Kaum ein Ökosystem wurde so oft abgeschrieben wie die Mangrovenwälder der Tropen. Abholzung für Garnelenfarmen, Reisfelder und Küstenstädte ließ die Bestände über Jahrzehnte schrumpfen. Eine Auswertung von 40 Jahren Satellitendaten kommt nun zu einem überraschenden Ergebnis, denn seit rund 16 Jahren übertreffen die Zugewinne die Verluste. Über den gesamten Zeitraum seit den 1980er Jahren beträgt der Nettoverlust nur noch etwa ein Prozent. Die Forscher sprechen von einem globalen Wendepunkt.
Mangroven sind salztolerante Bäume und Sträucher, die in den Gezeitenzonen tropischer und subtropischer Küsten wachsen und mit ihren charakteristischen Stelzwurzeln regelrechte Wälder im Meerwasser bilden. Für den Menschen gehören sie zu den wertvollsten Ökosystemen überhaupt. Ihre dichten Wurzelgeflechte brechen die Energie von Sturmfluten und schützen so Millionen Küstenbewohner, sie dienen unzähligen Fisch- und Krebsarten als Kinderstube und sichern damit die Ernährungsgrundlage ganzer Regionen. Zudem speichern Mangrovenwälder pro Fläche mehr Kohlenstoff als die meisten Landwälder, weil organisches Material in ihren sauerstoffarmen Schlickböden über Jahrhunderte konserviert wird. Genau deshalb galt ihr jahrzehntelanger Rückgang als eine der bedrohlichsten Entwicklungen des globalen Küstenschutzes, denn mit jedem gerodeten Hektar verschwanden Schutzwirkung, Fischgründe und Kohlenstoffspeicher zugleich.
Wie dramatisch die Lage lange war, zeigen die historischen Zahlen der neuen Untersuchung. Zwischen den 1980er Jahren und dem Jahr 2010 verlor die Erde netto fast 2.900 Quadratkilometer Mangrovenfläche, mehr als die Fläche des Saarlandes. Der Schwund konzentrierte sich vor allem auf Südostasien und erreichte zwischen 1990 und 2005 seinen Höhepunkt, als in Myanmar und Indonesien großflächig gerodet wurde, häufig für Aquakulturen und Landwirtschaft. Frühere globale Bilanzen beruhten überwiegend auf Radardaten, die Mangroven nur schwer von anderen Küstenvegetationen unterscheiden können, und zeichneten deshalb ein unvollständiges Bild. Ein Team um Zhen Zhang von der Tulane University wertete nun gemeinsam mit Forschern der University of Cambridge vier Jahrzehnte optischer Satellitendaten aus und rekonstruierte die Entwicklung der Mangrovenwälder erstmals lückenlos von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart.
Das Ergebnis der im Fachjournal Science veröffentlichten Analyse markiert eine Trendwende, denn etwa ab dem Jahr 2010 begannen Ausbreitung und natürliche Regeneration die fortlaufenden Verluste auszugleichen. Seit rund 16 Jahren legen die Bestände unter dem Strich sogar zu, sodass sich der Nettoverlust über den gesamten Untersuchungszeitraum auf nur noch etwa ein Prozent summiert, weit weniger als bisherige Schätzungen nahelegten. Getragen wird die Erholung von mehreren Faktoren. Die Entwaldungsraten sind in den vergangenen Jahren deutlich gesunken, strengere Schutzgesetze und Renaturierungsprogramme zeigen Wirkung, und in vielen Regionen erobern Mangroven neu entstandene Küstenflächen von selbst, etwa Sedimentbänke in Flussdeltas. Der größte Teil der Zugewinne stammt dabei aus dieser natürlichen Ausbreitung in neue Gebiete und nicht aus aktiven Pflanzprojekten.
Studienleiter Zhang spricht von einem globalen Wendepunkt nach Jahrzehnten des Verlusts und wertet die Daten als Beleg für die enorme Widerstandsfähigkeit des Ökosystems, wie die University of Cambridge in ihrer Mitteilung zur Studie hervorhebt. Zugleich warnen die Autoren vor Entwarnung, denn die globale Bilanz verdeckt regionale Unterschiede. In einzelnen Ländern schreitet die Zerstörung weiter voran, und neu entstandene Bestände können die ökologischen Funktionen jahrhundertealter Wälder erst nach langer Zeit vollständig ersetzen. Auch der steigende Meeresspiegel und häufigere Extremstürme setzen den Küstenwäldern künftig zu. Dennoch gilt der Befund als eine der bedeutendsten positiven Umweltnachrichten der vergangenen Jahre, weil er zeigt, dass konsequenter Schutz und natürliche Regeneration ein totgesagtes Ökosystem tatsächlich zurückbringen können. Für Klimaschutz und Küstensicherheit wäre eine dauerhafte Fortsetzung dieses Trends ein doppelter Gewinn.
Science, Unexpected expansion and regrowth in Earth's mangrove forests over the past four decades; doi:10.1126/science.aec9773