Rekord

Der langsamste Marathon der Welt dauerte 54 Jahre

Der langsamste Marathon der Welt dauerte 54 Jahre
(Symbolbild). Der langsamste Marathon der Welt begann am 14. Juli 1912 im Olympiastadion von Stockholm, bei Temperaturen um 32 Grad Celsius und mit nur vier Verpflegungsstellen auf der gesamten Strecke. Von 68 Startern erreichten 36 das Ziel, ein Läufer starb, und ein weiterer verschwand für Jahrzehnte aus den Ergebnislisten. Hitzeerschöpfung war an diesem Tag kein Randproblem, sondern der Normalfall. (Foto: © Forschung und Wissen)

Am 14. Juli 1912 gingen in Stockholm 68 Läufer auf die olympische Marathonstrecke, und einer von ihnen kam erst 1967 im Ziel an. Der langsamste Marathon der Welt steht bis heute in den Rekordbüchern, mit einer Endzeit von 54 Jahren, 8 Monaten, 6 Tagen, 5 Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden. Dahinter steckt kein Scherz, sondern ein Hitzerennen, ein schwedischer Garten und ein Missverständnis, das sich über ein halbes Jahrhundert hielt. Die Geschichte von Shizo Kanakuri erklärt zugleich, warum Marathonläufer damals fast nichts tranken.

Wer nach dem Titel langsamster Marathon der Welt sucht, landet bei einem Rennen, das gar nicht langsam gelaufen wurde. Am 14. Juli 1912 startete in Stockholm der olympische Marathon, und unter den 68 Startern stand ein 20-jähriger Japaner namens Shizo Kanakuri. Olympische Spiele waren damals noch ein junges Format, Japan nahm zum ersten Mal überhaupt teil und schickte genau zwei Sportler nach Schweden, einen Sprinter und einen Marathonläufer. Kanakuri hatte sich im November 1911 mit einer Zeit im Bereich von zweieinhalb Stunden über eine 40 Kilometer lange Ausscheidungsstrecke empfohlen, was in Japan als Weltrekord gefeiert wurde, international aber nie anerkannt war, weil die Distanz zu kurz ausfiel. Für die Reise sammelten seine Kommilitonen und sein ältester Bruder Geld, weil niemand sonst die Kosten übernahm. Was in Stockholm folgte, wurde zum bekanntesten Rennabbruch der Sportgeschichte.

Der Renntag brachte eine für Schweden ungewöhnliche Hitze mit Temperaturen um 32 Grad Celsius, dazu eine Streckenführung über Landstraßen aus Kies und Kopfsteinpflaster. Die Sportmedizin der Zeit hielt Trinken während eines Wettkampfs für schädlich, weil Schwitzen als Zeichen von Schwäche galt und Flüssigkeit angeblich schwer im Magen liegt. Auf der gesamten Runde standen deshalb nur vier Verpflegungsstellen. Von den 68 Startern erreichten 36 das Ziel, der Rest brach zusammen oder gab auf, und der amtierende Olympiasieger Johnny Hayes nannte das Rennen später eine Schande für die Zivilisation. Der portugiesische Läufer Francisco Lázaro kollabierte auf der Strecke und starb am nächsten Morgen im Krankenhaus, als erster Todesfall bei olympischen Wettkämpfen. In den Listen fehlte außerdem ein Name ohne jede Erklärung, weil sich Kanakuri bei keinem Kampfrichter abgemeldet hatte.

Der langsamste Marathon der Welt entstand aus einer Protokolllücke

Der langsamste Marathon der Welt entstand nicht durch langsames Laufen, sondern durch eine offene Zeitmessung. Shizo Kanakuri brach den olympischen Marathon 1912 in Stockholm ab, ohne sich abzumelden. Erst am 20. März 1967 lief er als 75-Jähriger durch dasselbe Ziel. Gewertet wurde die gesamte Zeitspanne dazwischen.

Was Kanakuri auf der Strecke erlebte, ist medizinisch gut beschreibbar. Bei Lufttemperaturen um 32 Grad Celsius kann der Körper die im Muskel entstehende Wärme über Schweiß und Hautdurchblutung nicht mehr vollständig abführen, die Körperkerntemperatur steigt, und mit ihr brechen Kreislauf und Konzentration ein. Schwindel, Übelkeit und Muskelschwäche gehören zu den typischen Zeichen einer Hitzeerschöpfung, die dem Hitzschlag unmittelbar vorausgeht. Wie schnell Wärme allein das Blut verändert, zeigen Messungen zu einem einzelnen Saunagang bei 73 Grad, bei denen sich Zellzahlen innerhalb weniger Minuten verschieben. Kanakuri lief zusätzlich in dünnen Stoffschuhen, die auf Kies und Pflaster aufgerieben wurden. Nach rund 26 Kilometern verließ er die Strecke.

Achtzehn Tage Anreise mit Schiff und Transsibirischer Eisenbahn

Die Reise nach Schweden war Teil des Problems. Beide japanischen Athleten mussten ihre Kosten von je 1.800 Yen selbst aufbringen, eine Summe, die für Kanakuri größtenteils durch eine landesweite Sammlung seiner Kommilitonen zusammenkam. Die Strecke führte per Schiff von Japan nach Wladiwostok, dann mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch Russland und über Finnland nach Stockholm, insgesamt rund 18 Tage. Kanakuri kam geschwächt an, hatte mit dem ungewohnten Essen zu kämpfen und brauchte mehrere Tage, bevor er überhaupt wieder trainieren konnte. Zwischen der letzten Erholung und dem Start lagen nur wenige Tage. Ein Läufer, der ein Jahr zuvor über 40 Kilometer eine Spitzenzeit gelaufen war, ging damit bereits ausgezehrt auf die Strecke, und die Hitze traf ihn ungefiltert.

