Forschung am Meeresgrund

In 5.000 Metern Tiefe liegt ein Friedhof aus 1.000 Haizähnen

 Dennis Lenz

In 5.000 Metern Tiefe liegt ein Friedhof aus 1.000 Haizähnen
(Symbolbild) Auf der Kokos-Tiefseeebene im Indischen Ozean holten Forscher rund 1.000 fossile Haizähne aus mehr als 5.000 Metern Tiefe herauf, darunter Zähne des ausgestorbenen Riesenhais Megalodon. Der Fundplatz umfasst mehr als 22 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte der Haie. Die Expedition zu den Seebergen bei der Weihnachtsinsel und den Kokosinseln beschrieb zudem 149 zuvor unbekannte Tierarten. Für die Wissenschaft zählt die Region zu den am wenigsten erforschten Tiefseegebieten der Erde. (Foto: © Forschung und Wissen)

Auf dem Grund des Indischen Ozeans haben Forscher einen Fundplatz mit rund 1.000 fossilen Haizähnen entdeckt, der mehr als 22 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte umspannt. Die Zähne stammen unter anderem von Weißen Haien, Makohaien und Tigerhaien, einige gehören dem längst ausgestorbenen Riesenhai Megalodon. Dieselbe Expedition beschrieb an unerforschten Seebergen zudem 149 neue Tierarten und stieß auf eine eingestürzte Vulkancaldera, die an das Auge von Sauron erinnert. Die Ergebnisse zeigen, wie wenig über die Tiefsee des Indischen Ozeans bekannt ist.

Der Indische Ozean bedeckt rund ein Fünftel der weltweiten Meeresfläche, und etwa 90 Prozent seines Bodens liegen tiefer als 1.000 Meter. Trotzdem ist seine Tiefsee deutlich schlechter untersucht als die des Pazifiks oder des Atlantiks, insbesondere im zentralöstlichen Bereich südlich von Indonesien. Dort erhebt sich eine Gruppe von rund 50 untermeerischen Vulkanbergen, von denen nur zwei die Wasseroberfläche durchstoßen und die australischen Außenterritorien Weihnachtsinsel und Kokosinseln bilden. Die Seeberge sind zwischen 40 und 120 Millionen Jahre alt und erreichen Durchmesser von bis zu 70 Kilometern. Als Australien in der Region Meeresschutzgebiete plante, war über die Lebenswelt am Boden praktisch nichts bekannt, denn kein Forschungsschiff hatte die Tiefen jemals systematisch beprobt.

Diese Lücke schlossen zwei Fahrten des australischen Forschungsschiffs RV Investigator in den Jahren 2021 und 2022, deren Gesamtauswertung nun vorliegt. Ein Team um den Meeresbiologen Tim O'Hara von Museums Victoria sammelte 67 Bodenproben an 22 Seebergen, an beiden Inselgruppen und auf der umliegenden Tiefseeebene, in Wassertiefen zwischen 94 und 5.431 Metern. Rund 1.000 Organismen kamen an Bord, von Schwarzen Korallen über Meereswürmer und Seegurken bis zu Fischen, von denen 23 Arten zuvor nie in australischen Gewässern nachgewiesen worden waren. Allein die Anreise verdeutlicht die Abgeschiedenheit des Gebiets, denn vom nordaustralischen Darwin bis zur Weihnachtsinsel brauchte das Schiff fast sieben Tage.

Ein Friedhof aus Haizähnen auf der Tiefseeebene

Der spektakulärste Fund gelang beim letzten Schleppnetzzug auf der Kokos-Tiefseeebene in mehr als 5.000 Metern Tiefe. Statt lebender Tiere holte das Netz rund 1.000 Haizähne herauf, die Forscher tauften die Stelle Haifisch-Friedhof. Die Zähne decken mehr als 22 Millionen Jahre Evolution ab, denn neben Zähnen heutiger Arten wie Weißer Hai, Makohai und Tigerhai fanden sich fossile Zähne des Megalodon, des größten Raubhais der Erdgeschichte. Viele Zähne waren von Manganknollen überzogen oder eingeschlossen, mineralreichen Gebilden, die über Jahrmillionen am Meeresboden wachsen und wegen ihrer Metalle als Ziel des Tiefseebergbaus gelten. Warum sich an dieser Stelle über so lange Zeiträume Zähne anreicherten, ist offen, denkbar ist eine Kombination aus Strömungen und extrem langsamer Sedimentablagerung.

149 neue Arten und das Auge von Sauron

Die Auswertung der Proben förderte 149 zuvor unbekannte Arten zutage, darunter eine Seegurke der Gattung Oneirophanta, einen Grünaugenfisch der Gattung Chlorophthalmus und eine parasitische Rankenfußkrebsart der Gattung Rhizolepas, wie das Team um O'Hara in seiner Studie in Deep-Sea Research Part II dokumentiert, die die Gemeinschaften der Bodenfauna erstmals umfassend beschreibt. Am häufigsten waren Schlangensterne, enge Verwandte der Seesterne. Nebenbei kartierte die Expedition zuvor unbekannte Seeberge, darunter in rund 3.100 Metern Tiefe eine eingestürzte Vulkancaldera etwa 280 Kilometer von der Weihnachtsinsel entfernt, deren kreisrunde Form mit zentralem Kegel die Forscher in Anspielung auf Tolkiens Herr der Ringe als Auge von Sauron benannten.

Seeberge sind Trittsteine statt isolierter Inseln

Die Funde stellen zudem eine verbreitete Annahme über Seeberge infrage. Lange galten die untermeerischen Vulkane als isolierte Lebensräume, deren Artenwelt sich weitgehend unabhängig voneinander entwickelt. Die neuen Daten zeichnen ein anderes Bild, denn neben einzigartigen Formen fanden sich auf verschiedenen Seebergen immer wieder dieselben, weit verbreiteten Arten. Die beteiligten Forscher vergleichen die Berge deshalb mit Trittsteinen, über die Tiefseeorganismen von einem Lebensraum zum nächsten wandern und so über ganze Ozeanbecken hinweg verbunden bleiben. Zugleich verschoben sich die Artengemeinschaften deutlich mit der Wassertiefe, weil beschleunigte Strömungen an den Kuppen Filtrierern wie Korallen und Schwämmen besonders viel Nahrung zuführen, während in der lichtlosen Ebene darunter Nahrungsarmut herrscht.

Warum die Tiefsee des Indischen Ozeans jetzt zählt

Für die Wissenschaft kommt die Bestandsaufnahme zur rechten Zeit, denn Erwärmung, Überfischung, Verschmutzung und der geplante Abbau von Manganknollen setzen Tiefsee-Ökosysteme zunehmend unter Druck, noch bevor ihre Bewohner überhaupt beschrieben sind. Mehr als 400 gesammelte Arten der Expedition warten weiterhin auf ihre wissenschaftliche Bearbeitung, sodass die Zahl der Neubeschreibungen weiter steigen dürfte. Wie ergiebig solche Fahrten sind, zeigten zuletzt auch die 32 unbekannten Arten an den Felswänden der tiefsten Tiefsee, die Forscher in Grabenzonen dokumentierten. Ähnlich überraschend war der Fund tausender Riesen-Eier auf einem pazifischen Unterwasservulkan, über den ein Bericht zu den 50 Zentimeter großen Eiern informiert. Solche Entdeckungen belegen, dass der Meeresgrund die letzte große unerforschte Region des Planeten bleibt.

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