Lug und Trug

Der Mann, der Poyais erfand und ein ganzes Land verkaufte

Der Mann, der Poyais erfand und ein ganzes Land verkaufte
(Symbolbild). Dichter Mangrovensaum an einer flachen Küste Mittelamerikas, menschenleer, ohne Hafen und ohne Straße. Genau eine solche Küste fanden 1823 die Auswanderer vor, die im Vertrauen auf Landkarten und Prospekte nach Poyais gesegelt waren. Auf dem Papier lag dort eine Hauptstadt mit Regierungsgebäuden, Theater und Bankwesen. Vor Ort gab es nichts davon, und für die Ankömmlinge begann damit der schwierigste Teil ihrer Reise. (Foto: © Forschung und Wissen)

Im Herbst 1822 verließ eine Brigg den Londoner Hafen mit rund 70 Auswanderern an Bord, wenige Monate später folgte ein zweites Schiff aus Leith mit knapp 200 Menschen. Sie hatten Ersparnisse in Landzertifikate gesteckt, Werkzeug gekauft, Berufe aufgegeben und Verwandten Lebewohl gesagt. Ihr Ziel war das mittelamerikanische Fürstentum Poyais mit der Hauptstadt St. Joseph. Dieses Land hat es nie gegeben. Erfunden hatte es ein schottischer Offizier, der in London gleichzeitig Staatsanleihen darauf verkaufte.

Gregor MacGregor wurde am 24. Dezember 1786 in Edinburgh geboren und war zunächst nichts anderes als ein Berufssoldat. Von 1803 bis 1810 diente er in der britischen Armee, danach schloss er sich den südamerikanischen Unabhängigkeitskriegen an und stieg dort zum General auf. 1820 schloss er an der Moskitoküste, einem Küstenstreifen im Gebiet des heutigen Honduras und Nicaragua, einen Vertrag mit dem lokalen Herrscher George Frederic Augustus. Der überließ ihm ein weitgehend unbesiedeltes Gebiet zur Kolonisierung. Rechtlich war das ein dünnes Papier über ein Stück Regenwald ohne Infrastruktur. In MacGregors Erzählung wurde daraus ein souveräner Staat mit ihm selbst an der Spitze, als Kazike und Fürst von Poyais.

Zurück in London traf er auf einen Kapitalmarkt in Hochstimmung. Nach dem Zerfall der spanischen Kolonialherrschaft legten die neuen Staaten Südamerikas reihenweise Anleihen in der britischen Hauptstadt auf, mit Verzinsungen von etwa sechs Prozent, ungefähr dem Doppelten britischer Staatspapiere. Anleger suchten Rendite, Auswanderungswillige suchten Land, und beide Gruppen waren bereit, weit entfernten Versprechen zu glauben. In dieses Umfeld setzte MacGregor ein Angebot, das äußerlich exakt so aussah wie die anderen. Es gab eine Flagge, eine Verfassung, Bankwesen, Uniformen, Landkarten und sogar eigene Banknoten. Der entscheidende Unterschied bestand darin, dass hinter dem Angebot kein Staat stand, sondern nur ein Mann mit einer Geschichte.

Vom Söldnerführer zum Fürsten von Poyais

Poyais war ein Fantasiestaat an der Moskitoküste, den Gregor MacGregor zwischen 1821 und 1837 als reale Kolonie vermarktete. Er verkaufte Landzertifikate und Staatsanleihen, rund 250 Menschen wanderten tatsächlich dorthin aus, und mehr als die Hälfte von ihnen starb. Weniger als 50 Auswanderer kehrten Ende 1823 nach Großbritannien zurück.

Der Aufbau der Täuschung folgte einem klaren Muster. Zuerst kam die gesellschaftliche Position: MacGregor trat mit seiner Frau in der Londoner Oberschicht auf, ließ sich als Fürst ansprechen und ernannte zahlungswillige Briten gegen Gebühr zu Amtsträgern seines Landes. Dann kam die Beglaubigung durch scheinbar unabhängige Quellen. 1822 erschien in London ein Buch mit dem Titel "Sketch of the Mosquito Shore, Including the Territory of Poyais", verfasst angeblich von einem Captain Thomas Strangeways. Dieser Autor existierte nicht. Das Werk beschrieb fruchtbare Böden, drei Ernten im Jahr, klares Wasser, ein gesundes Klima sowie Gold und Silber in den Flüssen. Es war ein Reiseführer für ein Gebiet, das niemand der Leser je gesehen hatte.

