Feuer im Waldarchiv

See in Australien enthüllt 1000 Jahre verborgene Brandgeschichte

 Dennis Lenz

See in Australien enthüllt 1000 Jahre verborgene Brandgeschichte
(Symbolbild) Ein See in Australien bewahrt Spuren früherer Vegetation und vergangener Feuer. Sein Sedimentarchiv reicht ungefähr ein Jahrtausend zurück und umfasst einen tiefen Wandel der Landnutzung. Die Untersuchung verbindet mikroskopische Pflanzenreste mit einer Rekonstruktion der Brandgeschichte. Sie ergänzt die Erklärung heutiger Waldbrandgefahren um Entwicklungen, die lange vor der aktuellen Erwärmung begannen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Ein See in Australien bewahrt Spuren einer Landschaft, die vor der europäischen Kolonisierung anders mit Feuer umging. Ein Sedimentkern reicht ungefähr 1.000 Jahre zurück und verbindet Veränderungen der Vegetation mit der Geschichte früherer Brände. Die neue Auswertung zeigt einen tiefen Umbruch lange vor der heutigen Erwärmung. Seine Folgen könnten die Anfälligkeit der Wälder bis heute verstärken.

Rund um Purghagoolah in Gippsland wächst heute dichter Wald. Der See in Australien, der auch Lake Elusive heißt, liegt im Croajingolong National Park auf dem Land der Gunaikurnai. Unter seiner Wasseroberfläche sammeln sich Spuren dessen, was in der Umgebung geschieht: Pollen aus der Vegetation, verkohlte Pflanzenreste und mineralisches Material, das aus dem Einzugsgebiet eingetragen wird. Schicht für Schicht entsteht dadurch ein natürliches Umweltarchiv. Anders als ein heutiges Landschaftsfoto kann es Hinweise darauf liefern, wann sich ein Wald verdichtete und welche Art von Feuer zuvor auftrat. Das Grundprinzip ähnelt anderen natürlichen Archiven, etwa einer Muschelschale mit gespeicherter Klimageschichte, doch die enthaltenen Informationen unterscheiden sich. Im See interessieren vor allem die zeitlichen Beziehungen zwischen Pflanzen, Bränden und Bodeneintrag. Sie ermöglichen einen Blick auf Veränderungen, die vor modernen Messreihen und systematischen Landschaftsaufnahmen liegen.

Eine am 7. Oktober 2026 in Nature veröffentlichte Studie zur australischen Brandgeschichte nutzt dieses Archiv, um die Entwicklung der vergangenen rund 1.000 Jahre zu rekonstruieren. Das Team um Michael-Shawn Fletcher untersucht gemeinsam mit der Gunaikurnai Land and Waters Aboriginal Corporation, wie Vegetation und Feuer vor und nach dem Eingriff der europäischen Kolonisierung zusammenwirkten. Dabei geht es nicht nur darum, ob es überhaupt brannte. Entscheidend sind auch die Eigenschaften der Brände und die Struktur der Landschaft, durch die sie liefen. Ein offenes, regelmäßig kleinräumig beeinflusstes Waldgebiet kann anders auf Feuer reagieren als ein dichter Bestand mit einer anderen Verteilung brennbaren Materials. Die Untersuchung verbindet deshalb mehrere unabhängige Messgrößen. So soll erkennbar werden, welche Veränderungen gemeinsam auftraten und in welcher Reihenfolge sie einsetzten. Gerade diese zeitliche Ordnung ist notwendig, um mögliche Ursachen nicht mit ihren späteren Folgen zu verwechseln.

Wie der See in Australien seine Geschichte bewahrt

Die veröffentlichte Datengrundlage zu Purghagoolah beschreibt einen einen Meter langen Sedimentkern, der am 9. Februar 2021 an der tiefsten Stelle des Sees gewonnen wurde. Das Gewässer ist ungefähr 40 Hektar groß und rund 21 Meter tief. Der Kern wurde in Abständen von einem halben bis einem Zentimeter beprobt. Solche Angaben sind mehr als technische Nebensachen: Sie legen fest, wie fein sich Veränderungen über die Tiefe verfolgen lassen. Dabei entspricht ein Zentimeter nicht automatisch in jeder Schicht demselben Zeitraum. Material kann sich unterschiedlich schnell ablagern, und die zeitliche Zuordnung muss deshalb eigenständig untersucht werden. Der Kern liefert somit keine unmittelbar beschriftete Jahreschronik. Erst die Verbindung der Schichten mit Datierungen und mehreren Umweltindikatoren macht daraus eine Rekonstruktion der Landschaftsgeschichte. Jede Aussage über die Reihenfolge früherer Veränderungen hängt davon ab, wie zuverlässig diese Zuordnung gelingt.

