Lokale Verluste

Neue Studie zeigt Artenschwund durch Klimawandel in gemäßigten Regionen

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Der Klimawandel verändert bereits heute Lebensräume in gemäßigten Regionen. Eine neue Analyse zeigt, dass lokale Populationen vieler Arten stärker unter Druck stehen als lange angenommen. Für den Artenschutz rückt damit die Frage in den Mittelpunkt, wo Arten vor Ort noch überleben können. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Eine neue Analyse in Nature Climate Change verschiebt den Blick auf den Artenschwund durch Klimawandel. Auswertungen von mehr als 5.100 Tier- und Pflanzenarten an 39.157 Untersuchungsorten zeigen, dass lokale Aussterben in gemäßigten Regionen besonders häufig auftreten. Der Befund ist für Europa relevant, weil viele Schutzkonzepte bisher stark auf die heißesten Lebensräume am Rand eines Verbreitungsgebiets fokussieren. Entscheidend ist nicht nur, ob eine Art irgendwo noch existiert, sondern ob ihre einzelnen Populationen vor Ort erhalten bleiben.

Der aktuelle Anlass ist eine am 18. Juni 2026 veröffentlichte Analyse in Nature Climate Change, in der Forscher Daten aus wiederholten Erhebungen von Pflanzen und Tieren weltweit ausgewertet haben. Als lokale Aussterben bezeichnen Ökologen den Verlust einer Population an einem bestimmten Ort, während die Art in anderen Teilen ihres Verbreitungsgebiets noch vorkommen kann. Für die Bewertung von Biodiversität ist dieser Unterschied zentral, weil Ökosysteme nicht erst dann reagieren, wenn eine Art global verschwunden ist. Bereits der Verlust einzelner Populationen kann Bestäubung, Nahrungsketten, Konkurrenzbeziehungen und die genetische Vielfalt verändern. Die neue Studie ist deshalb nachrichtenstark, weil sie eine verbreitete Annahme korrigiert: Nicht nur tropische Arten stehen unter hohem Klimadruck, sondern auch Arten in Breiten, die lange als etwas widerstandsfähiger galten. Dadurch rückt die biologische Realität in gemäßigten Zonen stärker in den Vordergrund.

Für deutsche Leser ist der Befund besonders relevant, weil Deutschland vollständig in einer gemäßigten Klimazone liegt und viele heimische Arten schon heute auf verschobene Temperatur- und Niederschlagsmuster reagieren. Der Klimawandel verändert nicht nur Extremwerte, sondern auch die Stabilität von Lebensräumen, die Verfügbarkeit von Wasser, die Länge von Vegetationsperioden und die zeitliche Abstimmung zwischen Pflanzen, Insekten und ihren Fressfeinden. Wenn Populationen an warmen oder zunehmend trockenen Standorten verschwinden, können Schutzgebiete ihre frühere Funktion verlieren, obwohl sie formal weiter bestehen. Artenschutz muss daher stärker berücksichtigen, wo einzelne Populationen noch langfristig überleben können und welche Landschaftsstrukturen Wanderungen ermöglichen. Der neue Befund verbindet globale Daten mit einer konkreten Frage: Welche Regionen galten bisher als sicherer, sind es aber möglicherweise nicht mehr? Für gemäßigte Regionen ist diese Frage nicht abstrakt, sondern betrifft Wälder, Gewässer und offene Landschaften.

Was die Forscher weltweit verglichen haben

Die Forscher um Gopal Murali, Dirk N. Karger und John J. Wiens nutzten Daten aus sogenannten Wiedererhebungen. Dabei werden frühere Fundorte einer Art nach Jahren oder Jahrzehnten erneut untersucht, um zu prüfen, ob die Population noch vorhanden ist. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass sie reale Veränderungen an konkreten Orten erfasst und nicht nur zukünftige Verbreitungsmodelle berechnet. In der neuen Auswertung gingen 5.151 Pflanzen- und Tierarten sowie 39.157 Untersuchungsorte ein. Verglichen wurden historische Nachweise mit späteren Erhebungen, wobei die Forscher den Klimabezug der Verluste anhand von Erwärmung, Niederschlag, Trockenheit und Hitzewellen einordneten. Zusätzlich wurden Standorte ausgeschlossen, die stark durch andere Faktoren wie Entwaldung beeinflusst sein konnten. Dadurch sollte klarer werden, welche lokalen Verluste mit veränderten klimatischen Bedingungen zusammenhängen und welche Muster über sehr unterschiedliche Lebensräume hinweg bestehen bleiben.

