livermore weiterhin ein Stück Technikgeschichte unter der Decke: eine mundgeblasene Kohlefadenlampe aus einer Fabrik, die es seit über einem Jahrhundert nicht mehr gibt, betrieben mit vier Watt und bewacht von einer Feuerwehr, die eher einen Einsatzwagen abschreiben würde als ihr Licht. Sollte der Faden eines Tages endgültig reißen, will das Ripley's-Museum das Original übernehmen. Bis dahin glüht die kleine Lampe einfach weiter, Sekunde um Sekunde, wie an jedem Tag seit 1901.