Sterne über Babylon

Der Tierkreis entstand vor 2.500 Jahren in Babylon

Der Tierkreis entstand vor 2.500 Jahren in Babylon
(Symbolbild) Auf Keilschrifttafeln aus Mesopotamien stehen die ältesten Listen der Sternbilder, durch die der Mond Monat für Monat wandert, und aus ihnen formten babylonische Gelehrte im 5. Jahrhundert vor Christus den Tierkreis mit zwölf gleichen Abschnitten. Griechen und Ägypter übernahmen ihn, die römische Astrologie machte ihn zum Fundament des Horoskops, und seitdem hat sich die Erdachse weitergedreht. Wer heute sein Sternzeichen nennt, benutzt ein Koordinatensystem, das zweieinhalb Jahrtausende alt ist und mit dem Himmel darüber nicht mehr übereinstimmt. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Tierkreis ist eines der langlebigsten Werkzeuge der Menschheit. Er entstand in Babylon, als die Gelehrten den Weg des Mondes durch die Sterne in zwölf gleiche Abschnitte teilten, und er überlebte Perser, Griechen, Römer und die moderne Astronomie. Nur der Himmel hat sich seither weitergedreht. Wer heute als Widder geboren wird, kommt zur Welt, während die Sonne in den Fischen steht.

Zwölf Zeichen, jedes für einen Monat, jedes mit einem Tier oder einer Figur: Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische. Kaum eine Liste ist so weltweit bekannt, und kaum eine hat eine so verschlungene Herkunft. Das Wort Zodiak stammt aus dem Griechischen, wo zodiakos kyklos den Kreis der Lebewesen bezeichnete. Die Idee dahinter ist aber älter als Griechenland. Sie stammt aus Mesopotamien, aus den Tempeln und Palastschulen zwischen Euphrat und Tigris, wo Schreiber über Jahrhunderte den Himmel beobachteten und auf Tontafeln notierten, was Sonne, Mond und Planeten taten.

Das wichtigste dieser Werke heißt nach seinen Anfangsworten MUL.APIN, was Pflugstern bedeutet. Es fasst auf zwei Tafeln das astronomische Wissen Babyloniens zusammen: Sternlisten, Auf- und Untergangsdaten, Kalenderregeln, Schaltjahre, Planetenbahnen. Die ältesten erhaltenen Abschriften stammen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, doch der Astrophysiker Bradley Schaefer datierte die darin verzeichneten Beobachtungen statistisch auf etwa 1370 vor Christus. In der sechsten Liste des ersten Teils steht etwas, das es zuvor nirgends gab: die Sternbilder im Mondpfad, also jene 17 oder 18 Sterngruppen, durch die der Mond im Lauf eines Monats wandert. Darunter finden sich bereits die Namen, die später den zwölf Zeichen gehören.

Wie in Babylon aus 18 Sternbildern zwölf Zeichen wurden

Zwischen dem Mondpfad des MUL.APIN und dem Tierkreis liegen Jahrhunderte und ein Schritt von der Beobachtung zur Mathematik. Die babylonischen Sternbilder waren unterschiedlich groß, der Mond blieb in manchen nur kurz, in anderen lange. Für Rechnungen taugte das nicht. Vermutlich ab dem 7. Jahrhundert und spätestens im 5. Jahrhundert vor Christus, in der Zeit, als das Perserreich Babylon beherrschte, teilten die Gelehrten den Weg der Sonne, die Ekliptik, in zwölf gleich lange Abschnitte zu je 30 Grad und gaben jedem den Namen eines Sternbilds, das ungefähr dort lag. Vorbild war offenbar der babylonische Idealkalender mit zwölf Monaten zu je 30 Tagen, der mit dem Frühlingsmonat Nisannu begann; entsprechend beginnt der Tierkreis mit dem Widder.

Aus dem Stier, dem Skorpion oder dem Löwen, die schon als Sternbilder existierten, wurden nun Zeichen, also Koordinatenfelder. Die Waage ist das jüngste von allen und eine Konstruktion: Die Sterne, die sie bilden, hatten die Babylonier zuvor als Scheren des Skorpions bezeichnet. Mit dem neuen Raster ließen sich Planetenpositionen erstmals vorausberechnen, und aus dem Beobachten von Omen wurde eine rechnende Astronomie. Die älteste erhaltene Geburtsdeutung stammt aus dem Jahr 410 vor Christus. Auf einer Tafel ist verzeichnet, dass bei der Geburt eines Kindes der Mond unter dem Horn des Skorpions stand, Jupiter in den Fischen, Venus im Stier und Saturn im Krebs. Es ist das erste Horoskop der Welt. Wie beiläufig babylonische Tontafeln auch den Alltag festhielten, zeigt eine 3.800 Jahre alte Kundenbeschwerde aus Ur.

