Südlich von Reykjavík führt ein Schacht von kaum vier Metern Breite in einen Hohlraum, in dem die Freiheitsstatue Platz fände. Es ist die Magmakammer des Þríhnúkagígur, und sie ist leer. Ein offener Stahlkorb bringt Besucher 120 Meter hinab bis auf ihren Boden. Nach allem, was über erloschene Vulkane bekannt ist, dürfte es diesen Raum eigentlich nicht geben.
Die Bláfjöll, die Blauen Berge am Rand des Großraums Reykjavík, sind eine Landschaft aus erkalteter Lava, Moos und scharfkantigem Geröll. Mittendrin erhebt sich ein Hügel, der kaum auffällt: Der Kraterkegel des Þríhnúkagígur ragt nur etwa 35 Meter über die Ebene. Sein Name bedeutet Krater der drei Gipfel. Unter ihm liegt jedoch eine Magmakammer, die weltweit einzigartig ist, weil Menschen sie betreten können. Der Hohlraum reicht insgesamt rund 213 Meter in die Tiefe, sein Boden misst etwa 50 mal 65 Meter. Wer einen Vulkan von innen sehen will, findet auf der ganzen Erde keinen anderen Ort, an dem das in dieser Form möglich ist. Der Grund liegt nicht in einer technischen Leistung, sondern in einem geologischen Zufall, der sich nach dem letzten Ausbruch vor mehreren Tausend Jahren ereignete.
Normalerweise versiegelt sich ein Vulkan, sobald er zur Ruhe kommt. Das flüssige Gestein in seinem Inneren kühlt ab und wird zu festem Fels, der den Förderweg wie ein Pfropfen verschließt. Leert sich eine Kammer dagegen vollständig, bricht das Gestein darüber häufig ein, und an der Oberfläche entsteht ein Einsturzkrater. Am Þríhnúkagígur geschah weder das eine noch das andere. Die Schmelze verschwand, das Gewölbe blieb stehen, und so entstand ein Raum, der über Jahrtausende verborgen blieb, bis ein Höhlenforscher im Jahr 1974 als erster Mensch hinabstieg. Heute fahren in den Sommermonaten Besuchergruppen in die Tiefe. Unten wartet ein Raum aus farbigem Gestein, der mehr über das Innenleben von Vulkanen verrät als jede Zeichnung im Lehrbuch.
Die Magmakammer des Þríhnúkagígur ist leer, weil das flüssige Gestein nach dem letzten Ausbruch nicht im Vulkan erstarrte, sondern in größere Tiefen zurückfloss. Zurück blieb ein Hohlraum von rund 213 Metern Gesamttiefe und etwa 3.270 Quadratmetern Grundfläche. Warum das Gewölbe danach nicht einstürzte, gilt bis heute als ungeklärt.
Der isländische Vulkanologe Haraldur Sigurdsson hat den Befund mit einem Bild aus dem Alltag beschrieben: Es sei, als habe jemand den Stöpsel gezogen und alles Magma sei nach unten abgelaufen. Die Betreiber der Besucherfahrten sprechen von einer Lavakammer, im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich der Begriff Magmakammer durchgesetzt. Welche Rolle der Hohlraum genau im Fördersystem spielte, ist nicht abschließend geklärt. Sicher ist, dass die Schmelze beim letzten Vulkanausbruch durch ihn nach oben stieg und danach wieder absank. Dass das Gewölbe über dem enormen Hohlraum seither trägt, gilt als das eigentliche Rätsel. Die Betreiber des Zugangs geben die Gesamttiefe mit 212 Metern an und datieren den letzten Ausbruch auf rund 4.500 Jahre vor heute, andere Quellen gehen von etwa 4.000 Jahren aus.
Obwohl der Krater nicht weit von der Hauptstadt entfernt liegt, blieb sein Inneres lange unbekannt. Der Höhlenforscher Árni B. Stefánsson war nach eigenen Angaben schon als Jugendlicher in fast jedes Loch Islands geklettert, in der Hoffnung, eine Höhle zu finden. An einem Wintertag im Jahr 1974 ließen ihn Freunde an Seilen durch die schmale Öffnung hinab. Unten fand er einen Raum, der weit größer war als alles, was er erwartet hatte. In den folgenden Jahrzehnten seilten sich immer wieder Geologen und Vulkanologen ab, für Besucher blieb der Ort jedoch unerreichbar. Stefánsson warb lange dafür, die Magmakammer zugänglich zu machen, fand aber zunächst keine Geldgeber. Den Durchbruch brachte schließlich ein Aufzug, der um das Jahr 2010 für Forscher und ein Filmteam installiert wurde. Seit 2012 fahren damit auch Touristen in die Tiefe.
