Schuss Richtung All

Auf Barbados schoss eine 36 Meter lange Kanone bis in 143 Kilometer Höhe

Auf Barbados schoss eine 36 Meter lange Kanone bis in 143 Kilometer Höhe
(Symbolbild, KI-generiert) Die HARP-Kanone auf Barbados besaß einen verlängerten Lauf von rund 36 Metern und gehörte zum High Altitude Research Project. Ab 1963 wurden von der Karibikinsel Martlet-Projektile für Messungen in der oberen Atmosphäre gestartet. Ein 420-Millimeter-Projektil erreichte über Barbados 143 Kilometer Höhe. Der geplante Schritt vom Forschungsgerät zum Satellitenstart gelang vor dem Ende des Projekts 1967 nicht. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Auf Barbados stand in den 1960er-Jahren eine Kanone, deren Rohr rund 36 Meter lang war, also länger als drei Linienbusse hintereinander. Sie schleuderte wissenschaftliche Projektile so hoch, dass Messungen bis weit in die obere Atmosphäre möglich wurden. Ein 420-Millimeter-Geschoss erreichte 143 Kilometer über der Insel. Das High Altitude Research Project wollte damit zeigen, dass große Geschütze Aufgaben übernehmen konnten, für die sonst Raketen nötig waren. Am Ende blieb ausgerechnet der kühnste Schritt unerreicht.

Am 20. Januar 1963 stand Gerald Bull auf dem Schießgelände an der Südostküste von Barbados, als die große Anlage erstmals erprobt wurde. Der kanadische Ballistiker leitete das Projekt für die McGill University gemeinsam mit Partnern des US-Militärs. Vor ihm ragte ein Marinegeschütz fast senkrecht in den Himmel, während Radar, Kameras und Messgeräte den Flug verfolgen sollten. Der erste Schuss war noch ein Test, doch schon kurz darauf flogen die ersten Martlet-Projektile über den Atlantik.

Das Gelände lag bei Paragon nahe dem damaligen Seawell Airport, heute Grantley Adams International Airport. Für HARP war der Ort praktisch, weil die Projektile nach Osten über den offenen Atlantik fliegen konnten. Das dumpfe Geräusch der Schüsse wurde auf der Insel zu einem auffälligen Begleiter des Programms. Gleichzeitig entstand dort kein klassischer Raketenstartplatz, sondern eine ungewöhnliche Mischung aus Geschützstellung, Radarstation und wissenschaftlicher Versuchsanlage.

Auf Barbados wuchs das Rohr auf rund 36 Meter

Die Anlage nutzte 16-Zoll-Marinerohre, die ursprünglich für schwere Schiffsgeschütze gebaut worden waren. Für HARP wurden zwei Rohre zu einem verlängerten, glatten Lauf zusammengesetzt. Ein kanadischer Regierungsbericht beschreibt die Barbados-Anlage mit einem verlängerten Lauf von rund 120 Fuß, also etwa 36,6 Metern. Der Bericht nennt für den Transport im Sommer 1962 zwei jeweils etwa 140 Tonnen schwere Rohre sowie rund 90 Tonnen Teile der Lafette. Damit war schon der Aufbau ein Schwertransport, bevor überhaupt ein Projektil den Lauf verließ. Das Prinzip war einfach zu beschreiben und technisch schwierig umzusetzen. Treibladung beschleunigte das Projektil innerhalb des Rohres in sehr kurzer Zeit, wobei Bauteile und Messgeräte enorme Kräfte aushalten mussten. Die NASA berichtete für HARP von Belastungen um 10.000 g, also etwa dem Zehntausendfachen der Erdbeschleunigung; für empfindliche Elektronik war das ein extremer Härtetest. Gerade deshalb wurde die Kanone zu einem Labor für Sensoren, Telemetrie und Werkstoffe, die in Sekundenbruchteilen von Ruhe auf sehr hohe Geschwindigkeit gebracht wurden.

420-Millimeter-Projektile erreichten über Barbados 143 Kilometer

Das wichtigste Ergebnis der Barbados-Schüsse war nicht die Lautstärke, sondern die Höhe. Charles Murphy, Gerald Bull und Howard Edwards beschrieben im Journal of Geophysical Research, dass 420-Millimeter-Projektile über Barbados bis auf 143 Kilometer gelangten; die Angabe ist nachzulesen unter Journal of Geophysical Research. Damit stiegen die Geschosse weit über typische Wetterballons hinaus und erreichten Bereiche, in denen die Luft nur noch einen winzigen Bruchteil ihrer Dichte am Boden besitzt. Die Martlet-Familie war dafür gebaut, wissenschaftliche Nutzlasten mitzunehmen. Einige Projektile setzten Material frei, das in großer Höhe sichtbare Spuren erzeugte; aus deren Bewegung ließen sich Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten ableiten, und Radar und optische Beobachtung ergänzten diese Messungen. In dieser Rolle war die HARP-Kanone kein Ersatz für jede Rakete, sondern ein Werkzeug für viele wiederholbare Starts mit relativ kleinen Nutzlasten. Ein verwandter Grenzfall großer Beschleunigung ist der Stahldeckel des Pascal-B-Tests von 1957, bei dem ein unterirdischer Kernwaffenversuch einen schweren Deckel aus einem Schacht schleuderte.