Der Weg über Ägypten nach Griechenland und Rom

Mit den Eroberungen Alexanders des Großen gelangte der babylonische Tierkreis nach Ägypten und in die griechische Welt. In Alexandria verband man ihn mit den ägyptischen Dekansternen, deren Aufgang die Nachtstunden anzeigte, und teilte jedes Zeichen in drei Abschnitte zu je zehn Grad. Das berühmteste Bild dieser Verschmelzung ist der Tierkreis von Dendera, ein Deckenrelief aus dem 1. Jahrhundert vor Christus, das heute im Louvre hängt und den babylonischen Kreis in ägyptischer Bildsprache zeigt. Griechische Gelehrte machten aus dem Rechenraster ein Deutungssystem: Sie ordneten den Zeichen Elemente, Planeten und Charaktere zu und schufen jene Astrologie, die Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert nach Christus in seinem Tetrabiblos zusammenfasste und die im Kern bis heute gültig ist.

Zugleich hatte ein Grieche entdeckt, dass das Fundament wackelt. Hipparchos von Nicäa verglich im 2. Jahrhundert vor Christus seine Sternpositionen mit älteren Aufzeichnungen und stellte fest, dass sich der Frühlingspunkt, der Ort, an dem die Sonne zur Tagundnachtgleiche steht, langsam entlang der Ekliptik verschiebt. Die Erdachse taumelt wie ein Kreisel und beschreibt in rund 25.800 Jahren einen vollen Kegel, weshalb der Frühlingspunkt alle 72 Jahre um ein Grad zurückwandert. Die Astronomen nennen das Präzession, und sie ist der Grund, warum der Tierkreis heute nicht mehr stimmt. Der Arbeitskreis für Vergleichende Mythologie beschreibt die Herkunft der einzelnen Zeichen in einem Beitrag zur Geschichte des Tierkreises.

Warum das Sternzeichen nicht zum Sternbild passt

Als der Tierkreis in Babylon festgelegt wurde, fiel der Frühlingspunkt tatsächlich in das Sternbild Widder. Seitdem sind zweieinhalb Jahrtausende vergangen, und der Punkt ist um rund 24 Grad, also fast ein ganzes Zeichen, zurückgewandert und liegt heute in den Fischen. Die westliche Astrologie hat sich für den tropischen Tierkreis entschieden, der am Frühlingspunkt beginnt und mit den Jahreszeiten verknüpft ist, gleichgültig, welche Sterne dahinterstehen. Wer zwischen dem 21. März und dem 20. April geboren ist, gilt als Widder, obwohl die Sonne in diesen Wochen vor den Sternen der Fische steht. Die indische Astrologie nutzt dagegen den siderischen Tierkreis, der sich an den Sternbildern orientiert, und verschiebt alle Zeichen entsprechend.

Noch etwas passt nicht: Die Sonne wandert im Lauf eines Jahres nicht durch zwölf, sondern durch dreizehn Sternbilder. Zwischen Skorpion und Schütze durchquert sie vom 30. November bis zum 18. Dezember den Schlangenträger, ein großes Sternbild, das im Tierkreis nie einen Platz bekam, weil die Babylonier zwölf Monate zu vergeben hatten und nicht dreizehn. Die Grenzen der heutigen Sternbilder wurden ohnehin erst 1928 von der Internationalen Astronomischen Union festgelegt, und die Sonne bleibt in der Jungfrau 45 Tage, im Skorpion aber nur sechs. Das Raster aus zwölf gleichen Feldern hat mit den ungleichen Sternbildern am Himmel nur noch die Namen gemeinsam.

Was vom babylonischen Himmel geblieben ist

In der wissenschaftlichen Astronomie spielt der Tierkreis keine Rolle mehr; sie rechnet in Graden der Ekliptik, ohne Widder und Fische. Und doch wirkt Babylon bis in die Gegenwart. Die Einteilung des Kreises in 360 Grad, die Stunde in 60 Minuten, die Minute in 60 Sekunden gehen auf dasselbe Sechzigersystem zurück, in dem die Schreiber des MUL.APIN rechneten. Die zwölf Monate, der siebentägige Rhythmus der Woche und die Namen der Planeten nach Göttern haben denselben Ursprung.

Der Tierkreis ist damit weniger ein Stück Aberglaube als ein Fossil: die älteste Koordinatenlinie, die Menschen an den Himmel gelegt haben, um ihn berechenbar zu machen. Dass die Sterne seither um ein ganzes Zeichen weitergerückt sind und ein dreizehntes nie aufgenommen wurde, ändert daran nichts. Wer sein Sternzeichen nennt, spricht eine Sprache, die vor 2.500 Jahren in Babylon erfunden wurde, und benutzt dabei einen Himmel, den es so nicht mehr gibt.

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