Studien im Blick

Lässt sich der Klimawandel noch stoppen?

von Dennis L.

Eine weltweite Aufforstung könne die Klimaproblematik lösen, so lautet ein aktuelles Studienergebnis, welches für viele Schlagzeilen sowie Diskussionen sorgt. Viele andere Klimaforscher sind hingegen überzeugt, dass sich die Klimakatastrophe und damit deren Folgen nicht mehr aufhalten lässt. Es ist daher an der Zeit, einmal einen Blick auf die derzeitige Studienlage zu werfen, um zu klären, ob das Stoppen des Klimawandels ein realistisches Szenario ist und wie dieses laut wissenschaftlichem Stand herbeigeführt werden könnte.

Der Klimawandel ist ein brisantes Thema, welches derzeit auch die Forschung intensiv beschäftigt. Während sich einige Studien mit den Ursachen und der Frage beschäftigen, ob es überhaupt eine „unnatürliche“ Klimaerwärmung gibt und die Menschen dafür der Grund sind, suchen andere nach Lösungen. Umstritten ist aber, ob sich die Entwicklung eigentlich noch aufhalten lässt und wenn, wie? Mit letzterer Frage haben sich unlängst auch Forscher der ETH Zürich im Rahmen ihrer Studie „The global tree restoration potential“ auseinandergesetzt. In diesem Zuge kamen sie zu einer Antwort, welche Mut macht: Demnach könne eine Aufforstung aller auf der Welt verfügbaren Freiflächen zwei Drittel der klimaschädlichen Emissionen aufnehmen und damit neutralisieren – und zwar ohne, dass urbane Gebiete oder Anbauflächen weichen müssten.

Konzept der Aufforstung ist umstritten

Auf den ersten Blick scheint es also eine einfache Lösung zu geben und somit Hoffnung, in Kombination mit weiteren Maßnahmen durch diese Aufforstung eine Klimakatastrophe abwenden zu können. Auf den zweiten Blick bringen die Studienergebnisse aber den einen oder anderen Haken mit sich – weshalb sie in Fachkreisen hitzig diskutiert werden: Einerseits bräuchte es erst einmal jemanden, welcher diese Aufforstung übernimmt. Das würde länderübergreifende Abkommen, zeitintensive Verhandlungen und eine Menge Bürokratie bedeuten. Vor allem auf der politischen Ebene warten also zahlreiche Hürden.

Andererseits entstehen Wälder aber auch nicht von heute auf morgen, sondern brauchen viele Jahrzehnte, um in klimatischer Hinsicht ihr volles Potential entfalten zu können. Doch Zeit ist das Hauptproblem, mit welchem sich die Wissenschaft derzeit im Kampf gegen den Klimawandel konfrontiert sieht. Bis vor Kurzem bezogen sich viele Prognosen einer Klimakatastrophe auf Zahlen wie das Jahr 2050 oder 2100. Sie suggerierten also, es bliebe noch ausreichend Zeit, um beispielsweise technologische Lösungen für das Problem zu finden.

Bleibt nur noch ein Jahrzehnt Zeit?

Nun ist aber klar: Der Klimawandel schreitet deutlich schneller voran als gedacht und somit könnte schon in wenigen Jahren die kritische Marke von einer Erwärmung um 1,5 Grad Celsius erreicht werden. Sollte sich an der aktuellen Lage, sprich der Höhe der Emissionen, nichts ändern, wird das schon in etwa zehn Jahren der Fall sein, so das Ergebnis des jüngsten IPPC-Sonderberichts. Zeit für technologische Meilensteine oder eine flächendeckende Aufforstung bleibt also nicht mehr.

Nur, wenn die Emissionen um mindestens die Hälfte und langfristig sogar noch weiter reduziert werden, könnte sich diese Prognose wieder nach hinten verschieben. Mit einem Blick auf die aktuelle Lage klingt das wenig realistisch. Und selbst, wenn dieses Ziel erreicht wird, könnte das unter Umständen nicht ausreichen. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls eine weitere Studie mit dem Titel „Trajectories of the Earth System in the Anthropocene“. Demnach könnte bereits jetzt der Zeitpunkt überschritten worden sein, zu welchem sich die Entwicklung noch stoppen lässt. Schuld daran seien die sogenannten Kippfaktoren, welche in vielen Klimamodellen nämlich nicht berücksichtigt und somit auch nicht eingerechnet werden.