Yuma stellte 1966 mit 180 Kilometern den Höhenrekord auf

Die oft genannte Rekordhöhe von 180 Kilometern gehört nicht zur Kanone auf Barbados. Sie wurde mit einer baugleichen HARP-Anlage auf dem Yuma Proving Ground in Arizona erreicht. Guinness World Records nennt den 19. November 1966, ein 84 Kilogramm schweres Projektil und eine Höhe von 180 Kilometern; die Rekordangabe ist nachzulesen unter Guinness World Records. Damit lag der Scheitelpunkt deutlich oberhalb der international häufig verwendeten Kármán-Linie bei 100 Kilometern.

Auch die NASA führte HARP in ihren damaligen Übersichten als Programm zur Erforschung der oberen Atmosphäre. Ein Bericht beschreibt das 119 Fuß lange, glatte 16-Zoll-Geschütz auf Barbados und eine weitere verlängerte 16-Zoll-Anlage in Yuma. Rund 50 vertikale Schüsse wurden allein 1966 für Windmessungen, Elektronendichte und technische Tests verzeichnet; diese Zusammenfassung ist nachzulesen unter NASA. Barbados und Yuma erfüllten dabei ähnliche Aufgaben, dürfen bei den erreichten Höhen aber nicht miteinander vermischt werden.

Martlet 4 sollte einen Satelliten aus der Kanone starten

Mit den erfolgreichen Höhenflügen wuchs das Ziel. Aus einem Instrument für Atmosphärenmessungen sollte ein Startsystem werden, das eine Raketenstufe zunächst per Kanone beschleunigt und danach mit eigenen Triebwerken weiterfliegt. Das geplante Martlet 4 war als mehrstufiges Fahrzeug für einen Satellitenstart gedacht, doch ein solcher Start gelang während HARP nie. Technisch lag der Reiz darin, einen großen Teil der Anfangsbeschleunigung durch das Geschütz zu liefern und erst oberhalb dichter Luftschichten weitere Raketenstufen einzusetzen.

Genau hier zeigten sich die Grenzen des Konzepts. Ein Satellit braucht nicht nur große Höhe, sondern vor allem sehr hohe Geschwindigkeit parallel zur Erdoberfläche, damit er die Erde umkreist statt wieder herunterzufallen. Gleichzeitig musste jede Nutzlast den extremen Startstoß im Rohr überstehen. HARP lieferte wertvolle Daten zu Hochbeschleunigung, Flugbahnen und Atmosphärenmessungen, erreichte den geplanten Schritt in eine Erdumlaufbahn aber nicht. Das Projekt endete 1967, bevor ein Martlet-System einen Satelliten starten konnte.

Das verrostete Rohr liegt noch heute auf Barbados

Nach dem Ende von HARP blieb die große Anlage auf Barbados zurück. Das Rohr und Teile der Halterung sind bis heute als stark verrostete Überreste an der Küste erhalten. Wind, Salz und Vegetation haben die Oberfläche über Jahrzehnte angegriffen, doch die außergewöhnliche Länge des Geschützes ist noch immer erkennbar. Später griff Gerald Bull die Idee extrem großer Geschütze erneut auf. Für den Irak arbeitete er ab Ende der 1980er-Jahre am Project Babylon, das auf wesentlich größere Kanonen zielte. Bull wurde 1990 in Brüssel ermordet; der Täter wurde nie zweifelsfrei festgestellt.

Auf Barbados blieb damit kein Satellitenwerfer zurück, sondern ein rostendes Rohr, das auf eine kurze Phase ungewöhnlicher Raumfahrttechnik verweist. Wo im Januar 1963 Kameras, Radar und Bedienmannschaften auf den ersten Schuss warteten, liegt heute Metall zwischen Gras, Buschwerk und salzhaltiger Luft. Die 36 Meter lange Kanone erreichte ihr größtes belegtes Ergebnis dort nicht als Waffe, sondern als wissenschaftliches Startgerät: 143 Kilometer über einer kleinen Karibikinsel.

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