Beben im Rheinland

Das stärkste Erdbeben Deutschlands

Das stärkste Erdbeben Deutschlands
(Symbolbild) Im Februar 1756 stürzten zwischen Aachen und Bad Münstereifel Teile von Stadtmauern, Kirchen und Wohnhäusern ein. Das Erdbeben bei Düren gilt bis heute als das stärkste Erdbeben Deutschlands, das in schriftlichen Quellen überliefert ist. Die Erschütterungen reichten weit über das Rheinland hinaus und richteten selbst in Köln Schäden an. Auffällig ist, was in den Wochen vor dem Hauptstoß geschah. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Am Morgen des 18. Februar 1756 bebte bei Düren die Erde so heftig, dass Stadtmauern einstürzten und in Aachen Menschen von Trümmern erschlagen wurden. Bis heute gilt das Ereignis als das stärkste Erdbeben Deutschlands, das Chronisten festgehalten haben. Doch der Stoß traf eine Region, die schon seit Wochen zitterte. Und der Untergrund, der ihn auslöste, ist bis heute in Bewegung.

Gegen acht Uhr morgens gerieten am 18. Februar 1756 zwischen Aachen, Düren, Jülich und Bad Münstereifel Häuser, Kirchen und Stadtmauern ins Wanken. In Düren starben zwei Menschen, in Aachen wurden ebenfalls zwei Personen von herabstürzenden Trümmern erschlagen, ein weiterer Mann wurde schwer verletzt. Das Erdbeben Düren 1756 gilt nach der Auswertung der überlieferten Schäden als das stärkste Erdbeben Deutschlands seit Beginn der schriftlichen Aufzeichnungen. Seismologen schätzen seine Magnitude auf rund 6,4, einzelne neuere Auswertungen nennen eine Spanne ab 5,7. Die Schäden entsprechen der Intensitätsstufe VIII, bei der auch massiv gebaute Häuser Risse bekommen, Gewölbe nachgeben und Schornsteine reihenweise von den Dächern fallen. Der Erdbebenherd lag nach heutigen Schätzungen in 14 bis 16 Kilometern Tiefe unter dem Rheinland, also weit unter den Städten, deren Bewohner an diesem Morgen aus ihren Häusern flohen.

Das Beben war kein einzelner Schlag aus heiterem Himmel. Es bildete den Höhepunkt einer Erdbebenserie, die schon an Weihnachten 1755 begonnen hatte und die Menschen im Raum Aachen und Düren über Monate in Atem hielt. Nachbeben waren noch Jahre später zu spüren. Die Region, in der sich all das abspielte, heißt Niederrheinische Bucht, und sie zählt bis heute zu den seismisch aktivsten Gebieten Deutschlands. Erdbeben in Deutschland gelten vielen Menschen als Randerscheinung, doch das Rheinland wurde seither mehrfach kräftig durchgeschüttelt, zuletzt spürbar im April 1992. Wer verstehen will, warum ausgerechnet dieser Landstrich bebt und was ein Stoß wie 1756 heute anrichten würde, muss zurück in den Winter vor 270 Jahren blicken, als Chronisten, Pfarrer und Ratsschreiber Riss für Riss notierten, was die Erde mit ihren Städten machte.

Der 18. Februar 1756: Das stärkste Erdbeben Deutschlands in Zahlen

Das stärkste Erdbeben Deutschlands ereignete sich am 18. Februar 1756 gegen acht Uhr morgens mit dem Zentrum bei Düren. Es erreichte nach heutiger Schätzung eine Magnitude von etwa 6,4 und die Intensität VIII. Mehrere Menschen starben, viele Gebäude zwischen Aachen, Jülich und Bad Münstereifel wurden schwer beschädigt oder zerstört.

Besonders hart traf es die Städte am Rand der Eifel. Teile der Stadtmauern von Düren und Bad Münstereifel stürzten ein oder wurden so stark beschädigt, dass sie abgestützt werden mussten. In Aachen gab das Gewölbe über dem Archiv im Rathaus nach, auch Kirchen und Klöster trugen schwere Schäden davon. Überliefert sind außerdem erhebliche Zerstörungen in Stolberg, Eschweiler, Zülpich und Jülich, also in einem Gürtel von mehr als 40 Kilometern Breite. Kleinere Gebäudeschäden meldeten Köln, Düsseldorf, Wesel, Maastricht, Lüttich und Koblenz. Selbst in Osnabrück, Paderborn, Frankfurt am Main und Brüssel bröckelte noch der Verputz von den Wänden. Gemessen an der Stärke blieb die Zahl der Toten gering, was vor allem an der Uhrzeit lag: Um acht Uhr morgens waren viele Menschen bereits auf den Beinen und nicht in ihren Betten, über die in anderen Bebennächten Decken und Kamine zusammenbrachen.

