Am 27. August 1957 verschwand in der Wüste von Nevada ein tonnenschwerer Stahldeckel in einem einzigen Wimpernschlag. Bei einem unterirdischen Test hätte er einen Schacht verschließen sollen, doch die Wucht darunter machte ihn zum vielleicht schnellsten von Menschen beschleunigten Gegenstand überhaupt. Eine Hochgeschwindigkeitskamera fing die schwere Platte nur auf einem einzigen Bild ein, danach war sie für immer fort. Was mit diesem Objekt geschah, ob es verglühte oder tatsächlich ins All entkam, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist nur: Wiedergefunden hat man es nie.
In den 1950er-Jahren verlagerten die USA ihre Kernwaffentests zunehmend unter die Erde, um radioaktiven Niederschlag in der Atmosphäre zu vermeiden. Dazu bohrte man tiefe Schächte, versenkte die Sprengsätze am Grund und versuchte, die freigesetzte Energie im Berg zu halten. Der erste dieser unterirdischen Versuche der Reihe Operation Plumbbob trug den Namen Pascal-A. Als der Sprengsatz am Grund eines rund 150 Meter tiefen Schachts zündete, geschah nicht das, was die Physiker erwartet hatten. Statt eingeschlossen zu bleiben, schoss eine gewaltige Säule aus glühendem Gas nach oben aus dem Bohrloch, hunderte Meter hoch in den Nachthimmel. Der Schacht hatte sich verhalten wie der Lauf einer riesigen Kanone. Genau diese Beobachtung führte wenige Wochen später zu dem Versuch, der die Geschichte vom schnellsten Objekt begründete.
Für den nächsten Test, Pascal-B, sollte der Schacht diesmal fest verschlossen werden. Über die Öffnung schweißten die Techniker einen etwa vier Zoll dicken, rund 900 Kilogramm schweren Stahldeckel. Der Physiker Robert Brownlee vom Los Alamos National Laboratory, der den Versuch mitplante, rechnete kurz nach und war überzeugt, dass die Platte die Explosion niemals halten würde. Um zu sehen, was mit ihr passierte, richtete er eine Hochgeschwindigkeitskamera auf den Schachtdeckel, die etwa ein Bild pro Millisekunde aufnahm. Als der Sprengsatz zündete, war der Deckel auf dem Film nur in einem einzigen Einzelbild überhaupt zu erahnen, verschwommen, weil er sich bereits mit unfassbarer Geschwindigkeit bewegte. Aus diesem einen Bild leitete Brownlee eine Geschwindigkeit ab, die alles Bekannte in den Schatten stellte.
Das schnellste Objekt dieser Geschichte entstand, weil sich der Bohrschacht in einen gigantischen Gewehrlauf verwandelte. Am Grund verdampfte die Explosion schlagartig Gestein und Material und erzeugte darüber einen enormen Druck. Der Stahldeckel wirkte wie das Geschoss, das dieser Druck aus dem Rohr trieb. Nicht Sprengkraft allein, sondern die Bündelung im engen Schacht beschleunigte ihn so extrem.
Dieser Effekt lässt sich mit einem Blasrohr vergleichen, nur in einem Maßstab, der jede Alltagserfahrung sprengt. In einem offenen Raum hätte dieselbe Energie sich nach allen Seiten verteilt. Im engen, senkrechten Schacht dagegen konnte das schlagartig ausdehnende Gas fast nur in eine einzige Richtung entweichen, nach oben, und riss den Deckel mit. Hinzu kam, dass die Platte anders als eine Rakete nicht sanft, sondern in einem einzigen, brutalen Stoß beschleunigt wurde. Für einen Bruchteil einer Sekunde wirkte auf sie eine Kraft, gegen die Materialfestigkeit oder Aerodynamik kaum eine Rolle spielten. Genau deshalb überstieg die erreichte Geschwindigkeit alles, was Menschen bis dahin bewusst und geplant erzeugt hatten.
Um Pascal-B zu verstehen, lohnt der Blick zurück auf den Vorläufer Pascal-A. Bei diesem ersten unterirdischen Versuch war der Schacht oben offen geblieben. Die freigesetzte Energie fiel nach Berichten der Beteiligten weit stärker aus als gedacht, und das glühende Gas fand keinen Widerstand. Es schoss als leuchtende Fontäne aus dem Bohrloch, sichtbar über weite Teile des Testgeländes. Für die Physiker war das eine eindringliche Lektion darüber, wie schwer sich eine unterirdische Explosion tatsächlich einschließen ließ. Sie erkannten, dass ein offener Schacht die Energie geradezu kanalisierte, statt sie zu bremsen. Diese Erfahrung war der Grund, den nächsten Schacht mit einer massiven Stahlplatte zu verschließen. Damit wollte man prüfen, ob sich das Ausgasen verhindern ließ, und maß dabei zugleich eine Geschwindigkeit, die niemand ernsthaft erwartet hatte.