Der Weg zum Krater beginnt am Skigebiet der Bláfjöll und führt rund 3,2 Kilometer zu Fuß über Lavafelder. Am Kraterrand spannt sich eine Stahlbrücke über die Öffnung, die nur etwa vier mal vier Meter misst. Von dort hängt ein offener Korb an vier Stahlseilen, ähnlich den Arbeitsbühnen von Fensterputzern an Hochhäusern. In etwa sechs Minuten sinkt er 120 Meter tief bis auf den Boden der Kammer. Oben schrumpft der Himmel zu einem hellen Fleck, unten öffnet sich ein Raum, auf dessen Grundfläche drei Basketballfelder Platz hätten. Die Temperatur liegt nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt, von der Decke tropft Wasser, sonst herrscht fast völlige Stille. Rund eine halbe Stunde bleiben die Besucher unten. Ein Loch im Boden führt noch etwa 80 Meter tiefer, dieser Teil ist Geologen und Höhlenforschern vorbehalten. Die Fahrten finden nur von Mai bis Oktober statt, im Winter ist der Krater zu exponiert.
Wer im Inneren eines Vulkans nur schwarzes Gestein erwartet, wird überrascht. Die Wände der Magmakammer leuchten im Schein der Lampen in Rot, Orange, Gelb, Violett und Blau. Nach gängiger Erklärung entstand die Färbung durch die Hitze und den Druck während des letzten Ausbruchs, als heiße Gase und Schmelze an den Wänden entlangstrichen und die Minerale im Gestein chemisch veränderten. Eisenhaltige Verbindungen reagierten mit Sauerstoff zu roten und braunen Oxiden, andere Stoffe hinterließen gelbliche und grünliche Krusten. Weil Sonne, Frost und Regen im Inneren des Berges kaum wirken, sind die Farben über Jahrtausende erhalten geblieben. Die glatten Flächen und bizarren Formen gleichen damit einer erstarrten Momentaufnahme des Augenblicks, in dem der Vulkanausbruch endete.
Island besitzt zahlreiche Lavahöhlen. Eine solche Lavahöhle ist im Grunde ein Tunnel, in dem einst Lava unter einer erkalteten Kruste abfloss, und sie liegt neben dem eigentlichen Förderweg eines Vulkans. Am Þríhnúkagígur steht man dagegen in dem Raum, durch den die Schmelze selbst aufstieg. Das macht die Stätte auch für die Forschung interessant, denn sie erlaubt einen direkten Blick auf Strukturen, die sonst nur aus Bohrkernen, seismischen Messungen oder Modellen erschlossen werden können. An der Oberfläche lassen sich Vulkane mit großem Aufwand überwachen, bis hin zu Radarsatelliten, die einen Lavastrom auf Kamtschatka monatelang verfolgen. Was im Inneren geschieht, wenn ein Ausbruch endet, bleibt dagegen fast überall verborgen. Wer einen Vulkan in Island besichtigen will, kann das an vielen Kratern tun, hineinfahren aber nur hier.
Vom Boden der Kammer aus wirkt die Öffnung, durch die der Korb hereinkam, winzig. Das Licht fällt als schmaler Kegel in den Raum und trifft auf Wände, an denen vor mehreren Tausend Jahren glühendes Gestein vorbeiströmte. Dann zog sich die Schmelze zurück, als habe der Berg ausgeatmet, und hinterließ einen Hohlraum, der hoch genug ist für die Freiheitsstatue und still genug, um einzelne Wassertropfen fallen zu hören. Warum das Gewölbe seither hält, weiß niemand mit Sicherheit. Sicher ist nur, dass hier ein Blick möglich ist, den kein anderer Vulkan der Erde erlaubt: der Blick von innen nach oben, dorthin, wo einst das Feuer ins Freie trat.
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