Schon an Weihnachten 1755 zitterten Aachen und Düren

Für viele Bewohner kam der Februarstoß nicht überraschend. Bereits am 26. und 27. Dezember 1755 erschütterten zwei kräftige Beben die Region, die in historischen Katalogen mit der Intensität VI bis VII geführt werden. Das zweite davon erreichte nach heutigen Schätzungen eine Magnitude von 5,7 und zählte damit selbst schon zu den stärksten Erdbeben in Deutschland in historischer Zeit. In Aachen stürzten zahlreiche Schornsteine ein, es gab mehrere Verletzte und möglicherweise einen Toten. Kleinere Schäden reichten bis nach Düsseldorf, gespürt wurde das Beben bis in die Mitte Deutschlands und nach Westbelgien. Danach kam die Erde nicht mehr zur Ruhe. Immer wieder rüttelten kleinere Stöße an Häusern, die bereits beschädigt waren, bis sich die Spannung im Untergrund am 18. Februar mit voller Wucht entlud. Die Erdbebenserie zog sich damit über fast zwei Monate, bevor der Hauptstoß kam.

Auch nach dem Höhepunkt blieb es unruhig. Spürbare Nachbeben traten nach Auswertungen historischer Kataloge bis mindestens 1766 auf, also noch zehn Jahre später. Bemerkenswert ist ein Schwarm kleinerer Erdbeben im Jahr 1762 bei Zülpich, deutlich abseits des ursprünglichen Herdgebiets. Seismologen halten es für möglich, dass die vorangegangenen Beben diese Serie ausgelöst haben, indem sie Spannungen im Gestein verlagerten. Für die Menschen der Region bedeutete das ein ganzes Jahrzehnt, in dem jeder Stoß die Angst vor einem neuen Februar 1756 weckte.

Wie weit das Erdbeben Düren 1756 gespürt wurde

Das Schüttergebiet, also der Bereich, in dem Menschen die Erschütterungen wahrnahmen, war für ein mitteleuropäisches Beben außergewöhnlich groß. Berichte liegen aus Straßburg, Magdeburg, Amsterdam, Antwerpen und Paris vor, auf der anderen Seite des Ärmelkanals verspürten Menschen in Dover und London die Bewegung des Bodens. Die Universität zu Köln, die in Bensberg eine eigene Erdbebenstation betreibt, erinnerte zum 250. Jahrestag des Dürener Bebens daran, dass die Schäden bis nach Brüssel, Gießen und Osnabrück reichten. Solche Reichweiten sind typisch für Beben, deren Herd relativ tief liegt: Die Energie verteilt sich über eine große Fläche und dringt weit ins Land vor, auch wenn sie in der Ferne nur noch als Schwanken von Möbeln und Klirren von Geschirr ankommt.

Eine historische Besonderheit überliefern Aachener Quellen des frühen 19. Jahrhunderts: Chronisten berichteten von Veränderungen an den heißen Quellen der Stadt nach den Erschütterungen. Solche Reaktionen sind geologisch plausibel, denn Erdbeben können die Wege verändern, auf denen Wasser durch Klüfte im Gestein aufsteigt. Instrumente, die das Beben hätten aufzeichnen können, gab es 1756 noch nicht. Alles, was heute über Stärke und Lage des Herdes bekannt ist, beruht auf der mühsamen Auswertung von Schadensberichten, Briefen, Kirchenbüchern und Ratsprotokollen. Deshalb nennen Fachleute für die Magnitude bewusst eine Schätzung und keine exakte Zahl.

Warum die Erde ausgerechnet in der Niederrheinischen Bucht bebt

Deutschland liegt weit entfernt von den Rändern der großen Erdplatten, an denen sich die zerstörerischsten Beben der Welt ereignen. Trotzdem steht das Land nicht auf völlig ruhigem Grund. Die Afrikanische Platte schiebt sich langsam gegen Europa, und dieser Druck überträgt sich bis weit ins Innere des Kontinents. In der Niederrheinischen Bucht, einem Senkungsgebiet zwischen Eifel und Bergischem Land, ist die Erdkruste von zahlreichen Bruchlinien durchzogen. Einzelne Gesteinsschollen heben und senken sich dort in rund 20 Kilometern Tiefe gegeneinander. Verhaken sie sich, baut sich über Jahrhunderte Spannung auf, die sich irgendwann ruckartig entlädt. Genau so ein Ruck war der Stoß vom Februar 1756.

