Hawaii hat ein Plastikproblem, und Forscher wollen es buchstäblich unter den Asphalt bringen. Auf der Insel Oahu wurden Straßen mit Asphalt gebaut, der alte Fischernetze und Plastikmüll aus Haushalten enthält. Die entscheidende Frage war, ob diese Straßen beim Befahren mehr Mikroplastik abgeben als gewöhnliche Fahrbahnen. Die ersten Messungen nach elf Monaten fallen anders aus, als Kritiker befürchtet hatten.
Die Inseln von Hawaii liegen mitten im Pazifik und stehen vor einem besonderen Abfallproblem. Das Recycling von Kunststoff ist dort teuer und kompliziert, weil der Müll über Tausende Kilometer zu Verwertungsanlagen verschifft werden muss. Die Deponien der Inseln sind voll, und gleichzeitig spült das Meer ständig neuen Plastikmüll an die Strände. Alle paar Jahre treibt der Große Pazifische Müllstrudel an die Inselkette heran. Den größten Anteil am Meeresmüll Hawaiis haben nach Angaben der Forscher herrenlose Fischernetze, die im Meer treiben und dort Tiere gefährden. Das Bounty-Projekt des Center for Marine Debris Research an der Hawaii Pacific University bezahlt lizenzierte Berufsfischer dafür, solche Netze aus dem Meer zu holen. Auf diese Weise wurden bereits 84 Tonnen großer Fischereiausrüstung aus dem Pazifik geborgen. Doch was geschieht mit dem geborgenen Plastikmüll? Verbrennen, Deponieren oder Verschiffen sind teuer oder belasten die Umwelt. Die Forscher suchten deshalb nach einer Verwendung direkt auf den Inseln.
Die Idee, Kunststoff in Straßen einzubauen, ist nicht neu. Auch in einigen Bundesstaaten der USA wie Missouri und Texas laufen entsprechende Projekte. Hawaii ist jedoch nach Angaben der Forscher das erste Projekt, das dafür Meeresmüll verwendet. Seit 2020 werden die Straßen Hawaiis überwiegend mit polymermodifiziertem Asphalt gebaut, dem Kunststoffe zugesetzt werden, weil er besser gegen Risse, Spurrillen und Wasserschäden schützt. Standardmäßig kommt dafür ein synthetischer Kautschuk namens Styrol-Butadien-Styrol zum Einsatz. Das Verkehrsministerium des Bundesstaats wandte sich an das Team um die Forscherin Jennifer Lynch mit zwei Aufträgen. Die Forscher sollten Fischernetze aus dem Meer für den Asphalt bereitstellen und messen, ob Straßen mit recyceltem Plastik mehr Mikroplastik freisetzen als Straßen mit dem üblichen Zusatz. Genau diese Frage ist entscheidend, denn eine Straße, die den Müll aus dem Meer nur in Form von winzigen Partikeln wieder in die Umwelt abgibt, wäre keine Lösung, sondern eine Verlagerung des Problems.
Für die Versuchsstrecken sammelten die Forscher herrenlose Fischernetze und Plastikmüll von Stränden und wählten Abfälle aus Polyethylen aus, einem widerstandsfähigen Kunststoff, aus dem etwa Milchkanister bestehen. Ein Unternehmen verarbeitete den Abfall zu Material, das sich für Asphalt eignet, und eine örtliche Baufirma auf Oahu mischte den zerkleinerten Kunststoff in ihren Asphalt. Anschließend wurde eine Wohnstraße abschnittsweise mit drei verschiedenen Belägen gebaut: mit dem üblichen Kautschukzusatz, mit Polyethylen aus den Recyclingbehältern von Honolulu und mit Polyethylen aus Fischernetzen. Mehr als eine Tonne Fischernetze wurde auf diese Weise bereits in Straßen Hawaiis verbaut. Im Jahr 2024 begann eine zweite Phase mit fünf Versuchsabschnitten, darunter Beläge, die ganz ohne den Kautschukzusatz auskommen. Vorgestellt hat der Forscher Jeremy Axworthy die Ergebnisse im März 2026 auf der Frühjahrstagung der American Chemical Society in Atlanta, wie die Mitteilung der American Chemical Society zu Hawaiis Plastikstraßen beschreibt.