Was Pollen und Holzkohle über frühere Wälder verraten

Pollen helfen dabei, die damalige Vegetation einzugrenzen. Verschiedene Pflanzen erzeugen unterscheidbare Pollenkörner, die sich unter dem Mikroskop zuordnen lassen. Ihre Anteile sind jedoch nicht einfach mit dem Anteil der jeweiligen Pflanzen an der Landschaft gleichzusetzen. Manche Arten produzieren mehr Pollen, und ihre Körner können unterschiedlich weit transportiert werden. Deshalb ergänzt die Auswertung die Zählungen durch eine modellgestützte Rekonstruktion der Vegetationsbedeckung. Die erhaltenen Werte werden zusammen mit weiteren Messgrößen betrachtet, statt aus einem einzelnen Pollenfund bereits auf einen bestimmten Waldzustand zu schließen. Dieses Vorgehen ist besonders wichtig, wenn sich die Landschaft allmählich verdichtet. Es geht dann nicht um das erstmalige Auftauchen von Eukalypten, sondern um eine Veränderung ihrer Bedeutung innerhalb des vorhandenen Pflanzenbestands. Die Frage lautet also, wie sich die Zusammensetzung und Offenheit der Umgebung über längere Zeiträume verschoben haben und ob diese Verschiebung mit Änderungen des Brandgeschehens zusammenfällt.

Die Holzkohle liefert eine zweite Ebene. Ihre Menge kann Hinweise auf frühere Feuer geben, während ihre chemischen Eigenschaften zusätzliche Informationen über die Entstehungsbedingungen enthalten. Das Team verwendete Infrarotspektroskopie, um aus den Eigenschaften verkohlter Pflanzenreste auf frühere Verbrennungstemperaturen zu schließen. Dafür werden alte Proben mit Referenzmaterial verglichen, das unter bekannten Bedingungen entstanden ist. Das ist kein nachträglich aufgenommenes Wärmebild eines historischen Brandes, sondern eine indirekte Rekonstruktion. Ergänzend helfen Messungen des eingetragenen mineralischen Materials, Veränderungen der Bodenerosion zu erkennen. Für die zeitliche Einordnung wurden unterschiedliche Datierungsverfahren miteinander verbunden, darunter Radiokarbon- und Blei-210-Datierungen. Der Erkenntnisgewinn entsteht aus dem Zusammenpassen dieser unabhängigen Spuren. Wenn sich Vegetation, Holzkohle und Bodeneintrag in derselben Phase verändern, lässt sich ein umfassenderer Landschaftswandel begründen, als es mit einem einzelnen Messwert möglich wäre. Unsicherheiten der Datierung und der jeweiligen Umweltanzeiger bleiben dabei Teil der wissenschaftlichen Einordnung.

Vor der Kolonisierung wirkten Feuer anders auf die Landschaft

Die Rekonstruktion deutet auf einen lange vergleichsweise stabilen, offeneren Waldzustand hin, der mit häufigen kleinräumigen Bränden niedrigerer Temperatur verbunden war. Das Team bringt dieses Muster mit der kulturellen Landbewirtschaftung der Gunaikurnai in Verbindung. Die University of Melbourne erläutert die Untersuchung als Ergebnis einer Zusammenarbeit, die Sedimentforschung und indigenes Wissen miteinander verbindet. Mit der europäischen Kolonisierung wurde diese Form der Landschaftspflege unterbrochen. In den untersuchten Ablagerungen folgt darauf ein deutlich verändertes Brandgeschehen. Der Befund bedeutet nicht, dass es zuvor niemals gefährliche Feuer oder extreme Wetterbedingungen gab. Er betrifft vielmehr die Frage, wie die Landschaft unter solchen Bedingungen reagierte. Die Kombination aus Vegetationsstruktur und wiederkehrender Bewirtschaftung scheint den Umgang mit Feuer über lange Zeit geprägt zu haben. Der spätere Bruch veränderte daher nicht nur menschliche Nutzungsweisen, sondern auch die Bedingungen, unter denen neue Brände entstehen und sich ausbreiten konnten.