Die Bewegungen sind langsam, aber messbar, und sie haben die Landschaft geformt. Die Niederrheinische Bucht sinkt seit Millionen Jahren ein und hat dabei mächtige Schichten aus Sand, Kies und Braunkohle aufgenommen, die heute im Tagebau sichtbar sind. Neben dem Rheinland zählen die Schwäbische Alb, das Vogtland und der Oberrheingraben zu den Regionen mit erhöhtem Erdbebenrisiko in Deutschland. Das Geoforschungszentrum Potsdam gibt an, dass Beben der Magnitude 5, bei denen Ziegel und Schornsteine von den Dächern fallen, in Deutschland im Durchschnitt etwa alle zehn Jahre vorkommen. Beben in der Größenordnung von 1756 sind deutlich seltener, aber geologisch nicht ausgeschlossen. Wie weit sich Erschütterungen im Untergrund fortpflanzen können, zeigt auch ein Fall aus Amerika, bei dem in der Wüste Nevadas ein wassergefüllter Felsschacht auf ein Beben in Mexiko reagierte.

Roermond 1992 zeigte, was ein Beben heute anrichtet

Wie verletzlich das dicht besiedelte Rheinland ist, zeigte sich in der Nacht zum 13. April 1992. Um drei Uhr morgens erschütterte ein Beben der Magnitude 5,9 das deutsch-niederländische Grenzgebiet, das Epizentrum lag wenige Kilometer südwestlich von Roermond. Es war das stärkste Beben im Rheinland seit 1756. In Köln stürzten Dachziegel und Fassadensteine auf die Straßen, im Dom brach ein Ornament ab und fiel ins Kirchenschiff. Ein Mensch kam ums Leben, die Sachschäden summierten sich auf rund 150 Millionen D-Mark auf deutscher und 170 Millionen Gulden auf niederländischer Seite. Weil das Beben mitten in der Nacht kam, als die Straßen leer waren, blieb die Bilanz vergleichsweise glimpflich.

Roermond 1992 war rund dreimal schwächer als das Dürener Beben, wenn man die Magnituden vergleicht, denn jeder Schritt auf der Skala steht für eine deutlich größere freigesetzte Energie. Zwischen beiden Ereignissen liegen weitere kräftige Stöße, darunter ein schweres Beben 1878 bei Tollhausen nahe Elsdorf. Fachleute der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe warnen deshalb vor einem trügerischen Gefühl der Sicherheit. In den deutschen Erdbebengebieten kann nach ihrer Einschätzung grundsätzlich jederzeit ein Beben der Magnitude 5 auftreten. Ein Stoß wie 1756 würde heute auf Großstädte, Chemieparks, Autobahnbrücken und Tagebaue treffen, die es damals noch nicht gab.

Die offene Frage nach einer Verbindung zu Lissabon 1755

Das Dürener Erdbeben fällt in eine Zeit, in der Europa auffällig oft bebte. Am 1. November 1755, knapp zwei Monate vor den ersten starken Stößen im Rheinland, zerstörte ein gewaltiges Seebeben vor der portugiesischen Küste die Stadt Lissabon. Die zeitliche Nähe hat schon Zeitgenossen beschäftigt, und bis heute taucht die Frage auf, ob das Beben von Lissabon 1755 die Erdbebenserie am Niederrhein ausgelöst haben könnte. Belege dafür gibt es nicht. Die Entfernung beträgt rund 2.000 Kilometer, und die geologischen Systeme unterscheiden sich grundlegend. Seismologen sprechen deshalb lediglich von einer zeitlichen Übereinstimmung, die einen Zusammenhang vermuten lässt, ohne ihn zu beweisen.

Sicher ist dagegen, dass die Spuren von 1756 bis heute im Rheinland zu finden sind: in Ratsprotokollen und Kirchenbüchern, in geflickten Stadtmauern und in der Landschaft selbst, in der Archäologen nach Hinweisen auf die Zerstörungen suchen. Das stärkste Erdbeben Deutschlands kündigte sich wochenlang an, erschütterte Städte von Aachen bis Bad Münstereifel und hallte noch zehn Jahre lang in Nachbeben nach. Der Untergrund, der es auslöste, arbeitet weiter, langsam und unsichtbar, 15 Kilometer unter den Füßen von Millionen Menschen.

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