In 1.400 Metern Tiefe vor der kalifornischen Küste fanden Forscher im Frühjahr 2007 ein Krakenweibchen, das ein Gelege an einer Felswand bewachte. Bei jedem Tauchgang über die folgenden viereinhalb Jahre saß derselbe Tintenfisch an derselben Stelle, erkennbar an einer Narbe zwischen zwei Armen. Erst nach 53 Monaten waren die Eier geschlüpft und die Mutter verschwunden. In dieser Zeit hat sie nach allen Beobachtungen nichts gefressen.
Kraken führen ein Leben mit nur einer einzigen Fortpflanzung. Nach der Paarung legt das Weibchen seine Eier ab, bewacht sie bis zum Schlüpfen und stirbt anschließend, ohne je wieder Nachwuchs zu bekommen. Fachleute nennen diese Strategie Semelparie. Die Brutpflege ist dabei kein passives Danebensitzen: Das Tier deckt das Gelege mit den Armen ab, wehrt Fressfeinde ab und fächelt den Eiern ständig frisches, sauerstoffreiches Wasser zu, damit sich keine Bakterien oder Algen ansiedeln. Das Weibchen verlässt den Platz in dieser Zeit praktisch nicht. Bei flach lebenden Arten dauert die Brutpflege ein bis drei Monate, danach schlüpfen die Jungen und die erschöpfte Mutter stirbt.
Über die Verhältnisse in der Tiefsee war dagegen fast nichts bekannt, obwohl es dort einen offensichtlichen Unterschied gibt: die Kälte. In 1.400 Metern Tiefe liegt die Wassertemperatur bei etwa 3 Grad Celsius, und niedrige Temperaturen verlangsamen biochemische Vorgänge, also auch die Entwicklung von Embryonen. Aus Laborversuchen mit anderen Kopffüßern ließ sich ableiten, dass die Brutzeit unter solchen Bedingungen länger ausfallen müsste. Wie viel länger, war offen, denn dafür hätte man dasselbe Tier über Jahre hinweg in der Tiefsee wiederfinden müssen. Genau dieser Zufall trat vor der Küste Kaliforniens ein.
Im April 2007 beobachtete ein Team mit einem Tauchroboter im Monterey Canyon einen einzelnen Kraken, der über den Sedimentboden auf eine Felswand zukroch. Bei der Rückkehr 38 Tage später saß dasselbe Tier oben am Fels und bedeckte ein frisch abgelegtes Gelege von rund 160 Eiern.
Die Wiedererkennung gelang über ein Detail, das kein Zufallsfund hätte liefern können: Das Weibchen trug eine charakteristische runde Narbe an der Haut zwischen zwei Armen und eine weitere an einem anderen Arm. Auf jedem Bild aus den folgenden Jahren lassen sich diese Male nachweisen. Zusätzlich belegten Messungen an den Eiern, dass es sich durchgehend um dasselbe Gelege handelte, denn die Embryonen wuchsen kontinuierlich weiter. Wie das Monterey Bay Aquarium Research Institute zu der Beobachtungsreihe berichtet, kehrte das Team insgesamt 18 Mal an dieselbe Stelle zurück, und jedes Mal hing das Tier an derselben senkrechten Felswand.
Zwischen dem ersten Besuch im Frühjahr 2007 und dem letzten im September 2011 lagen 53 Monate. Beim Tauchgang im Oktober 2011 war die Wand leer, an ihr hingen nur noch die aufgerissenen leeren Eihüllen, aus denen die Jungtiere geschlüpft waren. Die Mutter blieb verschwunden. Während der gesamten Zeit sahen die Beobachter das Weibchen niemals fressen; es wies auch keine Krebse oder andere Beutereste in seiner Umgebung auf, und mehrfach angebotene Krabben ließ es unberührt. Sichtbar war dagegen der körperliche Verfall: Die Haut wurde immer blasser und schlaffer, die Augen trüber, das Tier schrumpfte. Damit ist diese Brutzeit die längste, die bislang für irgendein Tier dokumentiert wurde. Zum Vergleich brütet ein Kaiserpinguin rund zwei Monate, und der bisherige Rekord bei Kraken lag bei 14 Monaten in Gefangenschaft.
Der biologische Sinn liegt in der Größe der Jungtiere. Die Eier dieser Art sind mit etwa 15 Millimetern ungewöhnlich groß, und die Jungen schlüpfen nicht als winzige Larven, sondern als weit entwickelte Miniaturkraken, die sofort selbstständig jagen können. In einem Lebensraum ohne Pflanzen, mit weit verstreuter Nahrung und ständiger Dunkelheit ist diese Startgröße ein entscheidender Vorteil, denn die Jungen überspringen jene Phase, in der die meisten Larven gefressen werden. Die Mutter tauscht also Lebenszeit gegen Überlebenschancen ihrer Nachkommen. Dass dabei die Kälte der Tiefsee hilft, weil sie den Stoffwechsel des Weibchens ebenso verlangsamt wie die Entwicklung der Eier, gehört zu den Erklärungen, die die Beobachtung erst plausibel machen.
Die Beobachtung verschiebt zwei Grenzen zugleich. Zum einen ist dieser Krake damit auch das langlebigste bekannte Tier seiner Klasse, denn zur Brutzeit kommt die Zeit vor dem Ablaichen hinzu. Zum anderen zeigt sie, wie stark Kälte und Nahrungsarmut die Lebensweise in der Tiefsee formen, wo Vorgänge Jahre dauern, für die andernorts Wochen reichen. Solche Befunde entstehen nur durch geduldige Langzeitbeobachtung derselben Orte, ähnlich wie bei Funden am Meeresgrund, die erst im Zusammenhang ihre Bedeutung entfalten, etwa bei dem Fund von 1.000 Haizähnen in 5.000 Metern Tiefe. Dass ausgerechnet ein Tier mit einem Jahr Lebenserwartung in flachen Gewässern in der Tiefsee viereinhalb Jahre lang auf einem Felsvorsprung ausharrt, gehört zu den Ergebnissen, mit denen vorher niemand gerechnet hatte. Ähnlich überraschende biochemische Ausstattungen finden sich auch bei Landtieren, etwa wenn eine Schlange ihr eigenes Gegengift im Blut trägt.
PLOS ONE, Deep-Sea Octopus (Graneledone boreopacifica) Conducts the Longest-Known Egg-Brooding Period of Any Animal; doi:10.1371/journal.pone.0103437