Heißere Brände gingen der Verdichtung des Waldes voraus

Besonders wichtig ist die Reihenfolge des Umbruchs. In der Rekonstruktion traten zunächst heißere Brände auf, danach nahm die Eukalyptusbedeckung stark zu. Die Studie beschreibt ungefähr eine Vervierfachung der Bedeckung und einen Wechsel von einer offeneren zu einer dichteren Waldlandschaft. Daraus ergibt sich eine mögliche Rückkopplung: Veränderte Brände beeinflussen die Vegetation, und die anschließend veränderte Vegetation kann wiederum die Bedingungen künftiger Feuer verschieben. Ein zerstörerischer Brand muss den Wald demnach nicht dauerhaft weniger brandanfällig machen. Unter bestimmten Bedingungen kann die nachfolgende Entwicklung neue Voraussetzungen für weitere schwere Brände schaffen. Der Befund ist deshalb genauer als die einfache Aussage, mehr Bäume hätten den ersten problematischen Brand verursacht. Er beschreibt eine zeitliche Abfolge mit wechselseitigen Einflüssen. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass dichte Wälder grundsätzlich überall gefährlicher seien. Die beobachtete Entwicklung betrifft eine konkrete Landschaft mit einer bestimmten Vegetations-, Nutzungs- und Brandgeschichte.

Warum die Ergebnisse den Klimawandel nicht widerlegen

Der rekonstruierte Umbruch setzte vor dem heutigen menschengemachten Erwärmungstrend ein. Das zeigt, dass veränderte Landnutzung eine eigenständige Rolle spielen kann. Es bedeutet nicht, dass die Erwärmung für heutige Waldbrände unwichtig wäre. Der australische Wetterdienst beschreibt im Bericht über Australiens verändertes Klima eine Zunahme gefährlicher Feuerwettertage in vielen Regionen und einen früheren Beginn der südlichen Feuersaison. Wetterbedingungen und Landschaftszustand beantworten unterschiedliche Teile derselben Frage. Hitze, Trockenheit und Wind können die Bedingungen für ein Feuer verschärfen, während die Vegetation beeinflusst, welches brennbare Material vorhanden ist und wie es verteilt liegt. Beide Ebenen können sich gegenseitig verstärken. Die neue Arbeit ergänzt deshalb die Erklärung heutiger Risiken um eine historische Voraussetzung. Eine bereits umgestaltete Landschaft trifft auf ein verändertes Klima. Die Untersuchung liefert keinen Grund, einen dieser Einflüsse auszublenden oder aus der Existenz des einen die Bedeutungslosigkeit des anderen abzuleiten.

Was die alte Brandgeschichte für heutige Wälder bedeutet

Der See in Australien zeigt vor allem, dass der heutige Waldzustand nicht ohne Weiteres als unveränderter natürlicher Ausgangspunkt betrachtet werden kann. Er trägt die Folgen früherer Eingriffe und unterbrochener Bewirtschaftung in sich. Für den Umgang mit Brandrisiken ist deshalb wichtig, welche Landschaft ursprünglich vorhanden war und wie sie sich nach Veränderungen entwickelt hat. Daraus folgt jedoch keine einfache, überall anwendbare Anweisung zum häufigeren Abbrennen oder pauschalen Auslichten. Kulturelle Feuerpraxis ist an Wissen über den jeweiligen Ort, geeignete Bedingungen und konkrete ökologische Zusammenhänge gebunden. Die Studie macht diese Geschichte zu einem Teil der wissenschaftlichen Erklärung, statt sie als bloßen Hintergrund zu behandeln. Ihr stärkster Befund ist die Verbindung zwischen einem historischen Umbruch und einer späteren ökologischen Rückkopplung. Ein unscheinbarer Sedimentkern kann dadurch sichtbar machen, weshalb heutige Wälder auf Belastungen anders reagieren als dieselbe Landschaft vor Jahrhunderten und warum moderne Brandvorsorge auch ihre Vorgeschichte berücksichtigen muss.

Nature, Australia’s current wildfire crisis linked to colonial land-use change; doi:10.1038/s41586-026-11097-z

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