In der gefühlten Reihenfolge der Technik kommt erst das Telefon und viel später das Fax, doch die Geschichte lief andersherum. Ein Fax ließ sich bereits übertragen, als an Telefone noch nicht zu denken war. Ab 1865 verband ein regulärer Faxdienst die Städte Paris und Lyon, und das zugrunde liegende Patent stammte sogar schon aus dem Jahr 1843. Alexander Graham Bell meldete sein Telefon erst 1876 an, elf Jahre nach dem Start des Dienstes.
Am Anfang steht ein schottischer Uhrmacher. Alexander Bain, geboren 1811, verband sein Wissen über Pendel und Uhrwerke mit der jungen Telegrafentechnik und erhielt am 27. Mai 1843 das britische Patent Nummer 9745 auf einen elektrischen Drucktelegrafen. Seine Idee war im Kern bereits das Fax: Eine Vorlage aus leitendem Material wird Zeile für Zeile von einem Stift abgetastet, der an einem Pendel hängt, die elektrischen Impulse laufen über eine Leitung, und am anderen Ende zeichnet ein zweites, gleich schwingendes Pendel das Muster auf chemisch behandeltes Papier. In den Folgejahren gelang Bain die Wiedergabe einfacher grafischer Zeichen, eine öffentliche Vorführung seines Systems blieb jedoch aus. Der Engländer Frederick Bakewell verbesserte das Prinzip mit rotierenden Walzen und zeigte auf der Weltausstellung von 1851 in London erstmals eine funktionierende Bildübertragung.
Was Bain und Bakewell fehlte, war die Lösung des Gleichlaufproblems, denn Sender und Empfänger mussten auf den Bruchteil einer Sekunde synchron arbeiten, sonst zerfiel das Bild zu Streifen. Diesen Schritt schaffte der italienische Physiker und Geistliche Giovanni Caselli. Sein Gerät, der Pantelegraph, hielt beide Stationen mit einer Präzisionspendeluhr im Takt und machte die Übertragung damit erstmals zuverlässig. Caselli fand in Paris Unterstützung durch den Physiker Léon Foucault, und im November 1860 gelang die Übertragung der Unterschrift des Komponisten Gioachino Rossini über die rund 140 Kilometer lange Telegrafenlinie von Paris nach Amiens. Kaiser Napoleon III. sah eine Vorführung und ordnete an, die Technik in das staatliche Telegrafennetz zu übernehmen.
Das Fax ist älter als das Telefon. Der Uhrmacher Alexander Bain patentierte das Grundprinzip der elektrischen Bildübertragung bereits 1843, und ab 1865 verband der Pantelegraph von Giovanni Caselli die Städte Paris und Lyon in einem kommerziellen Dienst. Alexander Graham Bell erhielt sein Telefonpatent erst 1876, also elf Jahre später.
Der Regelbetrieb auf der Strecke Paris–Lyon lief über die vorhandene Telegrafenleitung, ein französisches Gesetz von 1864 hatte den Dienst zuvor offiziell zugelassen. Wer ein Schriftstück übermitteln wollte, schrieb oder zeichnete es mit nichtleitender Tinte auf ein Zinnblatt, das der Pantelegraph Zeile für Zeile mit einer feinen Nadel abtastete. Am Zielort entstand auf chemisch getränktem Papier eine originalgetreue Wiedergabe, mitsamt Handschrift, Skizze oder Unterschrift. Im ersten Jahr wurden auf der Linie mehrere tausend Dokumente übertragen, zeitgenössische Auswertungen nennen knapp 5.000 Übermittlungen. Die technischen Einzelheiten des Systems hat ein Fachaufsatz im IEEE-Journal ausführlich dokumentiert.
Der wichtigste Kunde des frühen Faxes war ausgerechnet eine Branche, die auch anderthalb Jahrhunderte später noch am Faxgerät festhielt, das Geldwesen. Banken nutzten den Pantelegraphen vor allem, um Unterschriften auf Wechseln und Aufträgen zwischen Paris und Lyon zu vergleichen, denn ein Morsetelegramm konnte zwar den Text einer Anweisung übermitteln, nicht aber die Echtheit einer Handschrift belegen. Genau diese Fähigkeit, ein Schriftbild originalgetreu zu übertragen, konnte vor der Erfindung des Telefons kein anderes Medium bieten. Caselli erhielt für seine Leistung die Ehrenlegion, die Strecke wurde 1867 bis Marseille verlängert, und sogar der russische Zar Alexander II. ließ eine Versuchslinie zwischen seinen Residenzen in Sankt Petersburg und Moskau betreiben.
Dass die Technik trotzdem keine Zukunft hatte, lag am Wettbewerb im eigenen Haus. Der Pantelegraph arbeitete langsam und teuer, während automatische Drucktelegrafen reine Textnachrichten schneller und billiger beförderten. Für den Alltagsverkehr der Telegrafenämter zählte der Durchsatz, nicht die Schönheit der Handschrift, und so blieb das Bildverfahren ein Nischenangebot. Gegen Ende der 1860er Jahre lief der Dienst aus, spätestens der Krieg zwischen Frankreich und Preußen im Jahr 1870 beendete den Betrieb endgültig. Caselli starb 1891, ohne dass sein Verfahren je flächendeckend geworden wäre.
Aus heutiger Sicht war der Pantelegraph seiner Zeit schlicht zu weit voraus. Das Fax ist damit älter als das Telefon von 1876 und älter als das Automobil, das erst ab 1886 fuhr, und es existierte lange vor der ersten kommerziell gefertigten Glühbirne. Seine Grundidee überlebte im Verborgenen und kehrte im 20. Jahrhundert zurück, zunächst 1913 mit dem Bélinographen, der Bilder über Telefonleitungen schickte und den Fotojournalismus veränderte, später mit den Bürofaxgeräten, die ab den 1960er Jahren die Schreibtische eroberten.
Übrig bleibt eine Umkehrung, die das übliche Bild vom technischen Fortschritt auf den Kopf stellt. Bevor irgendwo ein Telefon klingelte, wanderten Unterschriften, Skizzen und Handschriften bereits als elektrische Impulse durch Frankreich, abgetastet von Pendeln, die auf den Takt einer Uhr hörten. Ein Messingapparat aus der Werkstatt eines Geistlichen nahm im Kern vorweg, was Scanner, Fax und Bildübertragung später zum Alltag machten, nur eben rund ein Jahrhundert zu früh.