Die Hochgeschwindigkeitskamera war der entscheidende Zeuge. Sie belichtete rund tausend Bilder pro Sekunde, und dennoch tauchte der Deckel nach der Zündung nur auf einem einzigen Frame auf, bereits als unscharfer Schemen. Aus dem Bildabstand und der Kameratechnik schätzte Brownlee, dass sich die Platte mit rund 200.000 Kilometern pro Stunde bewegt haben musste, nach verschiedenen Angaben das Fünf- bis Sechsfache der Geschwindigkeit, die nötig ist, um der Anziehungskraft der Erde zu entkommen. Diese sogenannte Fluchtgeschwindigkeit liegt bei etwa 40.000 Kilometern pro Stunde. Ein Wert, der den Deckel weit über jede Rakete hinaushob, macht ihn bis heute zum Kandidaten für das schnellste Objekt, das je von Menschenhand beschleunigt wurde. Wichtig bleibt aber: Es handelt sich um eine Abschätzung aus einem einzigen Bild, nicht um eine direkte Messung.
Nach dem Test suchten die Beteiligten nach der Platte, doch sie blieb verschwunden. Bis heute existieren dazu zwei Erklärungen, die sich nicht sicher entscheiden lassen. Die eine Möglichkeit ist, dass der Deckel in der dichten unteren Atmosphäre durch Reibung und Kompression fast augenblicklich verglühte, ähnlich wie ein Meteor, nur von unten nach oben. Bei der genannten Geschwindigkeit hätte die Luft vor der Platte extrem verdichtet und aufgeheizt werden müssen. Die andere Möglichkeit, die Brownlee selbst eher zurückhaltend erwähnte, ist, dass die Platte so schnell war, dass sie die unteren Luftschichten durchschlug, bevor sie vollständig zerstört wurde, und tatsächlich ins All gelangte, Monate bevor der sowjetische Satellit Sputnik als erstes künstliches Objekt die Erde umrundete. Ein Beweis für dieses Szenario fehlt, denn ohne Fundstück und ohne Bahnverfolgung bleibt es Spekulation.
Um die Zahl einzuordnen, hilft der Vergleich mit heutiger Raumfahrt. Eine Rakete, die die Erde verlässt, muss rund 40.000 Kilometer pro Stunde erreichen. Die schnellste je gebaute Raumsonde, die sich der Sonne nähert, kommt auf einige hunderttausend Kilometer pro Stunde, allerdings erst nach langer Beschleunigung und mit ausgeklügelter Bahnmechanik. Der Stahldeckel dagegen soll seine Geschwindigkeit in einem einzigen Moment erreicht haben, angetrieben von roher Gewalt statt von Technik. Genau dieser Gegensatz macht die Geschichte so einprägsam: Nicht ein präzise konstruiertes Fluggerät, sondern ein grob verschweißtes Stück Stahl könnte für den Bruchteil einer Sekunde das schnellste Objekt der Menschheitsgeschichte gewesen sein. Dass ausgerechnet ein Deckel diesen Rang beansprucht, wirkt fast absurd und bleibt gerade deshalb im Gedächtnis.
Bei aller Faszination lohnt die nüchterne Trennung von Beleg und Erzählung. Gesichert ist, dass der Test Pascal-B stattfand, dass ein schwerer Stahldeckel den Schacht verschloss und dass er nach der Zündung spurlos verschwand. Gesichert ist auch, dass er auf dem Film nur ein einziges, unscharfes Mal auftauchte. Alles Weitere, die genaue Geschwindigkeit und erst recht die Frage, ob der Deckel das All erreichte, beruht auf einer Abschätzung, die Brownlee selbst mit Vorsicht formulierte. Er räumte ein, dass sich aus einem einzelnen Bild keine exakte Geschwindigkeit ableiten lasse, und beschrieb das Tempo eher salopp als atemberaubend schnell. Damit steht am Ende ein seltener Fall, in dem ein reales, dokumentiertes Ereignis und eine kaum glaubliche Vermutung untrennbar zusammengehören. Zurück bleibt ein Stahldeckel, der irgendwo in der Wüste, in der Atmosphäre oder im All sein Ende fand, und eine Zahl, die man kaum fassen kann.