Seltenes Himmelsschauspiel

Wolkenwalze zieht bis zu 1.000 Kilometer über Australien

 Dennis Lenz

Wolkenwalze zieht bis zu 1.000 Kilometer über Australien
(Symbolbild) Die Morning Glory ist eine außergewöhnlich lange Wolkenwalze am Golf von Carpentaria. Ihre Vorderkante entsteht dort, wo eine atmosphärische Welle feuchte Luft anhebt. Bei Burketown sind solche Wolken besonders während des australischen Frühlings zu beobachten. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Eine Wolkenwalze kann sich über dem Norden Australiens bis zu 1.000 Kilometer weit erstrecken und am Morgen über die Küste ziehen. Die gewaltige Röhre entsteht aus einer wandernden Welle in der unteren Atmosphäre, die feuchte Luft hebt und wieder absinken lässt. Rund um Burketown erscheint das als Morning Glory bekannte Naturphänomen besonders regelmäßig. Warum bildet sich ausgerechnet dort eine so ungewöhnlich lange Wolkenfront?

Am Golf von Carpentaria in Nordaustralien kann bei Tagesanbruch eine fast schnurgerade, weiße Wolkenwalze über das flache Küstenland ziehen. Manche Exemplare reichen Hunderte Kilometer weit; unter besonders günstigen Bedingungen sind nach Angaben des australischen Wetterdienstes sogar Längen bis 1.000 Kilometer möglich. Die Wolke trägt den Namen Morning Glory und gehört zu den auffälligsten sichtbaren Wetterphänomenen der Region.

Über Burketown und Normanton treffen in der Übergangszeit zwischen Trocken- und Regenzeit besondere Wind- und Temperaturverhältnisse zusammen. Das australische Bureau of Meteorology beschreibt eine Wolkenfront, die oft am frühen Morgen erscheint und manchmal aus mehreren parallel laufenden Rollen besteht. Aus der Ferne erinnert ihre glatte Vorderkante an eine riesige, waagerecht liegende Welle.

Bis zu 1.000 Kilometer Wolke ziehen über den Golf von Carpentaria

Der Golf von Carpentaria bildet eine breite Wasserfläche zwischen dem australischen Festland und der Halbinsel Cape York. Dort entwickeln sich Luftwellen, deren sichtbarer Teil bei geeigneter Feuchtigkeit eine schmale, kilometerlange Wolkenlinie bildet. Typische Morning-Glory-Wolken sind nach meteorologischen Beschreibungen etwa ein bis zwei Kilometer breit und rund einen Kilometer tief; einzelne Wolkenbasen liegen nur wenige Hundert Meter über dem Boden.

Die ungewöhnliche Form fällt besonders über der flachen Küste auf, weil der Horizont über lange Strecken frei bleibt. Statt vieler einzelner Wolkentürme steht dann eine zusammenhängende helle Walze am Himmel, die sich sichtbar über die Landschaft verschiebt. Hinter der ersten Rolle können weitere Wolkenlinien folgen, teilweise mit großen Streifen blauen Himmels dazwischen.

Über Cape York stoßen zwei Seewinde zusammen

Eine wichtige Voraussetzung entsteht bereits am Vortag über der Halbinsel Cape York, wenn Seewinde von unterschiedlichen Küsten in das Landesinnere strömen. Treffen die Luftmassen aufeinander, wird Luft nach oben gedrückt und später wieder in Richtung der Oberfläche gelenkt. In Verbindung mit der nächtlichen Abkühlung und der besonderen Schichtung über dem Golf kann daraus eine wandernde atmosphärische Welle entstehen.

In einer sogenannten Inversionsschicht steigt die Temperatur mit der Höhe, sodass die Luft darunter vergleichsweise stabil geschichtet bleibt. Die Welle breitet sich in diesem Bereich über große Entfernungen aus und hebt feuchte Luft an ihrer Vorderseite an. Beim Aufsteigen kühlt die Luft ab, Wasserdampf kondensiert und die auffällige weiße Wolkenkante wird sichtbar.

Bei Burketown wächst die Wolke vorne und löst sich hinten auf

Die scheinbare Drehbewegung der Wolkenwalze entsteht, weil an ihrer Vorderseite fortlaufend neue Tröpfchen entstehen, während sie auf der Rückseite wieder verdunsten. Luftteilchen steigen auf und sinken anschließend ab, während die Welle selbst weiterzieht. Der Meteorologe Roger Smith von der Ludwig-Maximilians-Universität München beschreibt diesen Mechanismus in seiner wissenschaftlichen Übersicht zur Morning Glory.

Für Beobachter am Boden kündigt sich die Front mitunter durch eine spürbare Windböe und einen raschen Wechsel der Windrichtung an. Meteorologische Messungen dokumentieren zudem kurze Luftdrucksprünge, während die Welle über einen Standort hinwegzieht. Die markante Form kann sich auflösen, sobald Feuchtigkeit oder stabile Luftschichtung für die weitere Wolkenbildung fehlen.

Im September und Oktober erscheint die Morning Glory bei Burketown

Die Gegend um Burketown zählt zu den wenigen Orten der Welt, an denen sich solche Wolkenrollen in einer bestimmten Jahreszeit vergleichsweise regelmäßig beobachten lassen. Besonders zwischen September und November begünstigen die regionalen Wetterverhältnisse die Entstehung, wobei nicht jede Luftwelle eine sichtbare Wolke trägt. Die örtliche Tourismusinformation nennt auch den traditionellen Namen Mabantha aus der Sprache der Gangalidda-Garawa.

Segelflieger reisen eigens in die Region, um die aufsteigende Luft vor der Wolkenfront zu nutzen und entlang der Welle zu gleiten. Pilot Al Sim beschrieb bei einer dokumentierten Beobachtung nahe Mornington Island die Erfahrung als eine Art Surfen am Himmel. Solche Flüge erfordern sorgfältige Planung, weil die Front neben Aufwind auch kräftige Böen und Windscherungen mitbringen kann.

Bis zu 60 Kilometer pro Stunde bewegt sich die Wolkenfront

Die wissenschaftlich beschriebenen Wellen ziehen häufig mit etwa zehn bis fünfzehn Metern pro Sekunde über den Golf, entsprechend rund 36 bis 54 Kilometern pro Stunde. Regional werden auch Geschwindigkeiten um 60 Kilometer pro Stunde genannt, wobei Richtung und Tempo mit der Wetterlage wechseln. Eine lange Wolkenrolle kann damit innerhalb einer Stunde deutlich über die Küstenlinie hinauswandern.

Der spektakuläre Anblick hängt letztlich von einer präzisen Abfolge ab: Seewinde treffen zusammen, die Nacht verändert die Luftschichtung und eine Welle hebt feuchte Luft an. An ihrer Vorderkante wächst die weiße Walze, hinter ihr verdunstet sie wieder. Wer bei Burketown im ersten Morgenlicht eine kilometerlange Wolkenfront am Horizont erkennt, sieht genau diesen Vorgang in Bewegung.

Australian Bureau of Meteorology, Meet the locals: when the weather gives the place character

R. K. Smith, The Morning Glory and related phenomena

Goler und Reeder, The Generation of the Morning Glory; doi:10.1175/1520-0469(2004)061<1360:TGOTMG>2.0.CO;2

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