Das auffälligste Ergebnis ist der Unterschied zwischen den Klimazonen. In gemäßigten Regionen hatten 49 Prozent der untersuchten Arten am heißesten Rand ihres Verbreitungsgebiets lokale Populationen verloren. In tropischen Regionen lag dieser Anteil bei 33 Prozent. Über alle untersuchten Arten hinweg verschwanden 45 Prozent am wärmsten Rand ihres früheren Vorkommens. Für mehrere Gruppen, darunter Insekten, landlebende Wirbeltiere und marine Arten, lag der Anteil sogar über 50 Prozent. Die Zahlen bedeuten nicht, dass diese Arten weltweit ausgestorben sind. Sie zeigen aber, dass Populationen vor Ort bereits unter Bedingungen verschwinden, die früher noch zu ihrem Verbreitungsgebiet gehörten. Für die Bewertung bedrohter Arten ist das entscheidend, weil lokale Verluste Nahrungsketten, Fortpflanzungsbeziehungen und die räumliche Stabilität von Lebensgemeinschaften verändern können. Ein verschwundener Bestand kann deshalb mehr bedeuten als ein einzelner Punkt auf einer Verbreitungskarte.

Warum gemäßigte Regionen stärker auffallen

Die Studie nennt zwei Erklärungen für das überraschende Muster. Erstens haben sich gemäßigte Regionen in den ausgewerteten Zeiträumen stärker erwärmt als viele tropische Regionen. Eine Meldung der University of Arizona ordnet die neue Analyse ein und verweist darauf, dass die maximale Erwärmung über 25 Jahre in tropischen Regionen etwa 1,8 Grad Celsius betrug, während sie in gemäßigten Regionen etwa 3,3 Grad Celsius erreichte. Zweitens zeigten die untersuchten Arten in gemäßigten Breiten offenbar keine so große Temperaturtoleranz, wie lange angenommen wurde. Viele Schutzdebatten gingen davon aus, dass tropische Arten wegen stabilerer Jahreszeiten besonders empfindlich reagieren. Die neue Analyse widerspricht dieser einfachen Trennung. Sie zeigt, dass schnelle regionale Erwärmung und biologische Empfindlichkeit zusammenwirken können, sodass Populationen in gemäßigten Breiten großflächiger verschwinden. Damit ändern sich auch Prioritäten für Monitoring, Schutzplanung und Wiederherstellung geschädigter Lebensräume.

Besonders wichtig ist, dass die Verluste in gemäßigten Regionen nicht nur am wärmsten Rand des Verbreitungsgebiets auftraten. In den Tropen konzentrierten sich die lokalen Ausfälle stärker auf die heißesten Bereiche. In gemäßigten Breiten verschwanden Populationen dagegen an vielen Stellen innerhalb des Verbreitungsgebiets. Das erschwert den Artenschutz, weil Schutzmaßnahmen nicht allein auf die äußersten warmen Randzonen ausgerichtet werden können. Wenn ein Lebensraum zugleich wärmer, trockener und stärker von Extremereignissen geprägt wird, kann eine Art auch in Gebieten unter Druck geraten, die bisher als Kernräume galten. Für Europa ist dieser Punkt wichtig, weil viele Landschaften durch Straßen, Städte, Landwirtschaft und Gewässerregulierung bereits stark zerschnitten sind. Solche Barrieren können verhindern, dass Tiere oder Pflanzen auf kühlere Standorte ausweichen. Besonders Gebirgsarten, Amphibien, Fische und wenig mobile Pflanzen haben dadurch oft nur begrenzte Ausweichmöglichkeiten.

Was der Befund für den Naturschutz bedeutet

Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass tropische Ökosysteme sicher sind. Tropische Arten bleiben stark gefährdet, unter anderem durch Entwaldung, Hitze, Trockenheit, invasive Arten und direkte menschliche Nutzung. Die neue Analyse verschiebt jedoch die Gewichtung: Gemäßigte Regionen dürfen in Klimaschutz und Naturschutz nicht als vergleichsweise robuste Zone behandelt werden. Für Deutschland und andere europäische Länder spricht der Befund dafür, Schutzgebiete stärker miteinander zu vernetzen, Gewässer kühler und durchgängiger zu halten und natürliche Rückzugsräume in Wäldern, Mooren und offenen Landschaften zu erhalten. Die Studie zeigt zudem, dass Biodiversität bereits messbar auf aktuelle Erwärmung reagiert. Es geht daher nicht nur um Projektionen bis 2100, sondern um biologische Veränderungen, die in vielen Regionen bereits stattgefunden haben. Die Planung muss deshalb stärker auf beobachtete Verluste reagieren und nicht nur auf Modellkarten der Zukunft.

Nature Climate Change, Temperate local extinctions from climate change are outpacing tropical extinctions; doi:10.1038/s41558-026-02669-y

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