Ein Gartenfest in Tureberg beendete das olympische Rennen

Nach etwa 26 Kilometern verließ Kanakuri die Straße und geriet in den Garten eines Hauses im Vorort Tureberg, dem heutigen Sollentuna. Dort feierte die Familie Petré ein Gartenfest. Die Gastgeber holten den entkräfteten Läufer herein, gaben ihm Saft und Gebäck und ließen ihn ausruhen. Etwa eine Stunde blieb er, dann entschied er, nicht mehr auf die Strecke zurückzukehren. Er nahm einen Zug in die Stadt, wartete im Hotel auf sein Schiff und reiste nach Japan ab, ohne jemanden zu informieren. In seiner eigenen Darstellung war Scham der Grund, weil er im Namen seines Landes verloren hatte. Aus Sicht des Wettkampfbüros blieb eine Startnummer ohne Ergebnis stehen, und genau dieser Rennabbruch ohne Abmeldung wurde zum Kern der ganzen Geschichte.

Aus einem Rennabbruch wurde der vermisste Japaner

Die verbreitete Version, Schweden habe Kanakuri ein halbes Jahrhundert lang offiziell als vermisst geführt, hält der Prüfung nicht stand. Schwedische Zeitungen berichteten bereits 1912 über den Japaner, der aus dem Rennen verschwunden war, und Kanakuri startete 1920 in Antwerpen erneut über die Marathondistanz, wo er als 16. gewertet wurde. Die Legende wuchs erst in den 1950er Jahren, als der Sportjournalist Oscar Söderlund seine Leser scherzhaft aufforderte, dem angeblich immer noch laufenden Kanakuri auszurichten, dass das Rennen vorbei sei. 1954 druckte Svenska Dagbladet eine Notiz, er sei in Schweden geblieben, heiße jetzt Svensson und arbeite als Gärtner, Schornsteinfeger und Bäcker. Der Historiker Björn Lundberg hat diese Entstehung nachgezeichnet, und das schwedische Olympische Komitee führt die Episode bis heute unter dem Titel vom Japaner, der abhandenkam.

Der Zieleinlauf von 1967 und eine Zeit mit 20,3 Sekunden

1967 suchte ein schwedisches Fernsehteam den inzwischen 75-Jährigen in seiner Heimatregion um Tamana auf und lud ihn nach Stockholm ein, offiziell zum Jubiläum der Spiele von 1912. Am 20. März 1967 lief Kanakuri im Mantel durch das Ziel des alten olympischen Kurses. Ob er die Reststrecke tatsächlich zu Fuß zurücklegte, ist nicht eindeutig belegt, gewertet wurde der Zieldurchlauf trotzdem. Die Stadionansage nannte eine Endzeit von 54 Jahren, 8 Monaten, 6 Tagen, 5 Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden und erklärte damit die Spiele von 1912 für beendet. Kanakuri sagte anschließend, es sei eine lange Reise gewesen, auf der er geheiratet und sechs Kinder sowie zehn Enkel bekommen habe. Als Guinness-Weltrekord für die längste Zeit über eine Marathondistanz steht der Wert bis heute.

Was von Kanakuri in Japan und in Schweden geblieben ist

In Japan gilt Kanakuri als Vater des Marathonlaufs. 1920 gehörte er zu den Gründern des Hakone Ekiden, eines zweitägigen Staffellaufs zwischen Tokio und Hakone, der jedes Jahr Millionen Fernsehzuschauer erreicht, und seit 2004 trägt dessen wichtigste Auszeichnung seinen Namen. Er startete 1920 in Antwerpen und 1924 in Paris erneut bei olympischen Marathons, bildete später Läuferinnen aus und brachte blinden Kindern das Laufen an einer gespannten Schnur bei. Wie stark die Laufleistung mit den Jahrzehnten nachlässt, lässt sich inzwischen recht genau vorhersagen. Kanakuri starb 1983 im Alter von 92 Jahren, sein Geburtshaus in Nagomi ist heute ein Museum, und in Sollentuna erinnert eine Tafel an die Stelle, an der das Haus der Familie Petré stand.

Bei seinem Besuch 1967 kehrte Kanakuri in diesen Garten zurück und trank mit Bengt Petré, dem Sohn seiner damaligen Gastgeber, noch einmal ein Glas Saft. Dabei zeigte ihm die Familie ihr Erbstück, eine japanische Schriftrolle, die Kanakuri nach 1912 als Dank geschickt hatte und die 55 Jahre lang ungelesen im Haus hing. Er musste einräumen, dass es sich um ein altes Zollformular handelte. Der Wert von 54 Jahren taucht in keiner Bestenliste des Laufsports auf und wird trotzdem geführt, weil er eine Lücke im Protokoll misst und keine sportliche Leistung. Was 1912 wirklich geschah, war ein Hitzerennen, das ein Drittel des Feldes ausschaltete, einen Läufer das Leben kostete und einen anderen in einen fremden Garten trieb.

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