Die Anleihe über 200.000 Pfund

Der finanzielle Kern des Betrugs war professionell konstruiert. Landzertifikate verkaufte MacGregor zunächst für zwei Shilling und drei Pence pro Acre, ungefähr einen Tageslohn eines Arbeiters. Die Nachfrage war so groß, dass er den Preis im Juli 1822 anhob und später auf vier Shilling verdoppelte. Im Oktober 1822 folgte der eigentliche Coup: Über das angesehene Londoner Bankhaus Sir John Perring, Shaw, Barber und Co. legte er eine Anleihe über 200.000 Pfund zur Konsolidierung des Staates Poyais auf, mit sechs Prozent Verzinsung und 30 Jahren Laufzeit, ausgegeben zu 80 Prozent des Nennwerts. Die Papiere waren innerhalb weniger Wochen gezeichnet. Als Sicherheit dienten die künftigen Einnahmen einer Regierung, die es nicht gab.

Dass solche Konstruktionen funktionieren, liegt selten an technischer Raffinesse und fast immer daran, dass eine vertrauenswürdige Institution ungeprüft mitspielt. Dasselbe Muster zeigt sich ein Jahrhundert später beim Falschgeld-Betrug von Alves dos Reis, bei dem eine offizielle Druckerei den Auftrag eines Betrügers ausführte, ohne bei der Zentralbank nachzufragen. Bei MacGregor übernahm ein Bankhaus die Platzierung, ohne die Existenz des Emittenten zu prüfen. Beglaubigte Dokumente, ein souveräner Titel und ein selbstbewusstes Auftreten reichten aus. Genau dieselben Papiere überzeugten anschließend die Auswanderer, denn wer eine Staatsanleihe kaufen kann, so der Umkehrschluss vieler Käufer, muss auch einen Staat haben.

Was die Auswanderer am Schwarzen Fluss vorfanden

Am 10. September 1822 legte die Brigg Honduras Packet in London ab, mit etwa 70 Auswanderern, überwiegend Schotten. Unter ihnen waren nicht nur Bauern und Handwerker, sondern auch Ärzte, Ingenieure und Bankangestellte. Anfang 1823 folgte die Kennersley Castle aus Leith mit knapp 200 weiteren Menschen. Was sie am Ziel erwartete, war ein flacher Küstenabschnitt am sogenannten Schwarzen Fluss, dichter Wald und ein Klima, in dem Gelbfieber und Malaria umgingen. Von der Hauptstadt St. Joseph fehlte jede Spur. Von einem Hafen ebenfalls. Die ortsansässige Bevölkerung war selbst arm und konnte die Neuankömmlinge nicht versorgen. Die Siedler kampierten am Strand und begannen zu erkranken.

Im April 1823 erreichte ein Schiff aus dem britisch verwalteten Belize die Küste und evakuierte die Überlebenden. Von den rund 250 Menschen, die aufgebrochen waren, starben mehr als die Hälfte. Weniger als 50 kamen Ende 1823 nach Großbritannien zurück. Zeitgenössische Berichte darüber erschienen unter anderem im Scots Magazine, die anschließenden Gerichtsverfahren sind in den britischen Rechtsakten der Zeit dokumentiert. Wer diesen Aktenbestand nachvollziehen möchte, findet die zuständige Überlieferung bei den britischen Staats- und Justizakten des 19. Jahrhunderts. Bemerkenswert ist, dass ein Teil der Heimkehrer MacGregor öffentlich verteidigte und die Schuld bei den Organisatoren der Überfahrt suchte.

Warum MacGregor nie verurteilt wurde

Der Fantasiestaat wurde 1824 per Dekret der neu gegründeten Republik Kolumbien für nichtig erklärt. Das hinderte MacGregor nicht daran, 1825 und 1826 zwei weitere Poyais-Anleihen zu platzieren. Als die Lage in London zu heikel wurde, verlegte er den Betrieb nach Paris und warb dort um französische Siedler. 1826 stand er in Frankreich zusammen mit drei Mitangeklagten vor Gericht, verurteilt wurde jedoch nur ein Mitarbeiter. Er selbst kam frei. In den folgenden Jahren versuchte er in kleinerem Maßstab weiter, Land in Poyais zu verkaufen, 1834 erneut in Schottland. 1836 veröffentlichte er sogar eine eigene Verfassung für die Moskitoküste, die sich an der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung orientierte.

1838 zog er nach Venezuela, wo man ihn als Veteran der Unabhängigkeitskriege empfing. Sein Antrag auf Staatsbürgerschaft, Wiedereinsetzung in den Generalsrang und Pension wurde bewilligt. Er starb 1845 in Caracas, ohne je für den Poyais-Betrug bestraft worden zu sein, und wurde mit militärischen Ehren bestattet. Übrig blieben Anleihen, die niemand einlöste, Landurkunden für Parzellen, die auf keiner Karte lagen, und die Namen von Menschen, die an einer Küste starben, an der es nichts gab außer Wald. Der Fall Poyais gilt bis heute als Maßstab dafür, wie weit ein Betrug reichen kann, wenn er nicht ein Produkt fälscht, sondern ein ganzes Land.

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