Es könnte zu spät für die Kehrtwende sein

Bei diesen Kippelementen handelt es sich um Kettenreaktionen, welche durch den Klimawandel ausgelöst werden und dessen Fortschreiten beschleunigen. Und auch diese könnten dafür sorgen, dass das Konzept der Aufforstung in der Praxis nicht funktioniert. Die Bäume sind nämlich ein solcher „Kippschalter“: Je wärmer das Klima, desto weniger Bäume überleben. Es kommt also zu einem Massensterben von Bäumen, wodurch sie immer weniger der klimaschädlichen Emissionen auffangen können. Selbst, wenn also neue Wälder gepflanzt werden würden, gäbe es keine Garantie für deren Wachstum sowie Überleben. Dieses ist aber nur ein Kippelement von mehreren. Zwei weitere von vielen möglichen Beispielen sind

  1. die arktischen Permafrostböden, welche durch die Temperaturzunahme langsam abschmelzen. Dabei werden riesige Mengen an klimaschädlichen Gasen wie Kohlenstoffdioxid freigesetzt.
  2. das Absterben der Regenwälder, sei es durch Abholzung, Brände oder Austrocknung aufgrund der selteneren Regenfälle. Sie gelten als einer der wichtigsten Stabilisatoren des Klimas und könnten durch ihr Verschwinden zahlreiche Kettenreaktionen in Gang setzen – zum Beispiel die Beschleunigung der Erderwärmung.

Ob sich der Klimawandel noch stoppen lässt, kann also zum jetzigen Standpunkt nicht mit Gewissheit vorausgesagt werden. Sicher ist jedoch, dass entsprechende Versuche so schnell und umfassend wie möglich unternommen werden müssen. Wie bereits erwähnt, beschäftigen sich daher viele der aktuellen Studien mit der Suche nach Lösungen. Die Aufforstung kann in diesem Zuge eine sinnvolle Strategie sein, wird aber – wie nun deutlich geworden ist – alleine nicht ausreichend.

Lösungen für Ursachen und Symptome

Um ein Lösungskonzept für den Kampf gegen dem Klimawandel zu finden, wird derzeit in viele verschiedene Richtungen geforscht. Zahlreiche Menschen stecken ihre Hoffnungen in das Geoengineering, jedoch gibt es bisher keine durchschlagenden Ideen und selbst wenn, so müssten diese aufgrund ihrer großen Auswirkungen auf die Umwelt erst einmal sorgfältig, sprich langjährig, getestet werden. Die Aufforstung alleine wird aber auch nicht ausreichen. Wie also sehen weitere der aktuellen Lösungsvorschläge aus?

  • In ihrer Studie mit dem Namen „The climate mitigation gap: education and government recommendations miss the most effective individual actions“ haben sich die Forscher mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein Sinken der Geburtenraten den Klimawandel stoppen könnte. Ihr Ergebnis lautet: Tatsächlich könnte durch den Verzicht auf das Kinderkriegen die Klimaerwärmung entschleunigt werden. Dennoch relativieren sie diese Aussage und betonen, dass auch andere Maßnahmen wie eine Umstellung der Lebensgewohnheiten denselben Effekt erzielen könnten.
  • Hierbei kommt das Recycling ins Spiel, denn auch dadurch lassen sich die Treibhausgase stoppen – oder zumindest erheblich reduzieren – so die Aussage des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Anzusetzen ist hierfür auf zwei Ebenen: Einerseits beim Recycling vom Müll und andererseits bei der Müllvermeidung. Auch die Verbraucher sind also dazu angehalten, durch bewussteren Konsum weniger Müll zu produzieren und kaputte Dinge wieder zu reparieren, anstatt aus diesen ein Opfer der modernen Wegwerfgesellschaft zu machen.

Zuletzt muss auch bei der Industrie angesetzt werden, denn eine im Fachjournal „Climatic Change“ veröffentlichte Analyse kam zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel der Emissionen durch gerade einmal 90 Unternehmen weltweit ausgestoßen werden.

Die Änderung der Verhaltensweisen in der Gesellschaft oder eine Aufforstung sind also zwar sinnvolle Ansatzpunkte, würden in der Praxis aber nicht für das Aufhalten des Klimawandels ausreichen, wenn nicht diese größten Klimasünder ebenfalls entsprechende Maßnahme ergreifen. Während sich also die technologischen Lösungen eher den Symptomen widmen und beispielsweise versuchen, die klimaschädlichen Gase aus der Luft zu filtern, sollte zeitgleich auf anderen Ebenen im Bereich der Ursachen angesetzt werden.

Fazit

Schlussendlich lässt sich somit sagen, dass der Klimawandel nicht mehr mit Sicherheit gestoppt werden kann – auch nicht in dem unrealistischen Szenario, dass sofort die klimaschädlichen Emissionen eingedämmt oder vollständig vermieden werden. Dennoch muss versucht werden, die Klimaerwärmung noch aufzuhalten oder zumindest zu entschleunigen, um gefährliche Kettenreaktionen zu verhindern. Eine Aufforstung, wie sie in der derzeit so viel diskutierten Studie geschildert wird, könnte dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Ausreichend wird sie aber aufgrund der genannten Probleme nicht sein – allen voran der fehlenden Zeit. Sie sollte daher zwar schnellstmöglich begonnen werden, zeitgleich braucht es aber weitere Maßnahmen auf vielerlei Ebenen, um sowohl die Ursachen als auch die Symptome des Klimawandels zu bekämpfen. Dann besteht vielleicht noch Hoffnung, eine Heißzeit abzuwenden oder zumindest abzumildern, so der aktuelle Stand der Wissenschaft.

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