Nach elf Monaten regulären Verkehrs kehrten die Forscher zurück und sammelten Straßenstaub von den verschiedenen Abschnitten. Mit aufwendigen chemischen Analysemethoden prüften sie, wie viel Mikroplastik die Beläge abgegeben hatten und ob Zusatzstoffe aus dem Kunststoff ausgewaschen wurden. Das Ergebnis fiel ermutigend aus. Die Beläge mit recyceltem Polyethylen setzten nicht mehr Kunststoffpartikel frei als die Vergleichsstrecke mit dem üblichen Kautschukzusatz. Das galt sowohl für die Messungen auf der Straße als auch für mechanische Belastungstests im Labor. Überraschend war eine andere Erkenntnis: Der weitaus größte Teil des Mikroplastiks im Straßenstaub stammte gar nicht aus dem Asphalt, sondern vom Abrieb der Reifen. Der Reifenabrieb überlagerte jedes Signal, das aus dem recycelten Kunststoff hätte stammen können. Damit rückt eine Quelle von Mikroplastik in den Blick, die in der öffentlichen Debatte oft untergeht, obwohl sie auf jeder Straße der Welt entsteht, unabhängig davon, woraus der Belag besteht.
So positiv die ersten Ergebnisse ausfallen, sie sind noch kein endgültiger Beleg. Die Befunde wurden auf einer wissenschaftlichen Tagung vorgestellt und nicht in einer begutachteten Fachzeitschrift veröffentlicht. Elf Monate sind zudem ein kurzer Zeitraum für eine Straße, die Jahrzehnte halten soll. Ob sich der Belag mit recyceltem Kunststoff unter der Belastung durch Verkehr, Sonne und Regen über viele Jahre genauso verhält wie herkömmlicher Asphalt, müssen weitere Untersuchungen zur Haltbarkeit klären. Offen bleibt auch, was am Ende der Lebensdauer einer solchen Straße geschieht, wenn der Belag abgefräst und erneuert werden muss. Kritiker von Plastikstraßen verweisen grundsätzlich darauf, dass Kunststoff im Straßenbau den Müll nur umlagert, statt ihn zu vermeiden. Die Forscher sehen darin dagegen eine sinnvolle Verwendung für Abfälle, die ohnehin bereits vorhanden sind. Nach Worten von Axworthy lassen sich so die Umweltbelastung und die Kosten verringern, die durch Verschiffen, Verbrennen oder Deponieren von Plastikmüll entstehen.
Hawaii ist ein Sonderfall, weil die Inseln abgelegen sind und besonders stark unter angespültem Meeresmüll leiden. Die Frage, ob sich Kunststoffabfälle sinnvoll im Straßenbau verwenden lassen, stellt sich aber weltweit. Die Messmethoden, die das Team entwickelt hat, könnten nach Ansicht der Forscher als Orientierung für den Einsatz von recyceltem statt neuem Kunststoff in Straßen dienen. Sollten Langzeitstudien bestätigen, dass die Straßen haltbar sind und kein zusätzliches Mikroplastik abgeben, könnte die Technik gleich zwei Probleme angehen: die Verschmutzung der Meere und die überlaufenden Deponien. Gleichzeitig lenkt die Studie den Blick auf den Reifenabrieb als eine der wichtigsten Quellen von Mikroplastik überhaupt. Diese Quelle lässt sich durch den Belag nicht beseitigen, weil sie mit jedem gefahrenen Kilometer entsteht. Für die Debatte über Plastik in der Umwelt bedeutet das, dass die eigentliche Herausforderung auf der Straße womöglich weniger im Asphalt liegt als in den Reifen, die darüber rollen.